ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2010Darmkrebsprävention: Großes Engagement allerorten

POLITIK

Darmkrebsprävention: Großes Engagement allerorten

Dtsch Arztebl 2010; 107(10): A-424 / B-376 / C-368

Gerst, Thomas

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LNSLNS Parallel zur Aufklärungskampagne der Felix-Burda-Stiftung im „Darmkrebsmonat März“ setzen sich die Kassenärztlichen Vereinigungen für die präventive Koloskopie ein. Eine aktuelle Studie wertet die bis 2008 durchgeführten Untersuchungen aus.

Großes Engagement beim Thema Darmkrebsprävention – mit einer Vielzahl von Aktionen werben die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder im März für eine stärkere Inanspruchnahme der Ko-loskopie als Krebsfrüherkennungsmaßnahme. So baut die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Bayerns in den Münchener Riem-Arkaden ein großes, begehbares Darmmodell auf, in dem sich Interessierte ein Bild von der Entstehung und den Stadien des Darmkrebses machen und alle Stadien der Erkrankung „abschreiten“ können. Gemeinsam mit der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen und der Barmer GEK beteiligt sich die KV Nordrhein in Mönchengladbach an der Aktion „1 000 starke Männer“, mit der insbesondere Männer ab einem Alter von 55 Jahren zur Teilnahme an der Koloskopie bewogen werden sollen. Die KV Berlin ruft mit der Initiative „Berlin-gegen-Darmkrebs“ zur Früherkennung auf. In einem Modellprojekt sollen in der Hauptstadt Typ-2-Diabetiker, die bei der Techniker-Krankenkasse versichert sind, eine personenbezogene Einladung zur Vorsorgekoloskopie erhalten. Die KV Berlin unterstützt dieses Projekt. „Vielleicht hat das eine Vorbildfunktion für andere Kassen und motiviert diese, sich ebenfalls mit persönlichen Einladungsschreiben an ihre Risikopatienten zu wenden“, betonte die KV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Angelika Prehn. Ähnliche Aktionen werden auch in anderen KVen durchgeführt.

Kolorektales Karzinom in Übergröße. Mit einem begehbaren Darm sollen die Münchener für das Thema Koloskopie sensibilisert werden. Foto: Felix-Burda-Stiftung
Kolorektales Karzinom in Übergröße. Mit einem begehbaren Darm sollen die Münchener für das Thema Koloskopie sensibilisert werden. Foto: Felix-Burda-Stiftung
Motivation weiter verbessern

Im Jahr 2002 hatte die Felix-Burda-Stiftung zum ersten Mal den März zum „Darmkrebsmonat“ auserkoren. Christa Maar, Exehefrau des Münchener Verlegers Hubert Burda, hatte ein Jahr zuvor den Tod ihres Sohnes Felix, verursacht durch Darmkrebs, zu beklagen. Maar betrachtet es als sein Vermächtnis, alles in ihrer Macht Stehende für die Verhinderung von Darmkrebs zu tun. Die von der Stiftung in Gang gesetzte Medienkampagne zeigte bald Wirkung. Auf Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses haben seit dem Jahr 2003 alle gesetzlich Krankenversicherten ab 55 Jahre einen Anspruch auf maximal zwei Früherkennungskoloskopien im Abstand von mindestens zehn Jahren. Parallel zu dieser Erweiterung der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen wurde die Beratung der Versicherten über die Möglichkeiten der Darmkrebsprävention in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen.

Das Zentralinstitut (ZI) für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland hat soeben seinen „6. Jahresbericht zur Früherkennungskoloskopie (2008) vorgelegt. Danach haben in den Jahren 2003 bis 2008 seit Einführung in den GKV-Leistungskatalog circa 3,3 Millionen Versicherte an dieser Krebsfrüherkennungsmaßnahme teilgenommen. Der Untersuchungskomplex wird derzeit als Präventionsleistung außerhalb der Regelleistungsvolumina mit etwa 192 Euro (regionale Schwankungen) vergütet.

KBV will gezielte Einladung
Die kumulierte Teilnahmerate von Männern und Frauen bis zu 74 Jahren – unter Berücksichtigung der in diesem Zeitraum möglicherweise bereits verstorbenen Screeningteilnehmer – beträgt 15,5 und 17,2 Prozent. Bei einer ähnlichen Teilnahmerate in den Jahren 2009 bis 2012 rechnet das ZI damit, dass sich rund 30 Prozent der Versicherten, die im Jahr 2003 der Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen angehörten, einer präventiven Koloskopie unterzogen haben werden. Bewertung des Zentralinstituts zur Teilnahmerate: „Trotz der vor allem in den unteren Altersgruppen zufriedenstellenden Akzeptanz über die ersten sechs Jahre nach Einführung der Früherkennungskoloskopie muss die Motivation zur Teilnahme an dieser präventiven Maßnahme weiter verbessert werden.“

Allerdings ist die vom ZI genannte Beteiligungsrate mit Vorsicht zu genießen, weil darin nicht die kurativen Koloskopien enthalten sind, die zur Klärung klinischer Zeichen und Symptome oder zur Nachsorge durchgeführt werden. Bei einer mit Routinedaten der KV Bayerns 2006 durchgeführten wissenschaftlichen Studie (DÄ, Heft 24/2008) stammten von den 230 102 ausgewerteten Datensätzen 54 491 aus der präventiven Koloskopie. Ein Großteil der kurativen Koloskopien wird sicherlich der für das präventive Screening infrage kommenden Altersgruppe zuzurechnen sein, so dass in diesen Fällen im Zehnjahreszeitraum keine weitere Untersuchung angezeigt wäre. So weist das ZI selbst auf eine repräsentative Befragung hin, nach der nur 28 Prozent der Befragten noch nie einen Stuhlbluttest oder eine Koloskopie haben durchführen lassen.

Den Nutzen des Darmbrebs-screenings bewertet das ZI positiv. Fortgeschrittene Adenome seien bei 5,1 Prozent der weiblichen und 9,0 Prozent der männlichen Teilnehmer gefunden worden. Bei 1,1 Prozent der Untersuchten wurde ein kolorektales Karzinom diagnostiziert, wobei die Mehrzahl der Patienten bei der Schweregradausprägung des Tumorbefunds ein günstiges Krankheitsstadium aufwies.

Angesichts dieser Zahlen und der von ihr insgesamt als unzureichend erachteten Nutzung von Krebsfrüherkennungsmaßnahmen will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine Präventionsinitiative in Gang setzen. Mit einem patientengerechten Einladungsschreiben zum Darmkrebsscreening will sie die Teilnahmerate erhöhen. Diesen Vorschlag will die KBV in den Nationalen Krebsplan und in den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss einbringen (siehe 3 Fragen an . . .). Es sei davon auszugehen, dass mit einer gezielten Ansprache die Teilnahmerate erheblich gesteigert werden könne.

Mehr Nutzen als Schaden?
Kritik an solchen Plänen kommt von Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser, Universität Hamburg. Beim Deutschen Krebskongress in Berlin verwies sie kürzlich auf Probleme bei der Dokumentation der Komplikationen: Die Phasen der Vorbereitung und der Zeit nach der Koloskopie würden nicht ausreichend erfasst. Ob mit der präventiven Koloskopie mehr Nutzen als Schaden hervorgerufen wird, ist für sie noch nicht geklärt. Sie verweist auf Überdiagnosen und Übertherapien in der Folge von Koloskopien und spricht sich vor diesem Hintergrund gegen ein gezieltes Einladungsverfahren aus. Abschließende Sicherheit zum Verfahren könnte eine randomisierte kontrollierte Studie bringen, die im Mai 2009 in mehreren europäischen Ländern angelaufen ist. Einziges Problem: Ergebnisse aus dieser Studie sind frühestens in 16 Jahren zu erwarten.
Thomas Gerst

@ZI-Jahresbericht zur Früherkennungskoloskopie im Internet unter www.aerzteblatt.de/10424
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