ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2010Streit zwischen Berufsverbänden: Kinderärzte fordern mehr eigene Verträge

POLITIK

Streit zwischen Berufsverbänden: Kinderärzte fordern mehr eigene Verträge

Dtsch Arztebl 2010; 107(10): A-428 / B-380 / C-372

Rieser, Sabine

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LNSLNS In Bremen wurde die AOK per Schiedsspruch dazu verpflichtet, einen eigenen Hausarztvertrag für Kinder und Jugendliche anzubieten. Das ist nicht überall so – zum Ärger des Kinderarztverbandes.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) verlangt von den Krankenkassen, beim Abschluss von Hausarztverträgen nach § 73 b SGB V stärker auf kinderspezifische Versorgungselemente und pädiatrische Qualität zu achten. Er fordert vor allem eigene Verträge für Patienten bis zu 18 Jahren.

„Selbst in einem Flächenstaat wie Baden-Württemberg betreut ein niedergelassener Kinder- und Jugendarzt 40-mal so viele Kleinkinder, 24-mal so viele Schulkinder bis elf Jahre und dreimal so viele Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren wie ein Hausarzt“, verwies Dr. med. Klaus Rodens Anfang März in Berlin auf Daten aus dem Jahr 2008. Rodens ist bvkj-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg.

Dort hat die AOK im Mai 2008 einen Hausarztvertrag nach § 73 b mit dem Deutschen Hausärzteverband (HÄV) und Medi geschlossen – ohne Altersgrenze. Rodens kritisiert diese Option: „Der Gesetzgeber hat nicht berücksichtigt, dass die Kinder- und Jugendärzte die Regelversorger der Altersgruppe von null bis 18 Jahren sind.“

HÄV und bvkj streiten seit längerem über 73-b-Verträge. Im Juni 2009 hatte bvkj-Präsident Dr. med. Wolfram Hartmann klargestellt: „Wir sagen nicht, dass Hausärzte keine Kinder und Jugendliche behandeln sollen. Aber wir sagen, dass der, der sie behandelt, eine entsprechende Qualifikation braucht.“ Konkret verlangte er, dass Ärztinnen und Ärzte ohne abgeschlossene Weiterbildung in Kinder- und Jugendmedizin Mindestweiterbildungszeiten auf diesem Gebiet sowie eine kontinuierliche Fortbildung vorweisen müssten.

Hausärzte: U10 und U11 sind auch bei uns gut aufgehoben
Die AOK Baden-Württemberg und ihre Vertragspartner wiesen auch die jüngste Kritik an ihrem Vertrag zurück. Sie argumentieren unter anderem mit einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam), in dem eine gemeinsame ambulante Grundversorgung des Nachwuchses durch Allgemeinärzte und Pädiater befürwortet wird.

Der Vorstandsvorsitzende des HÄV-Landesverbands Baden-Württemberg, Dr. med. Berthold Dietsche, betonte, dass Hausärzte seit jeher die Anlaufstelle für viele Familien seien, gerade in ländlichen Gebieten: „Zudem werden über 80 Prozent der pädiatrischen Notfälle, der überwiegende Teil der Hausbesuche und etwa die Hälfte der Gesamtkontakte ab dem Grundschulalter von Hausärzten geleistet.“ Gerade die neu konzipierten Vorsorgeuntersuchungen U10 und U11 im Grundschulalter seien entgegen der Auffassung des bvkj auch bei Allgemeinärzten gut aufgehoben.

Dr. med. Werner Baumgärtner, Medi-Vorstandsvorsitzender, verwies darauf, dass auch Pädiater am Vertrag teilnehmen könnten und dabei gut verdienten. Details nannte er nicht. Bekannt ist, dass bei Vertragsabschluss Regelungen für Kinder- und Jugendärzte aufgenommen wurden. Sie erhalten zum Beispiel eine kontaktunabhängige Jahrespauschale von 65 Euro pro Kind. Überweist ein Hausarzt ein bei ihm eingeschriebenes Kind zum Pädiater, erhält dieser 30 Euro. Dem Hausarzt wird seine Pauschale entsprechend gekürzt.

Auf mehr Zustimmung des bvkj ist bislang die Vertragsgestaltung in Bayern gestoßen. Dort hat die AOK zwei Verträge abgeschlossen: einen mit dem Hausärzte-, einen mit dem Kinderärzteverband. Nach Angaben der AOK sind derzeit etwa 150 000 Kinder und Jugendliche im Vertrag mit den Kinderärzten eingeschrieben und circa 200 000 im Vertrag mit den Hausärzten.

Zur neuen Vertragslandschaft gehört die Vielzahl von Varianten. In Bremen wurde die AOK im Schlichtungsverfahren verpflichtet, einen eigenen Hausarztvertrag für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre aufzulegen. In Niedersachsen, wo unlängst ein sogenannter Add-on-Vertrag zwischen der AOK, den Hausärzteverbänden in Niedersachsen und Braunschweig sowie der Kassenärztlichen Vereinigung abgeschlossen wurde, liegt die Altersgrenze bei 16 Jahren. Von diesem Alter an können sich Jugendliche im Hausarztvertrag einschreiben.
Sabine Rieser

@Die Degam-Position und ein Artikel zur Kritik des Deutschen Ärztetages am Kompetenzgerangel im Internet: www.aerzteblatt.de/10428


Status und Wohnort entscheiden
In seinem Sondergutachten 2009 hat sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung im Gesundheitswesen ausführlich mit spezifischen Versorgungsanforderungen bei Kindern und Jugendlichen und beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter befasst. Darin wird unter anderem festgestellt: „Mit zunehmendem Alter gehen die Heranwachsenden der hohen Sozialstatusgruppen etwas seltener zum Kinderarzt und deutlich weniger zum Allgemeinarzt als Kinder aus Familien mit mittlerem und niedrigem Sozialstatus. In ländlichen Regionen liegt die Inanspruchnahme der Kinderärzte deutlich unter der in Großstädten, und in den neuen Bundesländern werden Kinderärzte noch eher im Jugendalter aufgesucht als in den alten Bundesländern.“
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