ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2010Erdbebenkatastrophe in Haiti: „Das Chaos war gewaltig“

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Erdbebenkatastrophe in Haiti: „Das Chaos war gewaltig“

Dtsch Arztebl 2010; 107(10): A-442 / B-388 / C-380

Osterloh, Falk

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LNSLNS Nach dem Erdbeben nahe der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince sind viele deutsche Ärzte mit Hilfsorganisationen in das mittelamerikanische Land geflogen. Eine Unfallchirurgin und ein Allgemeinmediziner berichten von ihren Erfahrungen.

80 Prozent aller Häuser der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince stürzten Schätzungen zufolge bei dem Erdbeben ein. Fotos: dpa
80 Prozent aller Häuser der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince stürzten Schätzungen zufolge bei dem Erdbeben ein. Fotos: dpa
Als wir ankamen, lagen die Patienten bereits dicht an dicht auf Stapelpaletten, aufgeklappten Pappkartons oder einfach auf dem Boden vor der Apotheke. Es waren zwischen 70 und 90 Patienten mit zum Teil schweren offenen Frakturen und Weichteilverletzungen. Ständig wurden neue Patienten gebracht. Wir haben sofort angefangen zu operieren“, berichtet Dr. med. Inga Osmers von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Die 36-jährige Unfallchirurgin erreichte Port-au-Prince zusammen mit einem Team aus Ärzten, Krankenschwestern und Logistikern vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben, dessen Epizentrum sich kaum 30 Kilometer von der haitianischen Hauptstadt entfernt befand. Der Innenhof einer Apotheke, die gegenüber eines eingestürzten Traumazentrums von Ärzte ohne Grenzen lag, diente ihnen als provisorischer Operationssaal. Operiert wurde auf zwei umfunktionierten Küchentischen, einer unter freiem Himmel, einer in einem Schiffscontainer. „Wir hatten nur wenige chirurgische Instrumente, zwei, später drei Amputationssiebe, ein Laparatomiesieb und zwei Siebe für einfache Debridements“, erklärt Osmers. „Sterilisiert wurden die Instrumente in einem kleinen Gassterilisator draußen neben dem Container.“ Viele Verletzte hatten schwer infizierte Wunden, einige litten bereits an einer Sepsis, so dass die Ärzte gerade in den ersten Tagen viele Amputationen durchführen mussten. „Wir waren überrascht, wie sauber die Wunden nach zwei Tagen aussahen“, sagt Osmers. „Wir hatten wenige Komplikationen, und als ich nach drei Wochen abreiste, waren die meisten Amputationen bereits erfolgreich sekundär verschlossen. Es ist erstaunlich, unter was für einfachen Bedingungen Chirurgie funktioniert.“

„Ich danke Ihnen, dass ich überlebt habe“
Das Erdbeben vom 12. Januar war das schwerste in der Geschichte Haitis. Mehr als 200 000 Menschen haben Schätzungen zufolge ihr Leben verloren, weitere 300 000 wurden zum Teil schwer verletzt. Bereits vor der Katastrophe arbeiteten circa 730 nationale und internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in dem Land, nach dem Erdbeben waren es etwa 3 100.

Nach einigen Tagen wechselte die Berliner Ärztin in ein anderes Krankenhaus, um dort zu operieren: „Als wir durch die Stadt fuhren, wurde mir erst das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst. Die Stadt lag in Trümmern, die Menschen schliefen auf der Straße, weil sie entweder obdachlos waren oder Angst vor Nachbeben hatten. Mit Steinen und alten Autoreifen steckten sie Areale ab, in denen sie dicht gedrängt lagen. Einer blieb immer wach, weil die Straßen vor allem in der Nacht nicht sicher waren.“

Sieben Tage nach dem Erdbeben erreichte Dr. med. Michael Brinkmann die haitianische Hauptstadt mit einem Team der Hilfsorganisation Humedica. „Das Chaos und auch die Schwere der Verletzungen waren gewaltig“, sagt der 51-jährige Allgemeinmediziner aus Niederkassel. „Wir hatten viele tiefgreifende Weichteilverletzungen, unter anderem, weil Helfer die Verletzten unter schweren Steinbrocken herausgezogen hatten. Wir hatten Kompartmentsyndrome und Einblutungen bis tief ins Gewebe.“ Brinkmann gehörte zum zweiten Humedica-Team, das mitbrachte, was in Port-au-Prince bislang fehlte, unter anderem Material zur externen Fixierung von Frakturen. „Ein haitianischer Arzt hat ein altes Röntgengerät aus dem Keller hervorgezaubert und sogar Chemikalien zum Entwickeln der Bilder aufgetrieben“, erzählt Brinkmann. „So konnten wir viele geschlossene Mehrfragmentfrakturen diagnostizieren, mit einer externen Fixierung behandeln und mussten nicht amputieren.“

Im Innenhof eines Krankenhauses wurden die Verletzten von Angehörigen und Ärzten versorgt. Foto: Michael Brinkmann
Im Innenhof eines Krankenhauses wurden die Verletzten von Angehörigen und Ärzten versorgt. Foto: Michael Brinkmann
Der Allgemeinmediziner arbeitete zusammen mit Unfallchirurgen, Allgemeinchirurgen und Anästhesisten in einer zum Teil zerstörten Geburts- und Augenklinik. „Meine Aufgabe war es, die Verletzten stationär zu betreuen, beispielsweise eine primäre Wundversorgung durchzuführen, Verbände zu wechseln, Antibiotika und Schmerzmittel zu verteilen, aber auch bei Operationen zu assistieren“, sagt er. Die Patienten lagen auf Matratzen im Innenhof des Hospitals. Viele Angehörige und Freunde kümmerten sich um sie. Dolmetscher halfen dabei, dass sich die Helfer und ihre Patienten verständigen konnten. „Wir haben uns abends oft zu den Patienten gesetzt und mit ihnen gesprochen“, berichtet Brinkmann. „Eine 34-jährige Sekretärin hat mir erzählt, wie sie im Parterre eines dreistöckigen Hauses gearbeitet hat, als die Erde bebte. Sie war 14 Stunden unter den Trümmern eingeklemmt, bis ihr Bruder sie herausgezogen hat. Ihr Bein war angeschwollen, und die Schmerzen wurden immer größer. Zwölf Tage nach dem Beben kam sie zu uns mit einem massiven Kompartmentsyndrom. Wir mussten am Oberschenkel amputieren. Als sie aus der Narkose erwacht ist, sagte sie: ,Ich danke Ihnen, dass ich überlebt habe.‘ Das berührt einen sehr stark.“

„Alle konnten nehmen, was sie brauchten“
Der Niederkasseler Arzt ist mit der Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen im Katastrophengebiet sehr zufrieden. „Wir waren mit mehreren Organisationen in einer Schule untergebracht. Jede von ihnen stellte ihre Hilfsmittel in ein großes Zelt, und alle konnten daraus nehmen, was sie brauchten.“

Ein kleiner Unterschied
Auch Osmers lobt die Arbeit der Hilfsorganisationen: „Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel arbeitet extrem effizient. Wir Ärzte konnten uns ausschließlich auf unsere Arbeit konzentrieren, logistische oder administrative Aufgaben wurden uns vollständig abgenommen.“ So hätten sie die gesamte Energie auf die Patientenversorgung fokussieren und in der ersten Woche 210 Operationen durchführen können. „Es war, neben all dem Schrecken, eine sehr befriedigende Arbeit, die einem das Gefühl vermittelte, in dieser apokalyptischen Situation einen kleinen Unterschied machen zu können“, so Osmers.

Etwa zwei Monate nach dem Erdbeben ist die Katastrophenhilfe in Haiti weitgehend abgeschlossen. „Jetzt geht es darum, den Menschen auch wieder eine allgemeinmedizinische Basisversorgung zu bieten und zum Beispiel Durchfallerkrankungen, Malaria oder Diabetes zu behandeln“, sagt Brinkmann. Humedica schicke nun kleine Teams auch in Dörfer der Umgebung, um die Menschen dort zu untersuchen und zu behandeln. Darüber hinaus will Humedica das Krankenhaus wieder aufbauen und eine Prothesenwerkstatt errichten. Auch viele andere Hilfsorganisationen werden noch lange in Haiti bleiben. Denn „bis ein halbwegs funktionierendes Gesundheitssystem wieder aufgebaut ist, wird es noch sehr lange dauern“, meint Brinkmann. Dass mittlerweile die Regenzeit in Haiti begonnen hat, wird diese Aufgabe nicht erleichtern.
Falk Osterloh
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