ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Gründe für eine generelle Impfung gegen Hepatitis B

MEDIZIN: Diskussion

Gründe für eine generelle Impfung gegen Hepatitis B

Voss, Michel; Jilg, Wolfgang

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Wolfgang Jilg in Heft 47/1996
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LNSLNS Generelle Gründe fehlen
Der Artikel von Herrn Professor Wolfgang Jilg enthält zahlreiche Argumente, die für eine Verbesserung der allgemeinen Hygiene und des Schularzt-Systems sprechen, nicht jedoch Gründe für eine generelle Impfung gegen Hepatitis B, wie im Titel angekündigt.
¿ Die Prävalenz der chronischen Hepatitis B beträgt 0,7 Prozent der Bevölkerung; die Hepatitis-CVirusinfektion, vor der die Impfung nicht schützt (wohl jedoch verbesserte Hygienemaßnahmen), ist ebenso häufig (1).
À Daß unter 8 190 geimpften Personen kein einziger Fall von Hepatitis B auftrat, kann auch andere Erklärungen haben:
a. In Kliniken, in denen gegen Hepatitis B geimpft wird, herrschen bessere allgemeinhygienische Zustände,
b. Hepatitis-B-geimpfte Personen verzichten auf die Meldung von Nadelstichverletzungen und entsprechende Antikörperkontrollen.
Á Die starke Abnahme der Hepatitis-B-Fälle am Universitätsklinikum Freiburg von 42 auf zwei kann auch hier an der Verbesserung der allgemeinen Hygienemaßnahmen liegen: 1976 hat Herr Professor Daschner die Leitung der Klinikhygiene übernommen (2).
 Grafik 2, Gemeldete Fälle: Aus Absolutzahlen lassen sich überhaupt keine Schlüsse ziehen, wenn man die Bezugsgröße (Zahl der Vollarbeitskräfte) nicht kennt.
à Sollte wirklich ein Rückgang der Hepatitis-B-Neuerkrankungsrate im medizinischen Bereich vorliegen, so sind hierfür durchaus auch andere Ursachen zu diskutieren: Zunehmende Verbreitung von Schutzhandschuhen und Durchsetzung des Recapping-Verbots in der alltäglichen Praxis.


Michel Voss (Arzt)
Graf-Adolf-Straße 18 51065 Köln
Literatur
1. Kühnl P, Seidl S, Stangel W, Beyer J, Sibrowski W, Flik J: Antibody to hepatitis C virus in German blood donors. Lancet 1989; 2: 324.
2. Daschner F: Antibiotika in der Praxis mit Hygieneratschlägen. 2., überarb. Aufl., Springer, 1995.


Schlußwort
Die Wirksamkeit der Hepatitis-B-Impfung wurde in großangelegten Doppelblinduntersuchungen (3,4) und ausgedehnten Feldstudien (1, 6) demonstriert und kann heute ernsthaft nicht mehr bezweifelt werden. In allen Gruppen, in denen diese Impfung in größerem Umfang eingesetzt wurde, nahm die Hepatitis-B-Inzidenz ab. Das gilt selbstverständlich auch für medizinisches Personal, wie nicht nur in Deutschland, sondern auch in einer Reihe anderer Länder gezeigt werden konnte (2, 5). Natürlich ist der Einwand von Herrn Kollegen Voss, daß in den von mir angeführten Beispielen die Abnahme der Hepatitis-B-Inzidenz auch auf verbesserte Hygienemaßnahmen zurückzuführen sein könnte, wie er in seinen Punkten 2, 3 und 5 ausführt, durchaus berechtigt; das durch die Einführung der Impfung verstärkte Problembewußsein bezüglich einer beruflich bedingten Hepatitis-B-Infektion hat sicher bei vielen auch zu erhöhter Vorsicht im Umgang mit potentiellen Infektionsquellen geführt. Daß angesichts der auch heute im Klinikalltag leider noch häufigen Stich- und Schnittverletzungen diese Maßnahmen allein den beobachteten Rückgang der Hepatitis-B-Fälle bewirkt haben, halte ich für nicht sehr wahrscheinlich.
Allerdings ist der im Beitrag von Herrn Voss ganz in den Vordergrund gerückte Aspekt des Rückgangs der Hepatitis-B-Inzidenz im medizinischen Bereich in Deutschland nicht das Thema meines Artikels; hier wollte ich ja darlegen, warum wir über die Impfung von Risikogruppen wie der des medizinischen Personals hinaus die Impfung der gesamten Bevölkerung anstreben müssen, um die Hepatitis B in Deutschland zu eliminieren. Gerade bei Betrachtung der Hepatitis-B-Situation in der Gesamtbevölkerung zeigt sich ja, daß Hygienemaßnahmen zwar zu einer Reduktion der Neuinfektionen führen, aber die Erkrankung eben nicht zum Verschwinden bringen, ja selbst ein Wiederansteigen der Infektionsfrequenz nicht verhindern können. Das ist der Grund, warum wir auch heute noch etwa 50 000 Fälle von Neuinfektionen mit Hepatitis B verzeichnen müssen und warum wir heute noch etwa 500 000 chronische Hepatitis-B-Virusträger in Deutschland haben, von denen ein großer Teil an den Folgen dieser Infektion sterben wird.
Die Kritik von Herrn Kollegen Voss an der Grafik 2, die die absoluten Zahlen der an die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gemeldeten berufsbedingten Hepatitisfälle zeigt, ist richtig; es lassen sich ohne Kenntnis der Gesamtzahl der Versicherten hier keine Schlüsse ziehen. Die Zahl der bei der BGW Versicherten (Vollarbeiter) hat im Zeitraum von 1984 bis 1994, den die Grafik angibt, von 1,64 Millionen kontinuierlich auf über 2,2 Millionen zugenommen; der Rückgang der gemeldeten Fälle ist also tatsächlich noch wesentlich deutlicher, als die Grafik vermuten läßt. Was allerdings die Notwendigkeit einer generellen Hepatitis-B-Impfung mit der Tatsache zu tun hat, daß, wie Herr Voss in seinem ersten Punkt anführt, der Prozentsatz der Hepatitis-C-Infizierten in der Bevölkerung ebenso groß ist wie der der chronischen Hepatitis-B-Virus-Träger, nämlich 0,7 Prozent (nach neueren eigenen Untersuchungen [Palitzsch et al, unveröffentlicht] dürfte er etwas niedriger, bei 0,5 bis 0,6 Prozent liegen), leuchtet mir trotz der ähnlichen Übertragungsweise für beide Infektionen nicht ein; ungefähr gleiche Durchseuchungsraten mit beiden Viren bedeuten ja noch nicht, daß beide Infektionen durch die gleichen, zum Beispiel hygienischen, Maßnahmen gleich gut zu bekämpfen sind.


Literatur:
1. Coursaget P, Leboulleux D, Soumare M et al.: Twelve-year follow up study of hepatitis B immunization of Senegalese infants. J Hepatology 1994; 21: 250-254.
2. Grob PJ, Joller HI, Steffen R, Gutzwiller F: Acute viral hepatitis five years after start of vaccination campaign in Zurich. Lancet 1988; ii, 402.
3. Hadler SC, Coleman PJ, O’Malley P et al.: Evaluation of long-term-protection by hepatitis B vaccine for seven to nine years in homosexual men. In: Hollinger FB, Lemon SM, Margolis H, eds.: Viral hepatitis and liver disease. Baltimore: Williams and Wilkins, 1991; 766-768.
4. Szmuness W, Stevens CE, Zang EA et al.: A controlled clinical trial of the efficacy of the hepatitis B vaccine (Heptavax B): a final report. Hepatology 1981; 5: 377-385.
5. Van Damme P, Tormans G, Van Doorslaer E, Meheus A: A European risk model for hepatitis B among health care workers. Eur J Publ Health (im Druck).
6. Wainwright RB, McMahon BJ, Bulkow LR et al.: Duration of immunogenicity and efficacy of hepatitis B vaccine in a Yupik eskimo population - preliminay results of an 8-year study. In: Hollinger FB, Lemon SM, Margolis H, eds.: Viral hepatitis and liver disease. Baltimore: Williams and Wilkins, 1991; 762-766.


Prof. Dr. med. Wolfgang Jilg
Institut für Medizinische
Mikrobiologie und Hygiene
der Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg

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