ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Hochschulbau: Därme aus der Decke

VARIA: Bildung und Erziehung

Hochschulbau: Därme aus der Decke

Driesen, Oliver

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LNSLNS Deutschlands Universitäten und Fachhochschulen schieben einen riesigen Sanierungsstau vor sich her - mangels öffentlicher Mittel. Vor allem die Gebäude aus der Bildungsboom-Ära der 60er und 70er Jahre verkommen immer mehr zu akademisch bevölkerten Ruinen. Rissige Fassaden, einsturzgefährdete Hörsäle, Wasserlachen in Bibliotheken symbolisieren ein bröckelndes Bildungsideal. Schon greifen Studenten, der ausgelaugten Planungsbürokratie überdrüssig, zur Selbsthilfe.


Das Juridicum in Bonn, zentrale Lehrstätte für 4 500 Anwärter der juristischen Elite, könnte eine Erste Adresse der altehrwürdigen Universitätsstadt sein: eigene U-Bahn-Haltestelle, respekteinflößender Lateiner-Name - und dann das: "Hier, diese runterhängenden Stromkabel sind echt kraß", sagt Jurastudent André Bußmann bei der Besichtigungsrunde. Von der unverkleideten Decke des 60er-Jahre-Flachbaus, durch die es jahrelang in Seminare und Bibliotheken regnete, hängen wie Gedärme diverse Zuleitungen, teilweise bar jeder Isolierung. Wie ein Hohn wirken acht Quadratmeter neu eingezogener Deckenpanele in einer Ecke. Fachschaftsmitglied Bußmann zeigt die schwarzen Wasserflecken auf den Fußböden ("hier im Flur haben immer die Eimer gestanden") und den ganz normalen Wahnsinn im verdreckten Hörsaal E: "Die Arretierungen der Klappstühle hier sind einfach weggebrochen, und damit auch die Sitze selbst." Hörsaal K nebenan war wegen Baufälligkeit bis vor kurzem geschlossen. Uni-Alltag in Deutschland West.
Uni-Alltag in Deutschland Ost: "Als ich hier 1991 anfing", erinnert sich Peter Gutjahr-Löser, Kanzler der Universität Leipzig, "teilten sich zwölf Mitarbeiter ein Zimmerchen, und auf den Aufzug habe ich eine Dreiviertelstunde gewartet." Und das bei 28 Stockwerken im "steilen Zahn", Hauptgebäude der Geisteswissenschaften und höchstes Haus der Stadt. Aber Gutjahr-Löser machte noch andere Entdeckungen: "Im Pathologie-Gebäude gab es nicht mal einen Kühlraum für die Leichen." Unerträgliches, so der Kanzler, auch in den Bauten der Veterinärmedizin aus den 20er Jahren, an denen zu DDR-Zeiten kein Handschlag getan wurde. Von ähnlich kafkaesken Zuständen berichten Studenten, akademische Lehrer und Verwaltungsangestellte in den Hochschulen quer durch die ganze Republik. Deutschlands Universitäten verrotten - Faustregel: je jünger, desto schlimmer. Den Sanierungsbedarf allein für die Chemie-Gebäude, die zumeist in den 60ern und 70ern eilig hochgezogen wurden, giftigen Dämpfen ausgesetzt sind und heute in keiner Weise mehr Brandschutz- und Umweltvorschriften entsprechen, schätzen Fachleute auf eine runde Milliarde DM. Hinzu kommen die allfälligen Asbest-Bereinigungen. Es fasert, bröckelt und schimmelt von Würzburg bis Hamburg. Doch Länder und Bund schieben sich gegenseitig die Schuld an leeren Kassen zu.

Akuter Sanierungsstau
Und die überbordende Bürokratie der Planungsmaschinerie verzögert eher kreative Lösungen, als sie herbeizuführen. In die Kritik gerät auch der Wissenschaftsrat als jährlich auf den Plan tretende Clearingstelle zwischen den Bedarfsanmeldungen der Hochschulen und den öffentlichen Kassen. Dort werden überwiegend nach Aktenlage die entscheidenden Empfehlungen ausgearbeitet, sobald eine Baumaßnahme 3 Millionen DM überschreitet. Das Gremium habe, klagt Leipzigs Kanzler Gutjahr-Löser, zur Ermittlung des tatsächlichen Finanzbedarfs "pseudorationale Verfahren ausgeheckt, als ob man Paläste nach westlichen Mustern aufstellen wolle". In Leipzig, für dessen Universität eine Zielplanung 1992 die groteske Summe von 2,5 Milliarden DM Baubedarf ergab, sei man aber längst realistischer geworden: "Wir können mit vielleicht 800 Millionen hinkommen." 240 Millionen gibt es jährlich von Bund und Freistaat, und das zwang die Leipziger zu unkonventionellen Lösungen: Die neurologische Uniklinik in Containerbauweise etwa war eigentlich als Interimslösung für fünf Jahre gedacht, jetzt "gehen wir mal davon aus, daß die auch 20 Jahre hält".
Das Dilemma des bundesweit akuten Sanierungsstaus ist in Wahrheit keine Überraschung. "Wir haben schon Ende der 80er Jahre mit einer Studie auf dieses Problem aufmerksam gemacht", sagt Brigitte Weidner-Russell vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover: "Es war klar, daß nach den ersten zehn problemfreien Jahren auch für viele Hochschulneubauten eine große Welle auf uns zurollt." Aufgrund der HIS-Expertise, so Weidner-Russell, erhielt eine Reihe von Universitäten zunächst mehr Mittel, aber ausgerechnet die Wiedervereinigung machte für die Altbundesländer auf doppelte Weise alles wieder zunichte: "Erstens war das Geld dann ohnehin alle, und zweitens schien den Planern die Lage im Westen auf einmal gar nicht mehr so schlimm im Vergleich mit den Ruinen in Ostdeutschland."
Die Betroffenen sehen das anders. Sage und schreibe 450 Gebäude und Liegenschaften hat allein die Universität Bonn, ein Zehntel davon steht unter Denkmalschutz. Für den Unterhalt dieses Konglomerats stehen an Landes- und Bundesmitteln gerade mal 10 Millionen Mark im Jahr zur Verfügung. In der Chemie mit ihrem undichten Flachdach, so Bauamtsleiter Dr. Bernd Kobbe, "stehen überall die Eimer", Betonteile lösen sich von der Fassade. Den im Stich Gelassenen bleibt nur Notwehr. Im Juridicum griffen Fachschafter André Bußmann und seine Kommilitonen, die Professoren und selbst der Rektor eigenhändig zur Farbrolle und tünchten einen Teil des verschandelten Gebäudes sauber weiß. Ein symbolischer Erfolg, doch zukünftige Juristengenerationen ahnen noch gar nicht, was auf sie zukommt. "Wenn die neuen Erstsemester da sind", ist Bußmann entschlossen, "dann krallen wir uns die für den nächsten Anstrich".
Oliver Driesen

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