ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Psychologie und Pädagogik: Wo der Kreis zum „Rundeck“ wird

VARIA: Bildung und Erziehung

Psychologie und Pädagogik: Wo der Kreis zum „Rundeck“ wird

Tuch, Peter

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LNSLNS Denken Kinder anders als Erwachsene? Wie nehmen Säuglinge und Kleinkinder ihre Welt wahr? Offene Fragen, deren Beantwortung überraschende Konsequenzen für das "richtige" Herangehen Erwachsener an Kinder in Erziehung und Schule haben könnte. Entwicklungspsychologen an drei deutschen Universitäten haben sich des Themas angenommen. Schon jetzt drohen alte Kernthesen der Didaktik ins Wanken zu geraten.


Wenn du Kindern etwas ganz deutlich machen willst, mußt du es visualisieren." Diese wohlfeile Faustformel moderner Pädagogik könnte zu den ersten Opfern einer vernetzten Forschungsinitiative auf dem Gebiet kognitiver Entwicklungspsychologie gehören. "Wir haben in Experimenten die Annahme als Mythos entlarvt, daß kleine Kinder ein besseres bildhaftes Gedächtnis hätten als ältere oder Erwachsene", sagt Professor Ruth Schumann-Hengsteler von der Katholischen Universität Eichstätt. Manche Vier- bis Sechsjährige lernen etwa das Addieren oder Multiplizieren besser auf sprachgestütztem Weg und werden von gutgemeinten Wort-BildKombinationen eher verwirrt als gefördert. Das Eichstätter Psychologenteam kratzt damit auch am gegenwärtigen Multimedia-Kult, der schon für Vorschulkinder visuelle Computer-Lernprogramme verlangt. Ob und wie solche Kinder-PC sinnvoll eingesetzt werden können, soll nun ganz neu definiert werden.
Eine Reihe erstaunlicher Beobachtungen wollen die Forschergruppen an den Universitäten Eichstätt, Tübingen und Würzburg als von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,4 Millionen Mark geförderter think tank zu einem neuen Bild vom kindlichen Denken zusammenfügen. Da ist etwa der scheinbare Widerspruch, den der Tübinger Psychologie-Professor Friedrich Wilkening beschreibt: "Physiklehrer können die Flugbahn eines Balles anhand von Formeln exakt berechnen - aber ihn in der Praxis nicht fangen. Kleinkindern fehlen die Formeln, aber sie schnappen sich den Ball." Der Erklärungsansatz Wilkenings: Die Kleinen bringen eine den Erwachsenen oft verlorengegangene Wissenskategorie mit, das "sensomotorische Wissen" um praktische physikalische Vorgänge. Dieses auch als "intuitives" Wissen bezeichnete Vermögen stellt laut Wilkening eine Chance dar, "in frühestens zehn Jahren" einmal ein besseres didaktisches Konzept etwa für den Physikunterricht einzuführen.
Die gängige These, daß das Denken und der Wissenserwerb bei Kindern grundsätzlich anders ablaufe als bei Erwachsenen, wird in den USA und durch die neue Initiative nun auch bei uns immer mehr in Frage gestellt. Sie beruht noch auf der bis in die 70er Jahre als Schulmeinung geltenden Leh-re des Biologen und Erkenntnispsychologen Jean Piaget. Aus seinen Lehrsätzen war abgeleitet worden, daß Kinder die Welt eher durch Beobachtung und allmähliche Verfeinerung statt wie Erwachsene analytisch erkennen. "Es gibt mehr und mehr Evidenz dafür", sagt die Würzburger Projekt-Sprecherin, Professor Beate Sodian, "daß die Unterschiede nicht so groß sind und Kinder schon viel intuitives und sensomotorisches Wissen mitbringen." Schon Babys wissen, daß ein Ball ein dreidimensionales Objekt im Raum ist und nicht durch andere Objekte hindurchgelangen kann.

Kindliche Wahrnehmung
Die Implikationen reichen weit in die Bemühungen von Eltern und professionellen Erziehern hinein, Kindern Kenntnisse vom praktischen und geistigen Leben zu vermitteln. Wie lernen Kinder das Lesen? Die als modern geltende Ganzwortmethode, bewußt nichtanalytisch strukturiert, könnte zu stark auf dem problematischen visuellen Ansatz basieren. Dabei beobachten die Tübinger Kognitions-Psychologen, daß Kinder bereits zu Beginn des Spracherwerbs neue Wörter erfinden, indem sie bekannte Begriffe miteinander verbinden - Beispiel: "Rundeck" für "Kreis". Vorhandenes Wissen wird also kreativ kombiniert und organisiert. Offen ist, welche Denkprozesse zu dieser analytischen Form der Neuorganisation vorhandenen Wissens führen.
Das zunächst auf drei Jahre finanzierte, auf sechs Jahre angesetzte Projekt der drei Universitäten ist vor allem Grundlagenforschung. Denn der Kenntnisstand auf dem Gebiet kindlicher Wahrnehmung und kindlichen Denkens ist noch sehr beschränkt. Allein das Design von Experimenten für Probanden, die in manchen Fällen aufgrund ihres Alters noch nicht einmal sprechen können, ist extrem schwierig. So wollen die Würzburger unter Leitung von Beate Sodian die analytischen Fähigkeiten von Babys herausfinden: Versteht ein Einjähriges, daß es die Blickrichtung einer Person beobachten muß, um vorauszusehen, was sie als nächstes tun wird? Aufschluß soll eine Art Kasperltheater mit Puppen geben. Angenommen wird, daß ein Baby überraschende Aktionen länger betrachtet als erwartbare Handlungen, an die es sich schon gewöhnt hat. Aus der Länge des Blickkontakts muß also geschlossen werden, ob der Zusammenhang Blickrichtung - Aktion antizipiert wurde oder nicht. Bisher ist nur erwiesen, daß Vierjährige diese Logik nachvollziehen. Peter Tuch

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