ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Karriere: Wie gut kleidet der Doktorhut?

VARIA: Bildung und Erziehung

Karriere: Wie gut kleidet der Doktorhut?

Tuch, Peter

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LNSLNS Inflation des Doktor-Titels: Die Zahl der Dissertationen in den nichtmedizinischen Fächern hat sich in den alten Bundesländern seit 1980 mehr als verdoppelt. Der prestigeträchtige Namens-Zusatz von einst erlebt mit der Multiplizierung auch eine Degradierung, sein Wert in der Wirtschaft ist nicht mehr unumstritten. Dagegen nehmen die Probleme des Doktorandenstudiums zu - lohnt das Warten auf den Hut noch?


Eine seltene Gelegenheit, "mir mal den Frust von der Seele zu reden", sind für Doktoranden Ansgar Feist in der Kölner Universität die Fragen des Reporters. Der 32jährige Diplom-Psychologe, bestallt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, brütet in seinem kleinen Büro am PC über der Frage, wann TV-Zuschauern bei Ilona Christen und Co. der Puls schneller schlägt. Feists differential-psychologische Erforschung "emotionaler Rezeption von Fernseh-Talkshows" zur Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie klingt vergnüglicher, als sie ist. 60 Stunden an sechs Tagen der Woche mindestens opfert Feist dem ersten großen Karriereziel seiner angepeilten akademischen Laufbahn. "Als ich meine Daten erhoben habe", schaudert der Kandidat, "waren es hundert Stunden und mehr."
Der Doktorand ist spät dran. "Hier werden viele Assistentenstellen nur bis 32 vergeben", sagt Feist, der im kommenden Frühjahr nach gut zweieinhalb Jahren zum Dr. phil. promoviert sein will. Vom Forschen abgehalten wird er durch lästige Nebentätigkeiten wie Projekt-Buchhaltung und Vorzimmer-Korrespondenz: "Mein Professor hat nämlich keine Sekretärin." Auch schon vor Beginn des Doktoranden-Martyriums legte die Alma mater dem jungen Mann viele Steine in den Weg - trotz Einser-Examen: "Als ich aus der Promotionsberatung der Fakultät kam, dachte ich zunächst, das läßt du besser gleich bleiben." Zwar hatte er das Große Latinum, das die lokale Promotionsordnung kategorisch selbst für Psychologen verlangt, mehr per Zufall in petto. Doch dann mußte sich Feist noch durch zwei Semester Pädagogik und Theaterwissenschaft quälen - das Zulassungsverfahren schrieb einen Abschluß in zwei Nebenfächern vor, wie sie allein Magister vorweisen können.
Deutschlands Doktoren-Nachwuchs: zu alt, zu zahlreich, schon vor der Praxisbewährung vom Golem Universität zermürbt? Oder immer noch Karriere-Senkrechtstarter mit verbrieftem Bonus beim Einstiegsgehalt in den Konzernen der Wirtschaft? Mehr als 60 000 Männer und Frauen arbeiten zur Zeit auf den begehrten Titel hin. Wurden 1980 (ohne die medizinischen Fächer) noch 6 200 Dissertationen in den alten Ländern vorgelegt, so waren es 1992 - nach den letzten verfügbaren Zahlen - schon fast doppelt so viele, Tendenz weiter steigend. Im Durchschnitt drei Jahre Zeitaufwand kostet die Promotion. Angesehen ist der "Dr." in der Bevölkerung nach wie vor - doch bahnt er noch Wege in die Chefetagen?
"Ja", sagt Friedrich-Wilhelm Fronemann von der Unternehmensberatung Dr. Menz & Partner in Köln: "Der Dr. ist noch immer ein Türöffner, der aus der Masse im Bewerbungsstapel heraussticht." Geschätzt werde von den Personalabteilungen die allgemeine Problemlösungskompetenz, die der Titel verheiße. Unmittelbares Berufswissen dagegen werde meist erst "on the job" erlangt. Optimal sei beim Bewerbungsgespräch für eine Top-Position ein doppelter Studienabschluß, etwa per Aufbaustudium, und das alles mit einer Dissertation gekrönt: "Die meisten Unternehmen werden eben immer noch sehr hierarchisch geführt."
Doktoranden in Kleingruppen
"Nein", meint dagegen Markus Berner, Pressereferent beim Walldorfer Software- und Systemhaus SAP AG, "der Herr Doktor sitzt bei uns ganz selbstverständlich in einem Büro mit drei anderen Mitarbeitern. Und ein automatisch höheres Einstiegsgehalt kriegt er nicht, schon gar nicht bei einem SAP-fernen Titel wie dem Dr. phil." Dagegen könne ein unpromovierter Praktiker, der beim Antritt schon eine hervorragendes Teamprojekt aufzuweisen hat, durchaus einen Bonus erhalten. SAP, vor 25 Jahren von fünf ehemaligen IBM-Systemberatern gegründet, hat sich bewußt als Unternehmen mit besonders flachen Hierarchien organisiert - und ist rasant zu einem Konzern mit mehr als 5 000 Mitarbeitern aufgestiegen. Die höheren universitären Weihen wurden dabei immer selbstverständlicher. Berner: "85 Prozent unserer Belegschaft haben einen Hochschulabschluß, und von denen sind 13 Prozent promoviert."
Wenn auch der Wert des Titels in der Wirtschaft umstritten ist, für die universitäre Karriere führt nach wie vor kein Weg am "Dr." vorbei. Doch vergällt wird das Bemühen oft durch disparate Promotionsordnungen, mangelhafte materielle und personale Ausstattung der Lehrstühle sowie eine ungenügende theoretischdidaktische Begleitung durch die Doktorväter. Die Hochschulrektorenkonferenz bemängelt außerdem, daß nicht einmal der Status des "Doktoranden" bislang befriedigend definiert und abgesichert ist. Wer keine Anstellung als Wissenschaftliche Hilfskraft findet, behält einen reinen Studentenstatus ohne gesichertes Einkommen.
Um wenigstens einen Teil dieser Probleme zu mildern, haben der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft in den letzten Jahren zunehmend "Graduiertenkollegs" eingerichtet. Dabei arbeiten Doktoranden in Kleingruppen, interdisziplinär und unter Supervision an möglichst praxisrelevanten Forschungsprojekten - Austausch und gegenseitige Anregung sind erwünscht, Teamfähigkeit statt Isolation wird gefördert. Fast 300 solcher Kollegs wurden inzwischen an den Unis gebildet. Im vorigen Monat erst wurden 19 neue Gruppen installiert, unter anderem für Neurowissenschaften in Berlin, Sozialforschung in Göttingen und Biochemie in Gießen. Nur gleicht die Teilnahmemöglichkeit noch einem Lottogewinn, da alle 300 Gruppen zusammen nur rund 6 000 Doktoranden aufnehmen können - ein Zehntel der Gesamtzahl.
Frischen Wind in die festgefahrenen Promotions-Strukturen könnte auch ein anderes, besonders zeitsparendes Instrument bringen: der "grundständige" oder "Direkt-Doktor". Die Wiederentdeckung dieser SchnellPromotion ohne Umweg über eine Magister- oder Diplomprüfung halten manche, die den Arbeitsmarkt verjüngen wollen, für überfällig. Denn ausgerechnet das Verfahren, das einjährige Examensvorbereitungen und Prüfungsstreß erspart, haben viele Universitäten abgeschafft. Von den nur 250 Direkt-Doktoren der nichtmedizinischen Fächer im Jahr 1992 kam die Hälfte von der Uni Münster. Die anderen schrecken in der Sorge zurück, ihre Studenten zu früh in die Spezialisierung zu treiben. Ob allerdings Examenswissen besonders praxistauglich macht, hat schon mancher Kandidat heftig bezweifelt. Peter Tuch

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