ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1997Ethik-Beratergruppen: Klonen durch die Hintertür

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Ethik-Beratergruppen: Klonen durch die Hintertür

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Als das geklonte Schaf "Dolly" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war die Empörung groß. Einhellig verurteilten Politiker und Wissenschaftler diesen Eingriff in die Schöpfung. Doch inzwischen zeigen sich erste Tendenzen einer Aufweichung des Klonierungsverbots. So erarbeiteten von der EU-Kommission und der US-amerikanischen Regierung eingesetzte Ethik-Beratergruppen Richtlinien, in denen das Klonen von Tieren und Embryonen nicht mehr grundsätzlich verboten sein soll.


Das Europäische Parlament in Straßburg hat Mitte Juni die Arbeit der Ethik-Beratergruppe (Group of Advisers on the Ethical Implication of Biotechnology to the European Commission) scharf kritisiert. Der Ausschuß habe bisher die Interessen der Forschung zu stark berücksichtigt, stellte die Versammlung fest. Die Abgeordneten forderten die EU-Kommission auf, bei der Verlängerung des Ende Juli auslaufenden Mandats der Beratergruppe auf mehr Transparenz zu achten. Zusammensetzung, Pflichten und Aufgabenbereiche müßten klar umrissen werden.
Stein des Anstoßes war vor allem eine von der Ethik-Beratergruppe erarbeitete Stellungnahme zum Klonen. Darin spricht sie sich zunächst generell gegen das Klonen aus. In solchen Ländern, in denen Embryonenforschung erlaubt ist, dürfe jedoch zur Erforschung von Krankheiten und Linderung von Leiden nach ernsthaften ethischen Abwägungen unter strenger Aufsicht auch mit geklonten Embryonen geforscht werden. Auf keinen Fall dürfen geklonte Embryonen einer Frau eingepflanzt werden. Das Klonen von Tieren könne erlaubt werden, wenn mehrere Regeln berücksichtigt würden. So sei zum Beispiel das Leiden der Tiere zu minimieren.
Eine vom amerikanischen Präsidenten Bill Clinton berufene Ethik-Beratergruppe schlägt nach Angaben der Washington Post ebenfalls vor, das Klonen menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken zu gestatten. Das Klonen von Menschen wird unter Hinweis auf die unsicheren Techniken als gegenwärtig moralisch inakzeptabel bezeichnet und soll für "die nächsten drei bis fünf Jahre" verboten werden.
Bun­des­for­schungs­minis­ter Dr. Jürgen Rüttgers (CDU) lehnt diese Empfehlungen ab. Er ist der Auffassung, daß die Mitglieder der amerikanischen Ethik-Beratergruppe eine riesige Chance vertan hätten, weil sie kein klares moralisches Bekenntnis gegen das Klonen von Menschen abgelegt hätten. Wenn US-Wissenschaftler jetzt das Klonen von menschlichen Embryonen zulassen würden, sei dies ein ethischer Dammbruch. Aus diesem Grund wies Rüttgers auch die Richtlinien der europäischen Beratergruppe zurück.
Der Minister fordert internationale Vereinbarungen zur weltweiten Ächtung des Klonens von Menschen. Er betont: "Das Klonieren menschlichen Lebens ist und bleibt in Deutschland verboten. Unser Embryonenschutzgesetz stellt die Vervielfältigung von Menschen und Embryonen ohne Ausnahme unter Strafe. Jeder, der auch nur mit dem Gedanken spielt, menschliche Embryonen zu klonen, muß wissen, daß schon der Versuch mit Gefängnis bestraft wird."
Der Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Dr. med. Peter Liese (CDU), bezeichnete die Stellungnahme der europäischen Beratergruppe als fast identisch mit den Ergebnissen des von Clinton eingesetzten Gremiums. "Die Beratergruppe sagt zwar, daß die Klonierung nur zur Verminderung von Leid akzeptabel sei, dies ist aber ein dehnbarer Begriff."
In der Stellungnahme der Ethik-Beratergruppe würden lediglich Lippenbekenntnisse zum Verbot der Klonierung am Menschen abgegeben, kritisierte auch die Europaabgeordnete Hiltrud Breyer, Bündnis 90/Die Grünen. Der Klonierung von Tieren werde eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt: "Zwar wird als Beruhigungspille für die Öffentlichkeit gefordert, daß die Tiere nicht leiden dürfen, doch wird gleichzeitig negiert, daß die Klonierung an sich für Tiere stets mit Leiden verbunden ist." So seien allein für die Klonierung des Schafes Dolly 277 Versuche notwendig gewesen. Es sei Heuchelei, dies nicht als Leiden der Tiere zu bezeichnen. Breyer wies außerdem darauf hin, daß die Ethik-Beratergruppe auch keine konkreten Vorschläge vorgelegt habe, wie die Klonierung von Embryonen verhindert werden könne.
Die EU-Kommissarin Anita Gradin kündigte inzwischen an, daß das Mandat der Ethik-Beratergruppe verlängert und sogar erweitert werden soll. Bill Clinton schloß sich den Empfehlungen seiner Kommission an. Das Klonen vollständiger Menschen müsse vorläufig gesetzlich verboten werden. Das Klonen menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken soll jedoch erlaubt werden. Gisela Klinkhammer

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