ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1997Straßenverkehr: Kinder leben gefährlich

VARIA: Auto und Verkehr

Straßenverkehr: Kinder leben gefährlich

Feldkamp, Anne Marie

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LNSLNS Obgleich die Zahl der Verletzten und Verkehrstoten in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist, sind Kinder im Straßenverkehr nach wie vor extrem gefährdet. Am höchsten ist - der Statistik zufolge - das Risiko für die unter 15jährigen, als Mitfahrer im Auto zu sterben: Jedes dritte Kind, das im Straßenverkehr zu Tode kommt, verliert sein Leben als Insasse eines Autos.


Die größte Gefahr für Kinder sind ihre Eltern!". Das ist die erschreckende Bilanz der Autoren der 21. Uniroyal-Verkehrsuntersuchung "Kinder in Gefahr". Längst sind Schulweg oder Radfahren nicht mehr so gefährlich wie die Fahrt mit den eigenen Eltern im Auto. 1995 sind bundesweit nahezu 17 000 Kinder als PkwInsassen verunglückt - davon 174 tödlich. Zwar gehen die Gesetze und Regeln zum Schutze der Kinder in keinem Land so weit wie in Deutschland, dennoch liegen unsere Kinder-Verkehrsunfallzahlen an der europäischen Spitze.
In fünf europäischen Ländern hat die Studie das Verhalten von Kindern auf Schulwegen, an gefährlichen Straßenkreuzungen, auf Fahrrädern und im Auto der Eltern untersucht. Ihr Fazit: in Italien und Spanien werden Kinder besonders behütet, in Belgien und vor allem Frankreich leben sie höchst gefährlich, und in Deutschland sind sie - im Vergleich mit anderen Ländern - besonders selbständig und diszipliniert. Über die Hälfte aller in der EU bei Verkehrsunfällen getöteten Kinder starben in nur drei Ländern: der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Spanien. Wenn die Zahl der Kinderunfälle so hoch ist, liegt das nach Ansicht der Forscher an mangelnder Kenntnis der Gesetze und Regeln; außerdem könnten die Eltern Gefahren und kindliche Leistungsfähigkeit nicht einschätzen.


Nachlässigkeit beim Angurten
Ein besonders trauriges Kapitel - nicht zuletzt mitverantwortlich für die hohen Todeszahlen - ist die Kindersicherung im Auto. Nur jedes zweite Kind wird während der Fahrt in einem Kindersitz angeschnallt; in der Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen sind es laut Bundesverkehrsminister sogar nur noch 27 Prozent. Dabei hat der Gesetzgeber im Jahre 1993 unmißverständlich festgelegt: "Kinder bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr, die kleiner als 150 Zentimeter sind, dürfen in Kraftfahrzeugen auf Sitzen, für die Sicherheitsgurte vorgeschrieben sind, nur mitgenommen werden, wenn Rückhalteeinrichtungen für Kinder benutzt werden, die amtlich genehmigt und für das Kind geeignet sind."
Was steckt hinter dieser sträflichen Nachlässigkeit von Eltern? Da ist zum einen die Unterschätzung der Gefahr für die Kinder im Auto. Es sind die Fahrten "mal eben" um die Ecke zum Supermarkt oder Kindergarten, die zum Verhängnis werden. Denn die meisten Unfälle ereignen sich innerhalb von Ortschaften bei geringer Geschwindigkeit. Wer weiß schon, daß ein Kind bei einem Aufprall von nur 30 Kilometern in der Stunde mit der Wucht von 400 Kilogramm in Richtung Windschutzscheibe fliegt?
Bequemlichkeit ist ein weiterer Punkt. So berichtet die Uniroyal-Studie, daß sich die Mehrzahl der Kinder (64 Prozent) selbst anschnallt. Nach Aussagen der Eltern schnallen sich allerdings 25 Prozent der Kinder häufig auch selbst wieder ab. Und dann gibt es eine verwirrende Vielfalt auf dem Markt befindlicher Rückhaltesysteme, die viele Eltern bei der Auswahl des richtigen Kindersitzes überfordert.
Im Prinzip läßt sich für jede Altersgruppe das passende Rückhaltesystem finden. Amtlich genehmigt sind allerdings nur die Sitze, die nach der neuen Regelung ECE R 44 in der aktuellen Fassung 03 gekennzeichnet sind. Seit Frühjahr 1996 gibt es auch die EU-weite Norm 0+. Damit können auch größere Kinder - bis 13 Kilogramm statt neun Kilogramm - entgegengesetzt zur Fahrtrichtung im Auto sitzen. Vorteil: Der Körper wird großflächig abgestützt, beim Bremsen wird die empfindliche Halswirbelsäule geschont. Allerdings dürfen sie niemals auf dem Beifahrersitz eingebaut werden, wenn sich dort ein Airbag befindet. Anne Marie Feldkamp

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