ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Fehlplatzierte Metapher

MEDIZIN: Diskussion

Fehlplatzierte Metapher

Misplaced Metaphor

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(11): 195; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0195b

Horn, Jürgen

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LNSLNS Der kompakte und gut recherchierte Artikel hätte sehr von einer psychosomatischen Perspektive profitiert. Ohne eine solche Perspektive wird der Hörsturz angesichts der unsicheren Behandlungsmöglichkeiten, angesichts des hohen Rezidivrisikos oder gar „Schlaganfallrisikos“ für viele Patienten zum Menetekel.

Wo man pathogenetisch eine ischämische Problematik unterstellt, muss man auch auf die Bedeutung von beruflichem und sozialem Stress für thrombophile Veränderungen (13) hinweisen, auf Bedingungen also, die – anders als die hereditären Komponenten – einer Verhaltensprävention zugänglich sind.

Den Hörsturz ohne Berücksichtigung des biopsychosozialen Kontextes als vaskulären Risikoindikator anzusprechen, ist ebenfalls nicht unproblematisch. Solange von heterogenen und ungeklärten Ursachen ausgegangen werden muss, ist eine diesbezügliche Beratung der Patienten meines Erachtens auch nicht sachgerecht. Der häufig gehörte Satz „Sie haben einen Infarkt im Innenohr“ ist eine fehlplazierte Metapher und hat in der Vergangenheit viele Krankenkarrieren eingeleitet.

Wo es keine sicher wirksame konventionelle Hörsturztherapie gibt, muss man schließlich zumindest an eine Tertiärprävention denken. Denn dort, wo die somatische Medizin derzeit die Segel streicht, da kommt es oft zu Fehlentwicklungen in Form von dysfunktionaler Körperaufmerksamkeit, Katastrophenerwartungen und/oder aktionistischem „Doktorshopping“. Hier brauchen die Patienten gute Aufklärung und das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Nur so wird einer Chronifizierung und Dekompensation von Hörsturzsymptomen wie Tinnitus und Schwindel vorgebeugt und eine soziale oder berufliche Destabilisierung verhindert.

Der Hörsturz und seine Folgen können insofern auch zur genuinen Aufgabe der psychosomatischen Therapie oder Rehabilitation werden.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0195b

Jürgen Horn
Orannastraße 55
66802 Überherrn-Berus
E-Mail: jhorn@ahg.de
1.
Kittel F, Leynen F, Stam M, et al.: Job conditions and fibrinogen in 14226 Belgian workers. The Belstress study. European Heart Journal 2002; 23(23): 1841–8. MEDLINE
2.
Ripke A: Experimentelle Studie zur Thrombozytenaktivierung durch psychisch induzierten Stress bei Patienten mit vermehrten Ängsten [Dissertation]. Lübeck: Universität zu Lübeck; 2006.
3.
Siegrist J: Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. Journal of Occupational Health Psycholology 1996; 1(1): 27–41. MEDLINE
4.
Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT
1. Kittel F, Leynen F, Stam M, et al.: Job conditions and fibrinogen in 14226 Belgian workers. The Belstress study. European Heart Journal 2002; 23(23): 1841–8. MEDLINE
2. Ripke A: Experimentelle Studie zur Thrombozytenaktivierung durch psychisch induzierten Stress bei Patienten mit vermehrten Ängsten [Dissertation]. Lübeck: Universität zu Lübeck; 2006.
3. Siegrist J: Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. Journal of Occupational Health Psycholology 1996; 1(1): 27–41. MEDLINE
4. Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT

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