ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1997Ökonomie: Wirtschaftlichkeit durch Bürokratie?

SPEKTRUM: Leserbriefe

Ökonomie: Wirtschaftlichkeit durch Bürokratie?

Scheler, Fritz

Zu dem Kommentar "Zwischen Recht und Ökonomie" von Prof. Dr. med. Franz Porzsolt und Prof. Dr. jur. Dieter Hart in Heft 19/1997
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Da findet man erstaunliche Feststellungen, wie: "Das im Gesundheitswesen erbrachte Leistungsspektrum orientiert sich primär - völlig zu Recht - an den wirtschaftlichen Leistungserbringern und nicht an den Bedürfnissen der Leistungsnehmer", oder: "Es gibt eine politische Entscheidung . . . die der individuellen Entscheidung des einzelnen Arztes übergeordnet ist." Man kann diese und ähnliche weitere Sätze dieses Kommentars nur "niedriger hängen". Die Autoren wünschen, daß "Fachgesellschaften" - welche und mit welcher Kompetenz? - "Normen" für Diagnostik und Therapie definieren sollten, deren Einhaltungen von Juristen zu kontrollieren seien. Dadurch hofft man, die Wirtschaftlichkeit der ärztlichen Tätigkeit verbessern zu können. Mit den hier vorgebrachten Konzepten wird jede Patienten-Arzt-Beziehung zerstört. Es kann doch nicht sein, daß Gremien, wie immer sie zusammengesetzt sind, ärztliche Entscheidungen für alle denkbaren konkreten Situationen abnehmen können, ob zum Beispiel eine präoperative Röntgenuntersuchung durchgeführt werden soll. Ausgerechnet an diesem Beispiel versuchen die Autoren, ihre Vorstellungen zu konkretisieren. Ob es unnötige diagnostische Maßnahmen gab, kann doch nur durch eine sorgfältige Prüfung des einzelnen Falles entschieden werden. Wer weiß denn von vornherein schon das Ergebnis einer Untersuchung? Statistische Erhebungen können hilfreich sein bei ärztlichen Entscheidungen, sie liefern allerdings nur Wahrscheinlichkeitsaussagen, die allein das ärztliche Handeln nicht endgültig bestimmen können. Für "Normen" auf der Grundlage statistischer Erhebungen gilt das gleiche, auch wenn sie von "Fachgesellschaften" festgelegt werden.
Im übrigen müßten Normen, wie sie sich die Autoren wünschen, ständig dem sich ändernden wissenschaftlichen Erkenntnisstand angepaßt werden. Die medizinischen Wissenschaften befinden sich im ständigen Wandel, so daß ständige Korrekturen der - verbindlichen - Normen unumgänglich würden. Welcher bürokratische Aufwand! Darüber hinaus wäre es verhängnisvoll, wenn der notwendige ständige Prozeß der Auseinandersetzung über die jeweils beste Methode durch die Festschreibung bestimmter Meinungen aus Expertengremien blockiert würde. Im übrigen: "Wir haben ein unbändiges Vertrauen in die Kompetenz der Experten - aber auf welche sollen wir hören, eigentlich glauben wir, daß wir keinem Experten wirklich trauen können" (Popcorn-Report, 1992). Wenn es um Fragen der Wirtschaftlichkeit geht, wird man nicht umhinkönnen zu akzeptieren, daß immer eine mehr oder weniger breite Grauzone zwischen unbedingt Notwendigem und möglicherweise Überflüssigem besteht. Wenn Juristen oder Politiker glauben, daß man diese Grauzone durch Aufstellen von "Normen" beseitigen kann, dann verkennen sie die Realität der Praxis. Der Umfang der Grauzone wird ganz wesentlich durch die Kompetenz der jeweils handelnden Ärzte bestimmt. Nur der kompetente Arzt wird sachgerecht und damit gleichzeitig wirtschaftlich handeln. Wirtschaftlichkeit in der medizinischen Versorgung ist also auch eine Herausforderung an den Standard der Aus- und Weiterbildung und an die Qualität der ärztlichen Fortbildung. Defizite in diesen Bereichen können durch "Normen" oder andere Formen der Reglementierung nicht ausgeglichen werden. Im übrigen sollten die Autoren den Ärzten nicht einzureden versuchen, daß sie schlechte Karten haben, wenn sie "auf eigene Faust" handeln. Schon 1985 hat der 6. Senat des Bundesgerichtshofs u. a. festgestellt: "Allein entscheidend bleiben muß das vertrauensvolle Gespräch zwischen Arzt und Patienten. Es sollte möglichst von jedem bürokratischen Formalismus . . . frei bleiben."
Wirtschaftlichkeit durch Bürokratie, ist das also die Botschaft der beiden Autoren des Kommentars im DÄ?
Prof. Dr. med. Dr. jur. h. c. Fritz Scheler, Hainholzweg 64, 37085 Göttingen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote