ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Unwirksame Therapien sind schädlich

MEDIZIN: Diskussion

Unwirksame Therapien sind schädlich

Ineffective Treatments Are Harmful

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(11): 196; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0196b

Köbberling, Johannes

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LNSLNS Zu den vorgeschlagenen Therapiemaßnahmen bei Hörsturz, in erster Linie Infusionen mit diversen Substanzen, haben alle vorliegenden Studien mit einem Mindestanspruch an die methodische Qualität ein negatives Ergebnis erbracht. Trotz dieser eindeutigen Beleglage wurde auch von den entsprechenden Fachkreisen lange an Empfehlungen zu ihrem Einsatz festgehalten. Das klare Bekenntnis von Herrn Suckfüll bezüglich der fehlenden Wirksamkeitsbelege ist daher zu begrüßen.

Unwirksame Therapien sind nicht „neutral“, sie sind schädlich. Alle genannten Therapieoptionen sind auch mit Risiken verbunden. Ich selbst habe gutachterlich einen Todesfall nach Sepsis durch eine infizierte Dauerkanüle bei der Infusionsbehandlung eines Hörsturzes bearbeitet.

Mit einer gewissen Erschütterung ist daher der folgende Satz in der Arbeit von Suckfüll zur Kenntnis zu nehmen: „Seit Kurzem propagiert daher der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Fachärzte, … die Behandlung des Hörsturzes nicht als Kassenleistung, sondern als individuelle Gesundheitsleistung abzurechnen.“

Hier wird offen bekannt, dass Therapien, die die Kriterien von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nicht erfüllen, weiterhin propagiert oder zumindest angeboten werden. Ein solches Vorgehen ist geeignet, das Vertrauen in die Ärzteschaft nachhaltig zu erschüttern. Herr Suckfüll stellt selbst die Frage, ob diese Entwicklung Bestand hat. Bedauerlicherweise scheint aber die Entwicklung in Richtung der unheilvollen IGeL-Medizin, die sehr häufig nicht mehr primär das Wohl des Patienten im Auge hat, weit fortgeschritten zu sein. IGeL darf auf keinen Fall zum Sammelbecken solcher Methoden werden, die wegen fehlender Qualitätsanforderungen nicht mehr als Kassenleistung abrechenbar sind.

Eine selbstkritische Reflexion und eine Korrektur dieser Entwicklung aus der Ärzteschaft heraus ist dringend angeraten, bevor externe Regelungen geschaffen werden, die diesem Vorgehen einen Riegel vorschieben.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0196b

Prof. Dr. med. Johannes Köbberling
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des IQWiG
Am Freudenberg 85
42119 Wuppertal
E-Mail: Johannes@koebberling.de
1.
Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT
1. Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT

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