MEDIZIN: Diskussion

Unsicherheit und Angst

Fear and Insecurity

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(11): 197; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0197

Hesse, Gerhard; Schaaf, Helmut

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LNSLNS Durch die Übersicht des Kollegen Suckfüll zum Hörsturz wird deutlich, dass sowohl Ätiologie als auch Risikofaktoren und vor allem Behandlungsmöglichkeiten bei diesem immerhin häufigen Krankheitsbild (160 auf 100 000 Einwohner) (1) noch nicht wirklich wissenschaftlich erforscht sind und gleichzeitig der Anteil von Spontanheilungen beträchtlich ist.

Auffällig heraus ragt (dafür) in der Literaturübersicht die zugespitzte und durch eine CME-Frage verstärkte Formulierung, „...dass das Phänomen des Hörsturzes ein frühes Warnsignal für einen Schlaganfall darstellen“ soll. Suckfüll zitiert dazu eine Veröffentlichung (2), die anhand eines in Taiwan etablierten Meldesystems retrospektiv und nach genauer Alters- und Geschlechterzuordnung 1 423 Patienten, bei denen ein „sudden sensorineuronal hearing loss“ verschlüsselt wurde, mit 16 413 Appendektomie-Patienten verglichen hat.

Dabei erlitten nach mehr als zwei bis zu fünf Jahren 12,7 % einen Schlaganfall, während dies nur bei 7,8 % der Appendektomie-Patienten eintrat. Daraus wird ein „1,64-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko“ abgeleitet. Während die Autoren der Originalarbeit diesen – noch als Spekulation benannten – Zusammenhang wesentlich vorsichtiger beurteilen und auf die „Limitierungen“ ihrer Datenbasis hinweisen, verstärkt Suckfüll die Aussage und fragt diesen Zusammenhang in der CME Anlage mit einer eindeutigen Aussage ab.

Es ist durchaus sinnvoll, gerade Hörsturzpatienten internistisch und neurologisch zu untersuchen, um vorliegende vaskuläre Risikofaktoren frühzeitig erkennen und gegebenenfalls behandeln zu können. Dies war in der Originalarbeit von Lin (2) die wesentlichste Schlussfolgerung.

Wir sind besorgt, dass durch einen undifferenzierten und als bewiesen hingestellten Zusammenhang zwischen Hörsturz und Apoplex bei den nicht ständig mit dem Thema beschäftigen Ärzten vor allem Unsicherheit und Angst in der Beratung der Patienten größer werden.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0197

Prof. Dr. med. Gerhard Hesse
Dr. med. Helmut Schaaf
Chefarzt Ohr und Hörinstitut Hesse(n)
und der Tinnitus Klinik im Krankenhaus Arolsen
Große Allee 50
34454 Arolsen
E-Mail: ghesse@tinnitus-klinik.net

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Die Autoren des Beitrags haben auf ein Schlusswort verzichtet.
1.
Klemm E, Deutscher A, Mösges R: A present investigation of the epidemiology in idiopathic sudden sensorineural hearing loss. Laryngo-Rhino-Otol 2009; 88: 524–7. MEDLINE
2.
Lin HC, Chao PZ, Lee HC: Sudden sensorineural hearing loss increases the risk of stroke: a 5-year follow-up study. Stroke 2008; 39(10): 2744–8. MEDLINE
3.
Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT
1. Klemm E, Deutscher A, Mösges R: A present investigation of the epidemiology in idiopathic sudden sensorineural hearing loss. Laryngo-Rhino-Otol 2009; 88: 524–7. MEDLINE
2. Lin HC, Chao PZ, Lee HC: Sudden sensorineural hearing loss increases the risk of stroke: a 5-year follow-up study. Stroke 2008; 39(10): 2744–8. MEDLINE
3. Suckfüll M: Perspectives on the pathophysiology and treatment of sudden idiopathic sensorineural hearing loss [Hörsturz – Erwägung zur Pathophysiologie und Therapie]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106 (41): 669–76. VOLLTEXT

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