ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1997Private Kran­ken­ver­siche­rung: Eigenverantwortung statt Kaskomentalität

POLITIK: Leitartikel

Private Kran­ken­ver­siche­rung: Eigenverantwortung statt Kaskomentalität

Vilmar, Karsten

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LNSLNS Bei der Entwicklung der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) hat die Ärzteschaft den Eindruck gewonnen, daß sie sich gar nicht mehr so sehr abgrenzt, abgrenzen will oder abgrenzen kann von der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), sondern eher bemüht ist, sich mehr und mehr anzugliedern und das eigene Verhalten danach auszurichten. Auch hier macht sich eine gewisse Vollkaskomentalität durch die 100Prozent-Tarife breit. Man wäre gut beraten zu überlegen, ob das langfristig richtig ist. Die Eigenständigkeit der PKV droht eben dadurch an Attraktivität zu verlieren, daß die Privatpatienten dann gar nicht mehr wissen, warum sie sich eigentlich privat versichern sollen, wenn die GKV nahezu dasselbe bietet wie die PKV oder umgekehrt und die GKV häufig noch preisgünstiger ist in den Beiträgen, vor allem dann, wenn hohe Risiken oder eine große Familie mitversichert werden. Hier besteht für die Private Kran­ken­ver­siche­rung zweifellos Handlungsbedarf. Ich sage das nicht als Gegner der PKV, sondern weil ich sehr viel von der PKV halte und sie gerne erhalten wissen möchte.
Das von der PKV initiierte Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen ist Anfang Mai 1996 veröffentlicht worden ("Gutachten der Unabhängigen Expertenkommission zur Untersuchung der Problematik steigender Beiträge der privaten Kran­ken­ver­siche­rung im Alter"). Es hat so gut wie keine Vorschläge zur künftigen Attraktivität der PKV gebracht, sondern es wird versucht, den Kostendruck über weitere Einschränkungen der ärztlichen Berufsausübung auf die Ärzte abzuwälzen. Wir meinen allerdings, daß die Strategie der PKV eigentlich darauf gerichtet sein muß, die Eigenständigkeit und die Abgrenzung zur GKV zu betonen. Das ist auch deshalb leicht möglich, weil sie auch heute schon unterschiedliche Leistungsangebote entwickeln kann, konsequent nutzen und individuelle, auf die jeweiligen Bedürfnisse der einzelnen Versicherten zugeschnittene Leistungstarife anbieten könnte.
Der 100. Deutsche Ärztetag in Eisenach hat Ende Mai erneut betont, daß der Ärzteschaft sehr viel an einem gegliederten System der Kran­ken­ver­siche­rung gelegen ist. Dazu zählt auch die PKV, weil sie in vielen Bereichen eben auch eine echte Alternative zur GKV sein könnte, insbesondere dann, wenn gewisse Spielregeln wieder mehr in das Bewußtsein gebracht würden. In erster Linie muß an der risikoäquivalenten Beitragsgestaltung der PKV festgehalten werden.

Tarifbausteine weiterentwickeln
Die Vorschläge der Expertenkommission zur Beitragsverstetigung im Alter durch Verwendung von Zinsüberschüssen und Beitragszuschlägen bei relativ jungen Versicherten sind zu begrüßen. Denn bislang hat die PKV auch daraus einen gewissen Nutzen gezogen, daß sie zwar für junge Gesunde günstige Angebote machen konnte, aber dann - wenn man das so salopp sagen darf - damit rechnete, daß die Rentner später in der GKV "entsorgt" und dort dann weiter "behandelt" werden, weil sie die hohen Prämien zur Privaten Kran­ken­ver­siche­rung nicht mehr zahlen konnten. Zu risikoäquivalenten Beiträgen gehört also auch die Überlegung, wie man dieses Problem in Zukunft löst.
Viele Tarifbausteine für die jeweiligen Bedürfnisse der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung wären weiterzuentwickeln. Jeder Privatversicherte hätte es dann auch selbst in der Hand, seine Beitragsbelastung und damit auch die Ausgabenentwicklungen in seinem Tarif mit zu beeinflussen. Die Ausgabenseite muß ebenfalls beachtet werden. Nur kann es eben nicht sein, daß individuelle Versicherungsbedingungen, die zwischen Patienten oder Versicherten und Versicherung bestehen, in das Rechtsverhältnis zwischen Arzt und Versicherten eingeschleust werden, dadurch auf die Ärzteschaft durchschlagen und damit zur Steuerung der Ausgabenseite beitragen sollen. Damit verbunden ist die Absicht, bestimmte Tarife in der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zu verankern, was dem Charakter einer Amtlichen Gebührenordnung nicht mehr entspricht. Die GOÄ würde dann ihrer Funktion als Gebührentaxe eines freien Berufes (Honorar!) entkleidet werden.
Der Verhandlungsspielraum und das Verhandlungsmandat der PKV mit der Ärzteschaft und die Einführung von "Einkaufsmodellen" à la GKV werden auch von der Ärzteschaft skeptisch beurteilt, weil die Erfahrungen in den Vereinigten Staaten keineswegs so günstig sind und weil man damit wieder nur den Gestaltungsraum der Versicherten einschränkt. Wir sollten uns daher gemeinsam bemühen, das gegliederte System aufrechtzuerhalten.


Dr. med. Karsten Vilmar
Präsident der Bundes­ärzte­kammer


Statement anläßlich des Kolloquiums "Die Zukunft der Kran­ken­ver­siche­rung" am 12. Juni im Gästehaus Petersberg in Königswinter anläßlich des 50jährigen Bestehens des Verbandes der privaten Kran­ken­ver­siche­rung e.V.

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