ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Exzellenzinitiative: Erfolgsmodell mit Risiken

POLITIK

Exzellenzinitiative: Erfolgsmodell mit Risiken

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-478 / B-424 / C-416

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften bewertet die Exzellenzinitiative und gibt Empfehlungen für ihre Fortsetzung im nächsten Jahr.

Nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen geblieben ist die im Jahr 2005 gestartete „Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen“, die insgesamt die deutsche Hochschullandschaft positiv verändert hat. Zu diesem Fazit gelangt eine 14-köpfige Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. In der Mitte April dieses Jahres erscheinenden Studie „Die Exzellenzinitiative – Zwischenbilanz und Perspektiven*“ analysiert sie die bisher feststellbaren Auswirkungen der Exzellenzinitiative und gibt Empfehlungen für die Exzellenzinitiative 2.0 von 2011 bis 2017, die in den nächsten Monaten genauere Gestalt annehmen soll.

Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik
Trotz einiger Kritikpunkte loben die Wissenschaftler die Initiative und begrüßen es, dass sie im kommenden Jahr fortgeführt werden soll. „Die Exzellenzinitiative hat einen entscheidenden Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik eingeleitet und zeigt, wie kreativ das deutsche Wissenschaftssystem auf positive Anreize reagiert. Deshalb verdient sie auch eine Begleitforschung“, erklärt Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Besonders positiv bewerten die Wissenschaftler die große Mobilisierungswirkung der Bund-Länder-Initiative und die durch sie hervorgebrachten institutionellen Neuerungen. Sie seien notwendig, um eine Spitzenforschung an den Universitäten zu entwickeln. Dazu gehörten vor allem neu gebildete thematische Schwerpunkte sowie zahlreiche interdisziplinäre und außeruniversitäre Kooperationen.

Hauptkritikpunkt der Autoren ist die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen in Deutschland. „Die Exzellenzinitiative ist gut, könnte aber mit einem größeren Budget besser sein“, meint der Herausgeber der Studie, Prof. Dr. Stephan Leibfried, Universität Bremen. Es sei auf lange Sicht unabdingbar, dass erheblich mehr Bundesmittel in solche Verbesserungen des Wissenschaftsstandorts Deutschland flössen. „Exzellenz kann man als Projekt angehen, man muss dann aber nachhaltig mit Strukturpolitik nachfassen“, sagt der Politikwissenschaftler. So lägen noch Welten zwischen der Exzellenzförderung in Deutschland und der finanziellen Ausstattung der Spitzenuniversitäten in den USA. „Die FU Berlin gibt als Exzellenzuniversität hochgerechnet pro Studierenden weniger als 10 000 Euro aus, der große internationale Vergleichsmaßstab liegt jedoch bei 100 000 Euro.“

Als „nicht gewollte Nebenwirkung“ der Exzellenzinitiative diagnostiziert die Arbeitsgruppe einen Differenzierungsprozess in der Hochschullandschaft. So würden unterschiedliche Wissenschaftsligen und Parallelstrukturen innerhalb von Hochschulen geschaffen, die es den nicht geförderten Universitäten schwer machten, den Anschluss zu behalten, erläutert Prof. Dr. Michael Zürn, Wissenschaftszentrum Berlin. Auch kleinere Fächer könnten auf Dauer benachteiligt werden, so dass inneruniversitäre Konflikte kaum zu vermeiden seien. Eine weitere Gefahr sieht die Arbeitsgruppe in einer Überspezialisierung ganzer Wissenschaftlergenerationen.

Die Lehre – eine nicht zu vernachlässigende Größe
Für die Exzellenzinitiative 2.0 von 2011 bis 2017 empfiehlt die Arbeitsgruppe, weiterhin den wissenschaftlichen – und nicht den politischen – Kriterien Vorrang bei den Entscheidungen für die zusätzliche Förderung zu geben. Allerdings sollte das Verfahren transparenter, kriteriengeleiteter, mit mehr Zeit versehen sein und fachspezifischer zugeschnitten werden. Ferner regt die Berlin-Brandenburgische Akademie an, die Exzellenzinitiative auch auf die Lehre auszuweiten. Zwar schade die Eliteförderung in Deutschland der Lehre nicht, sie könne jedoch deutlich mehr zusätzliche Anstöße bringen, meint Leibfried. „Die Ivy League ist gut, weil sie in Lehre und Forschung gleichermaßen gut ist. Nur mit einer mehrdimensionalen Exzellenz kann letztlich der Standort Deutschland insgesamt aufgewertet werden“, betont der Politikwissenschaftler.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Die Exzellenzinitiative – Bilanz und Perspektiven, herausgegeben von Stephan Leibfried, Campus Verlag, 313 Seiten, ca. 50 Abbildungen und Cartoons, Frankfurt a. M. 2010, EAN 9783593392646, 19,90 Euro


Zukunft der Initiative
Ziel der Exzellenzinitiative aus dem Jahr 2005 ist die Förderung universitärer Spitzenforschung an den deutschen Hochschulen. Bund und Länder stellten dafür zunächst 1,9 Milliarden Euro bereit. Vor einem Jahr ergänzten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder die Vereinbarung: Um Neu- und Fortsetzungsanträgen aus den ersten beiden Förderrunden eine gleichberechtigte Chance zu geben, sollen Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte universitärer Spitzenforschung in der zweiten Phase von 2011 bis 2017 mit 2,7 Milliarden Euro gefördert werden.
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