ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Allergieprävention: Je früher, desto besser

MEDIZINREPORT

Allergieprävention: Je früher, desto besser

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-488 / B-426 / C-418

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Die geänderte S3-Leitlinie zur Allergieprävention erfordert verstärkte Aufklärung. Der bundesweite „Aktionsplan gegen Allergien“ soll vor allem jungen Familien besser informieren.

Jedes zehnte Baby hat Neurodermitis oder fällt durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf. „Unser großes Ziel ist die Umkehr dieses epidemiologischen Trends. Das Zeitfenster, in dem sich die Allergien möglicherweise noch verhindern lassen, liegt zwischen der späten Phase der Schwangerschaft und den ersten Lebensmonaten“, erklärt Prof. Dr. med. Ulrich Wahn, Allergieexperte am Berliner Universitätsklinikum Charité.

Foto: Allergopharma
Foto: Allergopharma
Die Statistik alarmiert inzwischen nicht nur Ärzte, sondern zunehmend auch Politiker. So hatte das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) noch vor dem Regierungswechsel den bundesweiten „Aktionsplan gegen Allergien“ ins Leben gerufen. Zielgruppe: junge Familien. Der Aktionsplan soll die Einzelaktivitäten der Patientenverbände, Wirtschaftsunternehmen und Kliniken bündeln sowie den Verbraucherschutz bei Lebensmitteln, Kosmetika, Schmuck, Bekleidung und Spielzeug durchsetzen. Schulposter, Quartettkarten oder Restaurantkarten für Allergiker ergänzen die Vielzahl an Aktivitäten.

Damit Schwangere präventiv vorgehen können und junge Eltern das Allergierisiko ihres Kindes einschätzen lernen, gibt es die Broschüre „Allergie-Risiko-Check“ (als Download unter www.aktionsplan-allergien.de). Der Deutsche Allergie- und Asthmabund hat eine Telefon-„Helpline“ zur Allergieprävention eingerichtet (0180 5052251 montags bis freitags 9.30 bis 12.00 Uhr). So soll dem verstärkten Aufklärungsbedarf, der durch die geänderte S3-Leitlinie zur Allergieprävention entstanden ist (Allergo J 2009; 18: 332), Rechnung getragen werden. Danach gibt es beispielsweise keine Evidenz dafür, dass Stillen über den vollendeten vierten Lebensmonat hinaus zusätzliche protektive Effekte hat. Auch für Einschränkungen der Ernährung der Mutter und der ersten Beikost gibt es keine wissenschaftlichen Belege.

Ernährungseinschränkungen ohne belegten Nutzen
Stattdessen beobachten die Ärzte immer wieder Mangelerscheinungen und Gedeihstörungen bei Kindern durch Eiweiß-, Vitamin-B12- oder Vitamin-K-Mangel, weil viele Eltern ihre fehlerhaften Informationen aus den Medien oder dem Bekanntenkreis beziehen.

Prof. Dr. med. Susanne Lau (Pädiatrische Allergologie, Charité) betonte, dass bestimmte entzündungsdämpfende Regulationsmechanismen durch die T-Lymphozyten und die Überproduktion von Interleukinen und Botenstoffen IL-4 und IL-5 bei den meisten Allergikern aus städtischen Gebieten wesentlich seltener aufträten als bei Kindern aus ländlichen Regionen mit vielen Tierkontakten. Dies bedeute, dass das kindliche Immunsystem auf Bauernhöfen gleichsam konditioniert werde, um seine normale Abwehr von Allergenen ohne Überreaktionen zu erzielen. Dieser Gedanke führte zu zahlreichen innovativen Ansätzen in der Immuntherapie, die bislang vom Spritzen bestimmter Allergene dominiert wird. Neuerdings präferieren viele Kinderärzte die einfacher zu verabreichenden Tabletten und Tropfen.

Nach Angaben von Wahn gibt es drei Produkte einer neuen Medikamentengeneration, deren Wir-kungen gut dokumentiert sind. Damit erreiche man eine Beschwerdeminderung um 40 Prozent.

In Interventionsstudien an Säuglingen gab man zu diesem Zweck zum Beispiel Lactobacillus oder Bakterienlysate mit E. coli oder Streptococcus faecalis, die das Abwehrsystem ständig mild stimulieren und regulieren sollten. Zweck der Versuche mit unterschiedlichen Zusätzen etwa zur Säuglingsmilch war es, so früh wie möglich eine normale Toleranz gegen umweltübliche Allergene zu erzielen. Wahn fügte Informationen zur Studienlage an 635 gesunden Kindern mit atopischem Elternteil hinzu.

Unmittelbar nach der Geburt habe man eine randomisierte placebokontrollierte Therapiestudie mit der Frage durchgeführt, ob das Angebot eines speziellen, mit Darmbakterien versehenen Cocktails (dreimal zehn Tropfen täglich) die Rate an Neurodermitisfällen senken könne.

„Die Vorauswertung nach drei Jahren Studienverlauf lässt eine 50-prozentige Verringerung an Erkrankungen vermuten“, spekuliert Wahn und betont, dass die Entblindung erst für 2010 vorgesehen sei. Dies würde bedeuten, dass man eine Allergentoleranz noch vor Krankheitsausbruch bei gefährdeten Populationen durch gezielte Prävention mittels Immuntherapie mit einer Art Allergieschluckimpfung erreichen könne.
Dr. phil. Barbara Nickolaus

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