ArchivDeutsches Ärzteblatt11/20101989/90 bis 2009/10: 20 Jahre deutsche Einheit – Kleine Handlungsspielräume

THEMEN DER ZEIT

1989/90 bis 2009/10: 20 Jahre deutsche Einheit – Kleine Handlungsspielräume

Weil, Francesca

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„Öffentlich duckten wir uns weg, taten das, was unbedingt notwendig war“ – akademischer Alltag in der DDR im Spannungsfeld von Anpassung und Gegenwehr.

Wir konnten natürlich viel mit unserer eigentlichen medizinischen Arbeit, mit der Dringlichkeit der Patientenbetreuung begründen. Aber es gab trotzdem kaum Spielräume, wenn es zum Beispiel um grundlegende politische Äußerungen ging. [. . .] Insofern war es aber oft akzeptiert, wenn wir gesagt haben, unsere beste Aktivität für den Sozialismus ist eine gute Arbeit in der medizinischen Betreuung am Patienten, in der Lehre und in der Forschung.“ (1) Diese Meinung über persönliche Handlungsspielräume äußerte ein Professor der Medizin während eines der zahlreichen Interviews mit ehemaligen Universitätsangehörigen; mit diesen sollte anlässlich der Aufarbeitung der Geschichte der Alma Mater Lipsiensis der akademische Alltag in der DDR erforscht werden (1).

Ungeschriebene Regeln
Im Ergebnis der im Jahre 2008 geführten Zeitzeugengespräche entstand ein heterogenes Sample von Selbstzeugnissen vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die getroffenen Aussagen spiegeln am Beispiel Leipzigs den akademischen Alltag in der DDR mit all seinen unterschiedlichen Facetten wider. Sie führen unter anderem die damalige politische Einflussnahme durch SED und Staat sowie damit verbundene (begrenzte) Anpassungsleistungen von Akademikern in ihrer Vielfalt vor Augen. Dabei erwiesen sich die Befragten jedoch nicht nur als passiv Betroffene, sondern auch als aktiv Handelnde, welche die politischen und wissenschaftlichen Verhältnisse mitprägten.

Sicherlich war es nur eine Minderheit von DDR-Bürgern, die sich nie mit dem Regime abfand, bewusst ein zurückgezogenes Leben führte oder sich alternativen Lebensformen zuwandte. Eine noch kleinere Gruppe versuchte, konkreten Widerstand zu leisten und die bestehenden Machtstrukturen zu verändern. Auf der anderen Seite gab es indes auch diejenigen, die an der Macht maßgeblich teilhatten und/oder sogar an Machenschaften des diktatorischen Regimes mitwirkten, die unmoralisch waren und gegen Menschenrechte verstießen. Die Mehrheit der Bevölkerung jedoch passte in keine dieser Kategorien. Dennoch blieb sie, insbesondere nach dem Mauerbau, in das diktatorische System eingebunden. Angesichts dieser nicht zu ändernden Gesamtsituation ersannen die meisten von ihnen deshalb individuelle Strategien, um die Prozeduren und Einschränkungen ihrer Verhältnisse durchzustehen. Sie lernten die ungeschriebenen Regeln, was sie wo und in welcher Form sagen konnten; viele hatten die Normen und den Diskurs des Regimes verinnerlicht, oder sie redeten und handelten wenigstens so, als ob sie dies getan hätten. Die Verhaltensweisen blieben jedoch jeweils unterschiedlich: Manche ließen sich stärker beeinflussen und waren eher bereit, sich anzupassen, Kompromisse zu schließen und Verpflichtungen einzugehen; andere wiederum waren ehrgeizig und ließen sich auf das System ein; wieder andere reklamierten für sich, die Dinge anders zu sehen als andere (2).

Alle Befragten beschrieben den politischen Einfluss von SED und Staat an der Leipziger Universität als nahezu allgegenwärtig. Dieser war jedoch zu bestimmten Zeiten und an einzelnen Institutionen des medizinischen Bereichs, der Natur- und der Geisteswissenschaften unterschiedlich intensiv zu spüren.

Eine der wesentlichen Ursachen hierfür sahen die Interviewpartner darin, dass die Medizin wie die Naturwissenschaften weit weniger im Fokus der Parteikontrolle gestanden hätten als die Mehrzahl der Geisteswissenschaften.

Verlust an Lebenszeit durch erzwungene Teilnahme an Veranstaltungen; hier ein FDJ-Aufmarsch zum 1. Mai 1973. Foto: Picture Alliance
Verlust an Lebenszeit durch erzwungene Teilnahme an Veranstaltungen; hier ein FDJ-Aufmarsch zum 1. Mai 1973. Foto: Picture Alliance
Der Großteil der Gesprächsteilnehmer war aber auch davon überzeugt, dass man sich innerhalb des damaligen Systems „bewegen“ und auch Kritisches zur Sprache bringen konnte. Man habe allerdings öffentlich keine Zweifel gegenüber „dem Großen und Ganzen“ hegen dürfen. Da sei man schnell auf der Seite des „Feindes“ vermutet worden, gefolgt von unnachsichtigen Fragen, wie zum Beispiel: „Ist er/sie würdig, an einer sozialistischen Universität zu studieren oder zu unterrichten? Kann er/sie denn noch den Erziehungsauftrag wahrnehmen?“ Kritische Diskussionen gingen demnach nur so weit, dass der Verlust des Studien- oder Arbeitsplatzes nicht riskiert wurde.

Kritik in Maßen möglich
Auch in den 1980er Jahren sei man nach wie vor vorsichtig gewesen, obwohl sich viele Universitätsangehörige in diesem Zeitraum immer seltener Vorschriften hätten machen lassen. Vor allem unter Studierenden habe es seitdem offenere Debatten über existenzielle Probleme, etwa der Ökologie, gegeben. Dabei sei man zwar nach wie vor „als politischer Stimmungsmacher“ hingestellt worden; solange man aber keine Flugblätter gedruckt und verteilt habe, habe man keine Angst mehr haben müssen. Zahlreiche kritische Diskussionen liefen wohl eher informell ab. Die kritischsten Debatten, vor allem im Zusammenhang mit Gorbatschows „Perestroika“ und „Glasnost“ ab 1985/86 erlebten manche SED-Mitglieder in den eigenen Parteigruppen. Solche Äußerungen seien aber meistens „in der Hilflosigkeit dieser kritisch denkenden, diskutierenden Gruppe abgeschottet im Raum“ verblieben. In diesem Zeitraum habe es innerhalb der Universität aber immerhin mehr Diskussionsfreiräume als außerhalb gegeben. Was hier teilweise gesprochen worden sei, hätte man in dieser Form an anderen Arbeitsplätzen nicht diskutieren können. Deswegen habe es aber auch für eine Reihe von Universitätsangehörigen (mehr als für andere Berufsgruppen) den Anschein gehabt, durch Diskussionen etwas bewegen und auch politisch verändern zu können, was sich jedoch letztlich als Trugschluss herausgestellt habe.

Erstaunlicherweise thematisierten die Interviewpartner nur vereinzelt den Verlust an Lebenszeit, der ihnen durch die erzwungene Teilnahme an meist ausschließlich politisch-ideologisch ausgerichteten Veranstaltungen und durch die allgegenwärtige „gesellschaftliche Arbeit“ entstanden ist. Nur wenige problematisierten ebenfalls das Ausmaß, in welchem sie vom Wohlwollen einzelner politischer Entscheidungsträger abhängig waren. Rückblickend empfinden es einige Gesprächspartner als besonders bedrückend, dass Parteientscheidungen, die alle betrafen, hinter verschlossenen Türen gefällt worden sind. Man habe den Beschlüssen oft völlig hilflos und ohnmächtig gegenübergestanden. Dass man daraufhin „nur“ versucht habe, sich geschickt zu drücken und auszuweichen, quält manchen Interviewten noch heute. Andere wiederum erinnern sich der vom System gesetzten Grenzen unter einem anderen Blickwinkel. Sie erklärten, immer von dem Bestreben geleitet worden zu sein, diese Grenzen auszuweiten oder gar zu durchbrechen, um letztlich das zu tun, was sie selbst für richtig hielten oder ihnen Befriedigung verschaffte.

Nachteile bei Fehlverhalten
In den Interviews wurde aber auch deutlich, dass jeder Befragte solche Grenzlinien und das eigene Maß an Anpassungsbereitschaft jeweils individuell festlegte. Jeder wog für sich persönlich bei vielen Gelegenheiten immer wieder ab, welche Grenzen überschritten werden konnten. Die Mehrheit wollte nicht auffällig werden und arbeitete zum Beispiel in der Gewerkschaft oder im sozialistischen Wettbewerb als Alibi mit. Die meisten Befragten wollten vor allem Situationen vermeiden, die mit Sicherheit ernste Probleme für sie aufgeworfen hätten. Andererseits sei man auf manches, was einem abverlangt worden sei, nicht eingegangen; auch als Nichtgenosse habe man das eine oder andere machen können, was nicht konform gewesen sei. Bei bestimmten Entscheidungen seien jedoch Konsequenzen von vornherein nicht auszuschließen gewesen: So folgten auf die Verweigerung des Parteieintritts, der Übernahme von Funktionen, der Mitgliedschaft bei den Kampfgruppen und Ähnlichem zwar nicht zwangsläufig konkrete persönliche oder berufliche Nachteile. Es war jedoch häufig nicht mehr mit der gewünschten akademischen Karriere zu rechnen. Man stand nicht (mehr) im „Kaderplan“, was für eine Reihe der hier Befragten Stagnation in der beruflichen Entwicklung bedeutete. So erinnerte sich beispielsweise ein Arzt während des Interviews, dass der Kaderleiter (Personalleiter) der Medizinischen Fakultät nach seiner Habilitation in den 60er Jahren zu ihm gesagt habe: „Wissen Sie, Sie haben nun eine wissenschaftliche Qualifikation erreicht, aber das wird für Sie keine wesentlichen Folgen an der Universität haben. Die Ernennung zum Dozenten oder zum Professor sehen wir nicht, auch nicht in absehbarer Zeit. Die Kaderentwicklung ist noch an weitere Voraussetzungen gebunden.“ In Hinblick auf die Berufskarriere seien damit für ihn „die Weichen gestellt“ gewesen. Fehlendem politischem Engagement folgte demnach das Ende der Karriere.

Innerhalb der vom System determinierten Grenzen boten sich dennoch für zahlreiche Universitäts-angehörige Handlungsspielräume: War man selbstbewusst, leistungsstark und zugleich energisch, habe man „sich einen Raum erhalten“ können. Für die einzelnen Bereiche der Universität gab es offenbar auch markante Unterschiede, was Handlungsspielräume und deren mögliche Ausmaße anging. So sei es beispielsweise Mitarbeitern in den medizinischen Institutionen immer wieder gelungen, „Verhinderungen“ bei der politischen Arbeit mit der eigentlichen medizinischen Arbeit, mit der Patientenbetreuung zu begründen. „Wir vermochten uns oft mit unseren Aufgaben in der Medizin vor gesellschaftlichen Anforderungen zu schützen, weil wir sagen konnten: Für uns ist der Patient das Wichtigste“, erzählte ein weiterer Arzt. Aber auch an der Medizinischen Fakultät hätten kaum Spielräume existiert, wenn es um grundlegende politisch-ideologische Äußerungen gegangen sei. Dabei konnten sich Handlungsfreiheiten im Laufe der Jahre nicht unmaßgeblich verändern. Von großen, aber auch sukzessive abnehmenden Freiräumen und von Möglichkeiten, eine gewisse Individualität zu leben, sprachen in erster Linie Universitätsangehörige, die zu Beginn der zweiten Hälfte der 40er Jahre an der Leipziger Alma Mater zu studieren begonnen hatten. Andere Interviewpartner stellten fest, dass sich Handlungsspielräume erst in den 80er Jahren wieder nach und nach erweitert hätten.

Geborgenheit in Nischen
In den Interviews kamen auch immer wieder die sogenannten Nischen der DDR-Gesellschaft zur Sprache: Für den einen existierten sie, für den anderen nicht; der eine benötigte sie, der andere nicht. Einer Reihe von Interviewten erschien die Universität Leipzig aufgrund ihrer Größe für die SED als nicht völlig „durchherrschbar“. Ein Arzt beschrieb seinen Eindruck folgendermaßen: „Die Universität Leipzig war mir immer deswegen sehr lieb, weil sie durch ihre schiere Größe unbeherrschbar war. Da gab es immer Nischen. Da konnte man sich immer verdrücken. Wenn man nicht an die Öffentlichkeit oder sich nicht profilieren wollte, dann musste man sich auch politisch nicht sehr aus dem Fenster hängen.“ Aufgrund dessen gab es – nach Ansicht einiger Zeitzeugen – in dieser Institution zu jeder Zeit „Nischen“, innerhalb derer es sich für viele unbeschwerter studieren, arbeiten und soziale Kontakte knüpfen wie pflegen ließ. So galten etwa bestimmte Institute als „Inseln“ oder „Refugien“; bei entsprechender personeller Zusammensetzung konnten auch Arbeits- oder Seminargruppen diese Funktion erfüllen. „Insofern denke ich, dass – wie es in der DDR-Gesellschaft auf vielen Ebenen war – wir uns in dieser Seminargruppe auch eine soziale Nische schufen, die ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt hat. Öffentlich duckten wir uns weg, taten das, was unbedingt notwendig war. Die Rollen in der Gruppe waren zuverlässig verteilt. Insofern wussten wir uns in unserer Nische in dieser Seminargruppe ganz gut aufgehoben. Das mag paradox klingen. Aber die Lebenssituationen in autoritären Staaten sind vielschichtig [. . .]“, erinnerte sich ein Medizinprofessor.

Trotz aller Unterschiede in den Anpassungsleistungen und den damit verbundenen Grenzen scheint allen Interviewten gemeinsam zu sein, dass sie sich gegen politische Anforderungen mit bestimmten Strategien zur Wehr setzten – jedoch meist nicht offensiv, sondern defensiv.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A 489–91


Anschrift der Verfasserin
Dr. phil. Francesca Weil
Hannah-Arendt-Institut
Mommsenstraße 13, 01062 Dresden
1.
Heydemann G, Weil F (Hg.): „Zuerst wurde der Parteisekretär begrüßt, dann der Rektor …“, Zeitzeugenberichte von Angehörigen der Universität Leipzig (1945–1990), Leipzig 2009. Dieses Zitat und die im Folgenden angeführten direkt oder indirekt zitierten Aussagen stammen aus den Interviews mit ehemaligen Universitätsangehörigen.
2.
Fulbrook M: Ein ganz normales Leben.Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008: S. 309 ff.
1. Heydemann G, Weil F (Hg.): „Zuerst wurde der Parteisekretär begrüßt, dann der Rektor …“, Zeitzeugenberichte von Angehörigen der Universität Leipzig (1945–1990), Leipzig 2009. Dieses Zitat und die im Folgenden angeführten direkt oder indirekt zitierten Aussagen stammen aus den Interviews mit ehemaligen Universitätsangehörigen.
2. Fulbrook M: Ein ganz normales Leben.Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008: S. 309 ff.

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