ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Nichtärztliche Chirurgieassistenz: Ein neuer Assistenzberuf etabliert sich

THEMEN DER ZEIT

Nichtärztliche Chirurgieassistenz: Ein neuer Assistenzberuf etabliert sich

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-494 / B-432 / C-424

Blum, Karl

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LNSLNS Bei einem Ausbau der Chirurgieassistenz sollte dies im Einklang mit den Anforderungen an die ärztliche Weiterbildung erfolgen.

Während die herkömmliche OP-Assistenz, sei es durch operationstechnische Assistenten (OTA) oder weitergebildete OP-Pfleger, üblicherweise nichtärztliche Tätigkeiten im OP ausübt, geht es beim Berufsbild der Chirurgieassistenz „um die regelhafte Delegation ärztlicher Tätigkeiten auf besonders geschultes Personal, das eigenständig spezialisierte Assistenzaufgaben im medizinischen und operationstechnischen Bereich unter Aufsicht eines Arztes durchführt“ (1). Das neue Berufsbild wird unter anderem mit dem sich abzeichnenden Nachwuchsmangel in der Chirurgie und der Entlastung des chirurgischen Nachwuchses von delegierbaren ärztlichen Tätigkeiten legitimiert. Die Delegation an Chirurgieassistenten soll zu einer Konzentrierung, Kompetenz- und Effizienzsteigerung der ärztlichen Weiterbildung führen (2). Gleichzeitig verbessern sich Attraktivität, Qualifizierungs- und Karrieremöglichkeiten für die OP-Assistenz.

Foto: vario images
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Drei Wege zur Qualifizierung

Für die Qualifizierung zur Chirurgieassistenz gibt es derzeit in Deutschland grundständige Ausbildungen, fachspezifische Weiterbildungen und ein Bachelor-studium:

Die grundständige Ausbildung zum chirurgisch-technischen Assistenten (CTA) wurde erstmalig 2006 vom Ausbildungszentrum für operative Fachberufe der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf angeboten. Zugangsvoraussetzung für die CTA-Ausbildung in der Kaiserswerther Diakonie ist entweder die Fachhochschulreife oder der Realschulabschluss oder ein gleichwertiger Abschluss in Verbindung mit einer abgeschlossenen zweijährigen Berufsausbildung. Die CTA-Ausbildung dauert drei Jahre. Sie umfasst circa 2 100 Stunden Theorie und 2 500 Praxisstunden. Die CTA-Ausbildung wird bislang einzig vom Ausbildungszentrum für operative Fachberufe der Kaiserswerther Diakonie Düsseldorf sowie einem Privatanbieter ebenfalls in Düsseldorf angeboten.

Die Weiterbildung zum Chirurgieassistenten wurde erstmalig von der Katholischen Bildungsstätte für Gesundheitsberufe in Osnabrück angeboten. Zugelassen sind im Wesentlichen OP-Pfleger oder OTA mit zwei Jahren spezieller Berufserfahrung im Operationsdienst. Die theoretische Weiterbildung gliedert sich in vier inhaltliche Unterrichtsblöcke zu je 20 Stunden. Während der praktischen Weiterbildung müssen 200 operative Eingriffe in der Funktion eines Chirurgieassistenten erfolgreich absolviert werden.

Mittlerweile haben andere Weiterbildungseinrichtungen nachgezogen: So bilden die Asklepios-Kliniken sogenannte Chirurgische Operationsassistenten (COA) aus. Im Unterschied zum Osnabrücker Modell ist die Weiterbildung zum COA deutlich umfangreicher. Im Vordergrund steht der praktische Teil mit 1 900 Stunden, für die Theorie sind 720 Stunden vorgesehen. Das Klinikum Nürnberg bietet seit 2008 eine 18-monatige Weiterbildung zum chirurgisch-technischen Assistenten an. Darüber hinaus gibt es spezielle Weiterbildungen für einzelne operative Fachgebiete beziehungsweise Teilgebiete, zum Beispiel als Gefäß- oder Kardiovaskularassistent.

Bewertung ist derzeit noch schwierig
Die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung im OP-Bereich beschränkt sich in Deutschland derzeit auf das Studium zum „Bachelor of Science in Physician Assistance“ (PA). Bundesweit einziger Anbieter ist die Steinbeis-Hochschule in Berlin (3). Der Studiengang des Physician Assistant richtet sich insbesondere an Fachpflegekräfte und OTA, die spezielle, standardisierte Assistenzaufgaben im OP-Bereich übernehmen. Der Unterschied zu den Aus- und Weiterbildungskonzepten besteht darin, dass praktische und theoretische Ausbildungsinhalte auf akademischem Niveau vermittelt werden. Die Akademisierung wird vor allem mit Blick auf internationale Vorbilder und den Anforderungen im Einsatzbereich legitimiert.

Das Studium erstreckt sich berufsbegleitend über drei Jahre. Es gliedert sich inhaltlich und organisatorisch in drei spezifische Teile: den akademischen Teil, den Praxisteil und die Bachelorarbeit. Die Praxistage finden in den jeweiligen Krankenhäusern der Studierenden statt.

Zur Frage des empfohlenen Qualifizierungsweges von Chirurgieassistenten lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt keine verbindlichen oder verlässlichen Aussagen treffen. Zum einen ist die Absolventenzahl in den verschiedenen Aus-, Weiterbildungs- und Studiengängen einstweilen zu gering. Zum anderen liegen unabhängige Evaluationen der jeweiligen Qualifikationen noch nicht vor. Vor diesem Hintergrund ist nur eine grundsätzliche Bewertung der verschiedenen Ansätze möglich:

Für eine grundständige CTA-Ausbildung spricht, dass sie sehr gezielt und orientiert an bewährten ausländischen Vorbildern für die Chirurgieassistenz qualifiziert. Des Weiteren sind die Absolventen nicht nur im OP, sondern gemäß ihrer Ausbildung auch in anderen Tätigkeitsfeldern, wie Ambulanzen, Endoskopie- und Sterilisationsabteilungen einsetzbar. Allerdings haben die Schüler bei Ausbildungsbeginn in der Regel keine Vorerfahrung im OP beziehungsweise auch bei Ausbildungsende relativ wenig OP-Erfahrung.

Weiterbildungen zum Chirurgieassistenten sind ein pragmatischer und relativ kostengünstiger Ansatz. Da die Weiterbildung in der Regel eine einschlägige OP-Fachqualifikation und/oder eine mehrjährige OP-Erfahrung voraussetzt, stellt sie eine gezielte Qualifizierung von bereits erfahrenem und sachkundigem Personal dar. Allerdings sind die Weiterbildungsinhalte, vor allem mit Blick auf den OP-Katalog, bislang noch nicht hinreichend standardisiert.

Ein Bachelorstudium zur Chirurgieassistenz stellt demgegenüber einen umfassenden und standardisierten Ansatz dar. Ein grundsätzliches Problem stellen hier die hohen Studiengebühren und die möglicherweise höheren Gehaltserwartungen dar. Es muss offenbleiben, wie viele Krankenhäuser tatsächlich bereit sind, akademisch qualifizierte Chirurgieassistenten einzustellen, solange ihr zusätzlicher Nutzen im Vergleich zu aus- oder weitergebildeten Fachkräften nicht belegt ist.

Bei jeweiliger Bewährung ist ein Nebeneinander unterschiedlicher Qualifikationen durchaus vorstellbar. Gleichwohl kann über einen Ausbau an entsprechenden Weiterbildungsangeboten das größte Reservoir an Chirurgieassistenten erschlossen werden. Einerseits ist eine Weiterbildung vergleichsweise kurz und kostengünstig. Andererseits kommt insbesondere für das schon vorhandene und erfahrene OP-Personal eine einschlägige Ausbildung in der Regel nicht mehr in Betracht und ein Studium allenfalls in Ausnahmefällen. Gerade für Berufseinsteiger dürfte hingegen eine grundständige CTA-Ausbildung von besonderem Interesse sein.

Akzeptanz der Chirurgieassistenz
Das neue Berufsbild trifft noch auf erhebliche Akzeptanzprobleme bei Fachverbänden, Ärzten und OP-Personal. Es sind vor allem zwei Argumente, die gegen eine Einführung einer Chirurgieassistenz angeführt werden: vermeintliche Qualitätseinbußen in der Patientenversorgung sowie eine angebliche Gefährdung der ärztlichen Weiterbildung.

Als ein mögliches Risiko der nichtärztlichen Chirurgieassistenz werden insbesondere etwaige Qualitätsverluste in der Versorgung angeführt. Diese resultieren vermeintlich daraus, dass bislang Ärzten vorbehaltene Tätigkeiten im OP an nichtärztliches Personal delegiert werden. Mögliche Folgen einer solchen Delegation könnten eine Deprofessionalisierung des ärztlichen Berufes, ungenügend definierte Qualifikationsvoraussetzungen beim OP-Personal, offene Rechtsfragen sowie etwaige Beeinträchtigungen von Patientensicherheit und Versorgungsqualität sein (4).

Weiterbildung nicht gefährdet
Allerdings stünden dem „positive Erfahrungen einzelner Fachgebiete mit chirurgisch-technischen Assistenten und auch internationale Erfahrungen gegenüber, wo diese Assistenzberufe zum Teil schon seit vielen Jahren etabliert sind“, heißt es im Steinbeis-Institut. „. . . Erhöhte Kontinuität in der als Berufsbild definierten ausschließlichen Assistenzleistung ermöglicht eine gesteigerte Qualität des gesamten Operations- und Behandlungsablaufs, aber auch von standardisierten diagnostischen Leistungen und der Qualitätssicherung mit patientenbezogener Dokumentation.“ (4)

Durch die Erweiterung des Aufgabenfeldes kommt es mithin zu einem erstrebenswerten Qualifi-zierungsschub für nichtärztliches Fachpersonal im OP. Durch eine gezielte Qualifizierung ist eine standardisierte und systematische Anleitung gewährleistet, welche zu einer Qualitätssicherung der ausgeführten Tätigkeiten beitragen würde. Überdies würde durch die regelmäßige Routine eine deutliche Qualitätssteigerung bei nichtärztlicher Chirurgieassistenz erreicht (5).

Das zweite zentrale Argument gegen die Einführung von nichtärztlichen Chirurgieassistenten besteht in einer etwaigen oder vorgeblichen Beeinträchtigung der ärztlichen Weiterbildung. Operative Tätigkeiten, welche bislang vor allem Ärzten in der Weiterbildung vorbehalten sind, würden verstärkt an Chirurgieassistenten delegiert.

Befürworter einer Weiterqualifizierung von OP-Fachpersonal für die Tätigkeit der chirurgischen Assistenz sehen indes keine Beeinträchtigung der ärztlichen Weiterbildung, sondern sind im Gegenteil der Auffassung, „dass die Facharztausbildung durch den Einsatz von Chirurgieassistenten verbessert wird. Der angehende Facharzt kann gezielt für die Operation eingesetzt werden, die er für die Ausbildung benötigt. Zeitraubende Bindung an den OP-Tisch ohne Bezug zur Fachausbildung wird so vermieden. Es werden Freiräume geschaffen für die Tätigkeiten außerhalb der OP-Abteilung. . . . Überstunden könnten vermieden und die wichtige Arzt-Patienten-Beziehung intensiviert werden, da der Arzt länger und regelmäßig als Ansprechpartner vor Ort zur Verfügung steht“. (6)

Auch angesichts der Altersstruktur sowie des sich abzeichnenden Nachwuchsmangels in den chirurgischen Fachgebieten ist eine Gefährdung der ärztlichen Weiterbildung nicht erkennbar. Im Gegenteil erfordert der Personalmangel in der Chirurgie zusätzliches und speziell qualifiziertes OP-Fachpersonal. Auch bei einem Ausbau von Stellen für die Chirurgieassistenz sollte dies jedoch im Einklang mit den Anforderungen an die ärztliche Weiterbildung erfolgen, welche eindeutig Vorrang hat; in keinem Fall darf die Chirurgieassistenz die ärztliche Weiterbildung beeinträchtigen.

Einheitliche Regelung
Neben einzelnen Ausbildungs- und Studienangeboten haben sich in Deutschland verschiedene Weiterbildungsangebote für die Chirurgieassistenz entwickelt. Diese unterscheiden sich deutlich in der fachlichen Ausrichtung, dem inhaltlichen Umfang und der zeitlichen Dauer. Art und Anzahl einschlägiger Weiterbildungsangebote haben in den letzten Jahren zugenommen, ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar. Die Thematik der Delegation ärztlicher Leistungen hat insofern schon längst den OP-Bereich erreicht.

Deswegen stellt sich hier die Frage nach einer Standardisierung oder staatlichen Reglementierung in diesem qualifikatorisch wie rechtlich äußerst sensiblen Bereich. Einen „Wildwuchs“ an nichtevaluierten, nichtqualitätsgesicherten oder nichtbedarfsgerechten Angeboten gilt es in jedem Fall zu verhindern. Daher erscheint es in hohem Maß empfehlenswert, Weiterbildungen im Bereich der nichtärztlichen Chirurgieassistenz durch Weiterbildungsrichtlinien von Fachverbänden oder Fachgesellschaften oder über staatliche Weiter­bildungs­ordnungen der Länder zu standardisieren und anzuerkennen. Sollten sich Ausbildungen zur Chirurgieassistenz etablieren, ist längerfristig die Erfordernis bundesrechtlicher Regelungen nicht auszuschließen.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A 494–6


Anschrift des Verfassers
Dr. Karl Blum, Leiter GB Forschung
Deutsches Krankenhausinstitut e.V.
Hansaallee 201, 40549 Düsseldorf
E-Mail: karl.blum@dki.de


@Die DKI-Studie „Weiterentwicklung nichtärztlicher Heilberufe am Beispiel der technischen Assistenzberufe
im Gesundheitswesen“ (OP- und
MTA-Berufe), die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit entstand, im Internet unter:
www.aerzteblatt.de/10496


Aufgabenfeld
Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie definiert das Aufgabenfeld der Chirurgieassistenz wie folgt:

Auf den Stationen
- vorbereitende Anamnese (Dokumentation), vorbereitende OP-Aufklärung (Standardeingriffe), Befunddokumentation, vorbereitende Standardarztbriefe
- einfache Verbandswechsel
- Blutentnahmen, Legen peripher venöser Zugänge, Infusionsanlage
- Sicherstellung der Umsetzung angeordneter medizinischer Maßnahmen, Untersuchungen und Konsile
- Organisation der Nachsorge in Kooperation mit Angehörigen und - Sozialdienst
- Verwaltungs-/Dokumentationsaufgaben

Im Operationsbereich
- optimierende Unterstützung der Ablauforganisation
- Standardpatientenlagerung, OP-Felddesinfektion und Abdeckung
- OP-Assistenz, Wundverschluss (nach Schwierigkeitsgrad und persönlicher Qualifikation des CTA)
- Wundverband, Lagerungsschienen
- OP-Verwaltungs-/Dokumentationsaufgaben
- technische Assistenz (Arthroskopietürme, Navigationsgeräte und Ähnliches) (2)
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1.
Bauer, H. (2007): Die ärztliche Rolle im multiprofessionellen Team. Hauptstadtkongress 2007 Medizin und Gesundheit, Berlin, 20. bis 22. Juni 2007. Deutsches Ärzteforum. Mittwoch 20. Juni. Sitzung Nr. 19 Ärztliches Leitbild der Zukunft.
2.
Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2007): Überarbeitetes Positionspapier der DGU zu den Themen: Chirurgisch-Technischer Assistent (CTA), Bologna-Prozess. Frankfurt a.M., DGU.
3.
Steinbeis-Hochschule (2008): Studien- und Prüfungsordnung für den Studiengang Bachelor of Science (B.Sc.) in Physician Assistance. Steinbeis-Hochschule Berlin.
6.
Berentzen, J. (2007): Der Chirurgie-Assistent. Mülheim/Osnabrück, Vortragsskript vom 3. 5. 2007 für das Bildungswerk Deutscher Krankenhäuser e.V.
7.
Berentzen, J. (2005): Erfahrung ist gefragt – Aufstieg durch Spezialisierung. nahdran, 2/05, S. 29–31.
1. Bauer, H. (2007): Die ärztliche Rolle im multiprofessionellen Team. Hauptstadtkongress 2007 Medizin und Gesundheit, Berlin, 20. bis 22. Juni 2007. Deutsches Ärzteforum. Mittwoch 20. Juni. Sitzung Nr. 19 Ärztliches Leitbild der Zukunft.
2. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2007): Überarbeitetes Positionspapier der DGU zu den Themen: Chirurgisch-Technischer Assistent (CTA), Bologna-Prozess. Frankfurt a.M., DGU.
3. Steinbeis-Hochschule (2008): Studien- und Prüfungsordnung für den Studiengang Bachelor of Science (B.Sc.) in Physician Assistance. Steinbeis-Hochschule Berlin.
4. IHCI - Institute of Healthcare Industries.
5. Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (2007): CTA-Workshop, Workshop der DGCH zur Delegation ärztlicher Aufgaben in der Chirurgie.
6. Berentzen, J. (2007): Der Chirurgie-Assistent. Mülheim/Osnabrück, Vortragsskript vom 3. 5. 2007 für das Bildungswerk Deutscher Krankenhäuser e.V.
7. Berentzen, J. (2005): Erfahrung ist gefragt – Aufstieg durch Spezialisierung. nahdran, 2/05, S. 29–31.

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