ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Niederlande: Wahlfreiheit kostet
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Dr. Frank Schulze-Ehring vom Verband der privaten Kran­ken­ver­siche­rung lehnt das Primärarztsystem in den Niederlanden ab. Sein Argument, es gäbe dadurch keine freie Arztwahl, stimmt nicht. Die gibt es in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Der frei gewählte Hausarzt ist die Achse, um die sich die ambulante Gesundheitssorge dreht. Er arbeitet nach dem Subsidiaritätsprinzip: Was auf dem niedrigsten Niveau gemacht werden kann, wird dort gemacht. Also der Hausarzt behandelt die meisten Kinderkrankheiten, Hautkrankheiten, spült Ohren, verschreibt die Pille, setzt die Spirale ein, kümmert sich um Brustkrebsvorsorge, diagnostiziert und behandelt Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Demenz usw.; koordiniert und kommuniziert mit (frei gewählten) Fachärzten, wenn er überweist. Er arbeitet eng zusammen mit dem Apotheker, der ein Dossier über den Patienten hat und warnt, wenn Medikamente inkompatibel sind. Er dokumentiert elektronisch nach dem SOAP-System (Subjektive, Objektive, Assessment, Plan). Er nimmt teil an einem Hausarztbereitschaftsdienst rund um die Uhr.

In Deutschland hat der Patient inzwischen einen Kinderarzt, einen Hautarzt, einen HNO-Arzt, einen Gynäkologen und einen Internisten nach Wahl besucht und drei Apotheken. Der Hausarzt hat vielleicht einen Arztbrief bekommen, vielleicht auch nicht. Der Patient schluckt drei Medikamente, von denen der Hausarzt nichts weiß. Wenn der Hausarzt nicht erreichbar ist, geht der Patient abends oder nachts in die Rettungsstelle eines Krankenhauses.

Hausärzte spielen bei Kosteneinsparung in der ambulanten Gesundheitssorge in den Niederlanden eine wichtige Rolle, genauso wie angestellte Pflegeheimärzte (Facharzt Altersheilkunde oder Elderly Care Physician) in Pflegeheimen. 1 400 Fachärzte für Altersheilkunde stehen für eine medizinische Versorgung rund um die Uhr zur Verfügung; es gibt weniger Krankenhausaufnahmen, weniger Medikamente, adäquate Palliativpflege von multimorbiden alten Menschen. Vielleicht ist Holland in der Bewältigung von den Kosten des langen Lebens doch eine Blaupause für Deutschland.

Als niederländische Pflegeheimärztin bekam ich, wenn ich einen Patienten aufnahm, sofort die ganze medizinische Vorgeschichte, chronologisch dokumentiert, mit Medikamentenliste. Ich arbeite jetzt in einem deutschen Pflegeheim. Von den meisten Patienten ist nur der Arztbrief der letzten Krankenhausaufnahme vorhanden. Von Hausärzten bekomme ich kaum Information, wichtige Auskunft fehlt. (Keine Diagnostik bei Demenz). Mal bringen Patienten die bunte Buchhaltung mit von ihrem Shopping durch das deutsche Gesundheitssystem. Es gibt Patienten, die sich für eine Krankheit in fünf verschiedenen Kliniken behandeln lassen. Und jede Klinik macht ihr Labor und ihre Röntgenbilder. Die Kassen genehmigen. Wenn das keine Verschwendung ist. Die Wahlfreiheit kostet etwas! Die Niederländer geben 9,8 Prozent des BIP für Gesundheit aus, die Deutschen 11,1 Prozent . . .
Marijke van der Vaart-Bakker, 10707 Berlin
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