ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Bevern – Berlin – Warschau – Krakau – Lublin: „Das silberne Pferd“

KULTUR

Bevern – Berlin – Warschau – Krakau – Lublin: „Das silberne Pferd“

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-505 / B-443 / C-435

Krannich, Stephanie

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LNSLNS Schätze aus der Frühzeit archäologischer Forschung zwischen dem Schwarzem Meer und dem Kaukasus sind im Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern zu sehen.

Die Phalere (Schnalle), feuervergoldet
Die Phalere (Schnalle), feuervergoldet
Der Mensch mit seinem ganzen Thun und Treiben, seinem Denken und Meinen, seinem inneren Wesen soll wieder entdeckt, soll aufgefunden werden in einer Zeit, von der Niemand etwas weiß, und unter ganz anderen Umgebungen, als die gegenwärtigen. . . . Nicht nur der Anatom, sondern auch der Zoolog, der Botaniker, der Geolog, der Astronom müssen hier mitwirken, gleichwie die prähistorische Archäologie . . .“, so Prof. Dr. med. Rudolf Virchow 1873. Er war einer der großen Förderer der deutschen Prähistorie, mit deren Forschungen er in der zweiten Hälfte seines Lebens, Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, begann. Sein Ruhm gründete in erster Linie auf seinem Wirken als Mediziner, insbesondere als Pathologe an der Berliner Charité und als Politiker in der Berliner Stadtverordnetenversammlung sowie im Deutschen Reichstag. Er unternahm aber auch Forschungsreisen nach Ägypten und Troja und trug wesentlich zur Rehabilitation seines Freundes Schliemann bei. Virchows 1881 unternommene Kaukasusreise, verbunden mit anthropologischen und archäologischen Untersuchungen der spätbronzenen und früheisenzeitlichen Koban-Kultur, führte zur größten Kaukasussammlung außerhalb Russlands, aufbewahrt in der damals Vorgeschichtlichen Abteilung des Königlichen Völkerkundemuseums in Berlin. Virchow findet deshalb in der herausragenden Sonderausstellung „Das silberne Pferd“ im Weserrenaissance Schloss Bevern, nahe Holzminden (als „Stadt der Düfte und Aromen“ bekannt), einen besonderen Platz.

Helm, 2. Jahrhundert v. Chr.
Helm, 2. Jahrhundert v. Chr.
Die Ausstellung zeigt „Archäologische Schätze zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus“ aus der Zeit vom zweiten Jahrtausend vor bis in das sechste Jahrhundert n. Chr., Schätze zum Teil von immer noch im Dunkeln liegenden Welten der Skythen, Sarmaten und Hunnen. Diese Volksstämme sind unter anderem bekannt wegen ihres Umgangs, des „Einsseins“ mit ihren Pferden. Logo und Titel der Ausstellung verdeutlichen dies durch eine entsprechende, kunstvoll in Silber getriebene Phalere (Zierscheibe) eines Zaumzeugs: Die Skythen, im Steppengürtel nördlich des Schwarzen Meeres angesiedelt, erdrosselten nach dem Tod eines Herrschers Diener aus der Schar junger Skythen und ebenso viele Pferde. Dann wurden die toten Reiter auf ihren Pferden als ewige Wache rings um die Grabstätte des Königs aufgestellt; ein Bestattungsritual, das auf dem Glauben an ein Dasein nach dem Tod beruhte. Die Sarmaten, die von Osten her bis ans Schwarze Meer vordrangen, waren wegen ihrer gepanzerten, beidhändig agierenden Lanzenreiter gefürchtet. Ihre berittenen Bogenschützen konnten, rückwärtsgewandt, mit größter Präzision schießen. Dies vermochten auch die Hunnen, mit denen eine revolutionäre Idee nach Europa kam: stabile Sättel mit eingearbeiteten Steigbügeln. Diese gaben ihnen einen so stabilen Halt, dass auch sie in der Lage waren, beidhändig vom Pferd aus zu kämpfen. Die Hunnen lösten durch die Vertreibung der Goten und Alanen aus ihren Siedlungsgebieten nördlich des Schwarzen Meeres die große Völkerwanderung aus, die Europa so stark verändern sollte. Einzigartige Funde der Steppenvölker und der Volksstämme in den Kaukasusgebieten geben einen Einblick in ihre Lebensweise, in ihre Kultur und belegen ihr größtes handwerkliches Geschick und künstlerisches Empfinden.

Spuren der Vergangenheit
In Schloss Bevern, einem der bedeutendsten Baudenkmäler der Weserrenaissance, beginnt die internationale, circa 1 000 Exponate umfassende Ausstellung. Sie ist das Ergebnis eines dreijährigen, von der Europäischen Union geförderten Projekts. Im Mittelpunkt stehen die deutschen und polnischen Forschungen und Sammelaktivitäten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Südrussland und im Kaukasus. Weitere Ausstellungsstationen werden Berlin, Warschau, Krakau und Lublin sein. Die Federführung für dieses Projekt übernahm die Marie-Curie-Sklodowska-Universität Lublin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin. Mitorganisatoren sind das Staatliche Archäologische Museum Warschau und das Weserrenaissance Schloss Bevern, das durch die äußerst bemerkenswerten Ausstellungen über „Die Balten“ (1988), „Schätze der Ostgoten“ (1995) und „Die Vandalen“ (2003) weithin bekannt wurde.

Prof. Rudolf Virchow, 1896. Fotos: Staatliches Museum Berlin
Prof. Rudolf Virchow, 1896. Fotos: Staatliches Museum Berlin
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Ende des 19. Jahrhunderts zog es Ingenieure, Geologen, Naturforscher und andere Interessierte in den noch weitgehend unbekannten Süden Russlands. Sie dienten den Zaren als Fachleute, die Eisenbahnlinien aus dem Boden stampfen, neue Fabriken errichten und den Bergbau modernisieren konnten. Dabei blieb eine Berührung mit nicht zu übersehenden Spuren der Vergangenheit nicht aus: Zeugnisse der Frühzeit archäologischer Forschung legten auf diese Weise den Grundstock für Privatsammlungen und veranlassten russische, polnische und deutsche Archäologen sowie „Hobby“-Ausgräber den dort versunkenen Kulturen nachzuforschen. Besondere Verdienste hatten sich dadurch Rudolf Virchow, Waldemar Belck, Max Ebert, Alfred Götze sowie der aus einer rheinischen Industriellenfamilie stammende Sammler Baron Johannes von Diergardt erworben. Die größten Verdienste auf polnischer Seite liegen bei Godfryd Ossowski und Stanislaw Choinowski. Unter welch abenteuerlichen Umständen und Bedingungen die damaligen Forscher zu kämpfen hatten, belegen deren höchst interessante Tagebücher und Reiseberichte. So heißt es etwa in einem Brief Belcks vom 1. Februar 1891 an Virchow: „In Bantum gehen die Kisten eben ohne Zollrevision an Bord des Dampfers, dafür sorgen die Banknoten in Hand des Herrn Silbermeister!“ In einem weiteren Brief vom 26. April 1981 berichtet er über einen seiner Begleiter: „. . . ein geborener Hesse, gewordener türkischer Untertan, an eine Griechin verheiratet, ist vor allen Dingen ein großes Sprachgenie. . . . Freilich sieht er wie ein Räuber aus in seiner Tscherkessentracht, und alle Leute haben große Angst vor ihm; aber gerade solch einen Menschen gebrauche ich ja für diese Reise, der mir durch sein bloßes Aussehen das Gesindel vom Leibe hält.“

Prinzessinnen-Grab
Das, was die von den Tataren als „Totengräber“ bezeichneten Archäologen ans Tageslicht holten, darunter filigranste Gold- und Silberschmiedearbeiten, Waffen, Schmuck sowie Dinge des täglichen Lebens werden nun zum größten Teil erstmals in Europa präsentiert und sind „Belegstücke“ der frühen Forschungsexpeditionen mit Pioniercharakter. Absoluter Höhepunkt der Ausstellung ist das reich mit Gold ausgestattete „Prinzessinnen-Grab aus Ryzanovka“ in der Ukraine. Einblicke in neueste Ergebnisse polnisch-ukrainischer und deutsch-kasachischer Ausgrabungen runden die Ausstellung ab.
Dr. med. Stephanie Krannich


Informationen
Die Ausstellung – „Das Silberne Pferd – Archäologische Schätze zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus“ ist vom 27. März bis zum 24. Oktober im Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern, 37639 Bevern (Landkreis Holzminden), zu sehen. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, zweisprachiger Katalog (deutsch/polnisch) mit zahlreichen Abbildungen (19,80 Euro). Weitere Informationen unter Telefon: 05531 994015 oder im Internet unter: www.dassilbernepferd.info. Auskünfte über die weiteren Ausstellungsorte werden unter der genannten Internetseite abrufbar sein.

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