ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Türkei: Istanbul, die Heilende

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Türkei: Istanbul, die Heilende

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-517 / B-453 / C-445

Sinemillioglu, Nora Sevbihiv

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LNSLNS Vom Alltag in einem türkischen Krankenhaus

Am Ende kommen sie alle nach Istanbul, egal, ob Bauern oder Kleinunternehmer, Männer oder Frauen, Türken oder Kurden. Istanbul zieht sie alle an. Die Stadt am Bosporus lockt vor allem die jungen Leute, aber es kommen auch die alten – in der Hoffnung, in Istanbuls Krankenhäusern zu genesen. Seit einigen Monaten ist mein Großvater einer von ihnen.

Stets umgeben von dem, was ihn am Leben hält: Ohne die Angehörigen wären die staatlichen Krankenhäuser in der Türkei funktionsunfähig.
Stets umgeben von dem, was ihn am Leben hält: Ohne die Angehörigen wären die staatlichen Krankenhäuser in der Türkei funktionsunfähig.
Mein Opa hat Leukämie, doch das weiß er bis heute nicht. Mein Onkel hatte den Arzt damals gebeten, ihm zunächst nur die Diagnose mitzuteilen. Anschließend hatten die fünf Geschwister wild hin und her diskutiert. Meine Großeltern stammen aus einem kleinen kurdischen Dorf in der Nähe von Elbistan, weit im Osten der Türkei. Für Menschen wie sie bedeutet das Wort Krebs nur eines: den Tod. Das könne nur Schaden anrichten, entschieden die Geschwister schließlich. Meine Großeltern glauben bis heute, mein Opa leide unter schwerer Blutarmut. Das ist nun sogar die Wahrheit, aber eben nur die halbe.

Das Krankenhaus in Elbistan konnte meinen Opa nicht mehr ausreichend versorgen. Die nächste Alternative, das Universitätskrankenhaus in Malatya, stand nicht wirklich zur Debatte. Denn die Versorgung der Patienten funktioniert in türkischen Krankenhäusern lediglich durch den ständigen Einsatz der Angehörigen; sämtliche Familienangehörige meines Großvaters aber leben mittlerweile weit im Westen der Türkei. So blieb auch uns am Ende nur Istanbul. Aus einem Dorf in der kurdischen Pampa brachten wir meinen Opa in die Weltmetropole, 1 000 Kilometer entfernt.

Hier liegt er nun im staatlichen Krankenhaus von Cerrahpaºa, einem konservativen Viertel im europäischen Teil der Stadt. Auf dem Gelände sind eine medizinische Fakultät, die medizinischen Abteilungen und 1 700 Betten untergebracht, verteilt auf 20 Gebäude. Auf unserer Station liegen in sieben Zimmern etwa 15 Patienten. Die Türen stehen immer offen, privat ist hier wenig. Schnell kennt man sich, trifft sich zum Small Talk und hilft sich aus: mit dem Wasserkocher, Salz oder Taschentüchern.

Die für meinen Opa zuständige Ärztin ist 26 Jahre alt. Sie kommt täglich mehrmals herein, schaut sich die neuesten Blutwerte an und zeichnet Rezepte für fehlende Medikamente ab. Sie steht unter Zeitdruck, versucht aber, für uns da zu sein. Ihre Präsenz ist beruhigend. Dabei hat sie für die meisten Patienten, die auf dieser Station liegen, wenig Hoffnung: „Eigentlich betreiben wir hier Palliativmedizin“, sagt sie. Auch bei meinen Opa geht es nicht um Heilung. Er ist zu alt für eine Knochenmarktransplantation, und so besteht seine Behandlung aus Schonung, strenger Hygiene und Bluttransfusionen.

Große Hilfsbereitschaft: Die pflegenden Angehörigen treffen sich zum Small Talk und helfen sich gegenseitig aus. Fotos: Nora Sevbihiv Sinemillioglu
Große Hilfsbereitschaft: Die pflegenden Angehörigen treffen sich zum Small Talk und helfen sich gegenseitig aus. Fotos: Nora Sevbihiv Sinemillioglu
Meine Oma ist immer bei ihm. Sie bringt ihn zur Toilette, wäscht ihn, holt das Essen ab, füttert ihn, wacht über die Reihenfolge der Medikamente. Aber die meiste Zeit ist sie einfach nur da, sitzt neben dem Krankenbett und wartet. In der Familie wechseln wir uns ab, um bei meinem Opa zu sein und meiner Oma zu helfen. Für zwei Wochen war auch ich zuständig. Jeden Abend legte ich mich mit meiner Oma auf eine dünne Matratze neben dem Krankenbett, zugedeckt von zwei Wolldecken. So ist mein Opa stets umgeben von dem, was ihn am Leben hält: der Familie auf der einen Seite, dem Infusionsständer auf der anderen.

Jeden Tag müssen wir für Medikamentennachschub sorgen. Die meisten Medikamente werden ohne Zuzahlung zur Verfügung gestellt, beschaffen muss man sie aber selbst. Am anderen Ende des Geländes legte ich den Apothekern täglich meine Liste mit Medikamenten vor. Sie packten mir dann einen Karton: Serum, Antibiotika, Hustensaft, Antipilzcreme. Immer wieder braucht man eine Sonder-genehmigung für ein Medikament, dann heißt es: zurück zur Ärztin. Warten. Sonderrezept. Zurück zur Apothekerin. Warten. Unterschrift. Quer übers Gelände zum Chefarzt. Warten. Eintreten. Unterschrift. Weiter zur zentralen Ausgabestelle. Warten. Medikament nicht auf Vorrat. Handynummer mitgeteilt. Zurück zum Zimmer. Warten. Handy klingelt. Medikament da. Endlich.

Die schwierigste Aufgabe ist die Suche nach Blutspendern. Denn wer regelmäßig Blut braucht, muss sich in der Türkei selbst kümmern. Der Blutgruppe meines Opas, A Rhesus negativ, gehören nur etwa fünf Prozent der türkischen Bevölkerung an. Die einzige Hilfe des Krankenhauses ist eine Blutspenderliste. Tag für Tag gilt es, auf eigene Faust neue Spender für Thrombozyten zu finden. Wenn die Spender zum Krankenhaus kommen, bleiben wir ständig bei ihnen. Wir erklären die Prozedur, bieten Getränke oder Mahlzeiten an; bestehen darauf, wenigstens das Fahrgeld zu erstatten. Wenn die Spender Geld verlangen, zahlen wir, aber das kommt selten vor. Die Konserve mit den gespendeten Thrombozyten drückt man uns später in einer Plastiktüte in die Hand. Manchmal, wenn das Blut länger im Kühlschrank gelegen hat, muss es aufgewärmt werden. Auch dafür braucht man die Angehörigen. Wir schieben uns die Blutkonserve unter die Achsel und warten, bis sie Körpertemperatur angenommen hat.

Patient sein in Istanbul geht aber auch anders. Eines Tages ruft mich meine Freundin Aysun an: Verdacht auf Fehlgeburt. Ich begleite sie ins Cerrahi-Krankenhaus im angesagten Stadtteil Niºantaºi. Sich hier behandeln zu lassen, ist kostspielig: Für eine Ultraschalluntersuchung, eine zehnminütige Beratung, das Medikament und eine halbe Stunde Wartezeit wird Aysun am Ende umgerechnet 180 Euro aus eigener Tasche zahlen. Dafür werden die Sinne entschädigt: Die Eingangshalle ist in dezentem Beige gehalten, der Boden ist gefliest und spiegelblank, von der Decke sorgen Hunderte kleine Lämpchen für glitzerndes Licht. Die Frauen an der Anmeldetheke sind perfekt gestylt, sogar die Patienten scheinen schöner, schlanker, schicker. Mit einem der modernen Aufzüge fahren wir in die vierte Etage. Klaviermusik, hier und da wartet ein Patient geduldig auf einem gepolsterten Sessel. Der Gynäkologe ist freundlich, aber distanziert. Er verschreibt Progesteron. Er kennt die Erwartungshaltung der türkischen Patienten: ein Arztbesuch ohne Rezept ist wie ein Erntetag auf dem Feld, an dem die Körbe leer bleiben.

Unterschiedlicher könnten die beiden Krankenhäuser kaum sein, doch eines haben sie gemeinsam: Alle Eingänge sind von bewaffneten Wachmännern gesäumt. Die in Niºantaºi nehmen ihre Aufgabe freilich ernster. Hier gibt es mehr zu verlieren: nicht mehr Menschenleben, aber einen Ruf und viel Geld.

In Cerrahpaºa steht an einem Abend eine Frau vor unserer Tür. Sie winkt meiner Oma flüchtig zu: „Ich gehe jetzt. Wir gehen alle.“ Mehrere Frauen stehen im Kreis und schluchzen. Einige Männer gucken ernst der Trage hinterher, die samt Schläuchen und Sauerstoffflaschen zur Intensivstation geschoben wird. Einbindung von Angehörigen hin oder her – auch in der Türkei sterben viele Patienten umgeben von Schläuchen und Maschinen.
Nora Sevbihiv Sinemillioglu
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