ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2010Schach: Ein zweifelhaftes Vergnügen

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Schach: Ein zweifelhaftes Vergnügen

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Vom 30. April bis zum 2. Mai wird das 18. Ärzteturnier in Bad Neuenahr stattfinden. Da viele Ärzte immer wieder kommen – oft sogar mit Kind und Kegel –, manche sogar bei allen bisherigen Turnieren teilgenommen haben, muss es ihnen wohl gefallen. Was liegt da näher, als eine Vergnügungssteuer zu erheben?

In seinem Gedicht „Vergnügungen“ fallen Bertolt Brecht dazu beispielsweise die Dialektik, ein wiedergefundenes altes Buch, der Wechsel der Jahreszeiten, die Zeitung und der Hund ein, vor allem aber der erste Blick aus dem Fenster am Morgen. Bis auf Zeitung und Hund sogar alles steuerfrei, hier hat der Staat im wahrsten Sinne des Wortes Nachholbedarf. Sollte dies jemandem zu dialektisch klingen, so mag er sich am Hobbyschachspieler Brecht orientieren.

Leider kann man ihn nicht mehr fragen, warum er Schach nicht in sein Poem aufgenommen hat; in einem Brief an Margarete Steffins schreibt er: „Du fehlst sehr . . . Mit Eisler Schach spielen (1 : 1) ist nicht wie mit Dir, liebe Grete.“ Was ihm genau missfallen hat, wissen wir nicht – vielleicht die im Ergebnis wohl implizite Niederlage? In jedem Fall lässt sich leicht vorstellen, dass das Schachspiel mit Margarete Steffins vergnüglicher war.

Ich weiß nicht, wie alt die Vergnügungssteuer ist; vielleicht fast so alt, wie es Gemeinwesen und Staaten sind. In jedem Fall fallen laut der Ortssatzung der Stadt Köln „Vergnügungen besonderer Art“ wie sexuelle Handlungen gegen Entgelt darunter, die „unabhängig von der tatsächlichen zeitlichen Inanspruchnahme“ (für diese Formulierung allein muss man die Stadt Köln schon lieben – welch semantisches Vergnügen) mit einem pauschalen Steuersatz belegt sind. Leider ist mir nicht bekannt, ob Besuche beim 1. FC Köln explizit in der Satzung aufgeführt sind; wie der stellvertretende Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts immer wieder am eigenen Leib erfahren muss, des Öfteren zumindest ein zweifelhaftes Vergnügen.

Aber zurück zum Schach. Anlässlich eines Turniers in Nürnberg um 1900 wollte die Stadt auch eine Vergnügungssteuer erheben. Wogegen sich der Nürnberger Arzt und hinter Lasker damals zweitbeste Spieler der Welt, Dr. med. Siegbert Tarrasch, meiner Erinnerung nach erfolgreich mit der Begründung wandte, dass Schachpartien zuallererst geistig und körperlich anstrengend und im Falle einer Niederlage nicht vergnüglich seien.

Als Dr. med. Norbert Kockel beim letzten Ärzteturnier als Weißer am Zug vor dieser Stellung saß und eine kleine, feine Kombination (ausnahmsweise mal opferfrei) ausheckte, empfand er vermutlich ein lebhaftes Vergnügen, vielleicht hätte er sogar eine Steuer dafür bezahlt. Wie erreichte er dank seiner Kavallerie eine Gewinnstellung, obwohl der schwarze Springer von Dr. med. Jürgen Kraft auch riesig im Zentrum thront?

Lösung:
Nur allzu gern würde Weiß mit Sf5+ den Läufer h6 erobern, doch noch wird er dann gleich vom Läufer c8 „herausgeputzt“. Deshalb erst die Springergabel 1. Sb6! mit Angriff auf Turm und Läufer. Schwarz entschloss sich zu 1. . . . Ta7 (auch 1. . . . Le6 war wegen des Qualitätsverlustes letztlich hoffnungslos), wonach 2. Sxc8 Txc8 3. Sf5+ den Läufer h6 und die Partie gewann.
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