ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Evaluation der Weiterbildung: Trauen Sie sich...

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Evaluation der Weiterbildung: Trauen Sie sich...

Korzilius, Heike

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Heike Korzilius, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Heike Korzilius, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Die Weiterbildung zum Facharzt ist besser als ihr Ruf. Vor gut zwei Wochen hat die Bundes­ärzte­kammer die Ergebnisse einer Befragung von Ärztinnen und Ärzten in der Weiterbildung sowie von Weiterbildungsbefugten vorgestellt – es war die erste ihrer Art, zumindest in Deutschland. In der Globalbeurteilung („Ich würde die Weiterbildungsstätte weiterempfehlen“, „Ich bin zufrieden mit der Arbeitssituation“) vergaben die Assistenten im Bundesdurchschnitt die Schulnote 2,54.

Das gute Ergebnis hat viele überrascht, denn seit Jahrzehnten hört man mehr Tadel als Lob, wenn es um die Weiterbildungsbedingungen des ärztlichen Nachwuchses geht. Die Klagen sind nicht verstummt. Seit der Veröffentlichung der Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt hat die Redaktion ungewöhnlich viele Zuschriften erhalten, die am positiven Ergebnis der Evaluation zweifeln. Die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, die sich jetzt zu Wort melden, erklären entweder, sie hätten von der Befragung nichts gewusst, oder sie werfen ihren Weiterbildern vor, Zugangscodes nicht weitergereicht zu haben. Viele glauben, dass sich überwiegend diejenigen an der Evaluation beteiligt haben, die engagierte Weiterbilder haben und mit ihrer Situation eher zufrieden sind. Die vergleichsweise niedrige Teilnehmerrate bei den Assistenten von 32,8 Prozent leistet solchen Argumenten Vorschub. Andere geben an, die Bogen aus Angst vor Repressalien nicht ausgefüllt, oder sich nicht beteiligt zu haben, weil sich ja doch nichts ändere. Aus den Zuschriften sprechen Misstrauen, Mutlosigkeit und Angst.

Man mag der Bundes­ärzte­kammer und den einzelnen Lan­des­ärz­te­kam­mern vorwerfen, dass sie zu lange tatenlos zugeschaut haben. Man mag kritisieren, dass viele Mitglieder sie eher als Behörde denn als Vertreter ihrer Interessen wahrnehmen. Aber die Kammern haben jetzt die Initiative ergriffen, um sich mit Hilfe einer systematischen Befragung ein realistisches Bild der Weiterbildungssituation in Krankenhäusern und Arztpraxen zu machen. Sie haben das vor dem Hintergrund der anhaltenden Kritik getan, mit dem klaren Ziel, die Qualität der ärztlichen Weiterbildung zu verbessern.

Sich nicht zu beteiligen, weil man unterstellt, es ändere sich ja doch nichts, ist Defätismus. Die Kultur aus Angst und Misstrauen, die offenbar noch in vielen Abteilungen herrscht, wird man nicht durch Schweigen überwinden können. Es nützt nichts, wenn der Deutsche Ärztetag in schöner Regelmäßigkeit fordert, in den Krankenhäusern das Teamarzt-Modell durchzusetzen, wenn die Ärzte dort nach wie vor despotische Chefs tolerieren. Zumal sich in Zeiten des Ärztemangels niemand mehr wegen eines sicheren Arbeitsplatzes erpressen lassen muss.

Als vertrauensbildende Maßnahme hat der Marburger Bund vorgeschlagen, eine Meldepflicht für Ärzte in Weiterbildung einzuführen, so dass die Ärztekammern bei jeder weiteren Befragung direkt an die Assistenten herantreten können. Zweifel an der Anonymität der Umfrage würden damit zerstreut. Vielleicht würden sogar mehr Assistenten zu einer Teilnahme motiviert. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, will die Meldepflicht prüfen. Zugleich hat er aber auch eine Änderung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung angekündigt. Danach soll die Beteiligung am Evaluationsprojekt für die Weiterbildungsbefugten künftig verpflichtend sein.
Heike Korzilius
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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