ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Sexueller Missbrauch: Kindern helfen, sich zu öffnen

POLITIK

Sexueller Missbrauch: Kindern helfen, sich zu öffnen

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): A-528 / B-464 / C-456

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch in Internaten, Schulen und Heimen kommen an die Öffentlichkeit. Ärzte und Politiker fordern eine bessere Aufklärung, Prävention und Ursachenforschung.

Foto: mauritius images
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Täglich werden neue Fälle von Kindesmisshandlungen und -missbrauch in Internaten, Heimen und Chören bekannt. Doch warum wurde so lange geschwiegen? „Kinder leugnen oft die Übergriffe vor sich selbst. Sie meinen, sie hätten es nur geträumt, oder spalten die Übergriffe von der Person des Täters ab und glauben, nachts käme ein Gespenst unter die Decke oder ein böser Wolf, der komische Sachen macht“, berichtete Diplom-Psychologin Sibylle Umhauer, Caritaszentrum Garmisch-Partenkirchen, bei einer Tagung der Forschungsstelle zur Prävention von sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen in Benediktbeuern. „Die meisten Kinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, haben später total dichtgemacht“, bestätigte der Pädiater Dr. med. Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (www.kinderaerzte-im-netz.de) dem Deutschen Ärzteblatt. Die Fälle weisen auch noch zahlreiche weitere Gemeinsamkeiten auf. So kommen nach Angaben der UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF die meisten Täter aus dem Nahumfeld der Kinder, vor allem der Familie und der Verwandtschaft. „Täter, die Kinder sexuell benutzen, schaffen zunächst ein Vertrauensverhältnis zum Opfer. Sie erreichen dies durch Bestechungen (Noten, Sonderzuwendungen) oder durch Drohungen“, erläuterte Umhauer. Die Täter stellten die Kinder dann unter ein Geheimhaltungsgebot. Deshalb müsse man den Kindern helfen, sich zu öffnen, fordert auch Fegeler. Die Vorsorgeuntersuchungen U 10 und U 11 können seiner Ansicht nach mit einem geführten Fragebogen dabei helfen, Erkenntnisse über einen möglichen sexuellen Missbrauch zu gewinnen. Wichtig sei dies, weil der sexuelle Missbrauch als Grundlage für zahlreiche körperliche und psychische Krankheiten gesehen werden müsse. So zeigte sich in retrospektiven Studien aus den USA (JAMA 2009; 302[5]: 550–61) ein statistisch signifikant gehäuftes Auftreten von funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen, nicht spezifischen Schmerzsyndromen, psychogenen Krampfanfällen und chronischem Schmerz im Beckenbereich. 20 Prozent der missbrauchten Kinder leiden nach Angaben von Fegeler später an depressiven Störungen.

Runder Tisch der Bundesregierung
„Das Leid, das diesen Kindern und Jugendlichen an Leib und Seele widerfahren ist, kann niemand wiedergutmachen. Angesichts der jetzt bekanntgewordenen schrecklichen Ereignisse müssen wir dringend handeln“, betonte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Kristina Schröder. Sie lud für den 23. April zu einem Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch ein. Dort soll gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan sowie Vertretern von Familienverbänden, Internatsträgern, den beiden großen Kirchen, der freien Wohlfahrtspflege und Ärzten über Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen geredet werden. „Sexueller Missbrauch ist nicht nur ein Thema der Kirchen. Deshalb sollten wir sie auch nicht einseitig an den Pranger stellen“, sagte Schröder. Wichtig seien Prävention, Aufklärung und Ursachenforschung. Die Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin strebt unter anderem eine Selbstverpflichtung von Einrichtungen wie Schulen oder Vereinen zur Umsetzung klarer Verhaltensregeln in Missbrauchsfällen an. Parallel dazu sollten Kinder und Jugendliche behutsam sensibilisiert werden, damit sie Missbrauch erkennen und klar benennen können. „Ein dritter Schritt soll die flächendeckende Sensibilisierung von Fachkräften sowie von Eltern und Erziehungsberechtigten sein, um möglichem Missbrauch rechtzeitig vorbeugen oder tatsächliche Missbrauchsfälle schneller erkennen zu können.“

Auf einen zweiten, von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger initiierten Runden Tisch wurde inzwischen verzichtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte es, dass es nun doch nur einen Runden Tisch der Regierung geben soll. Sie halte es für eine gute Idee, „die gesamte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu bündeln“. (Zum Thema „Sexueller Missbrauch von Kindern“ siehe auch Interview auf den folgenden Seiten)
Gisela Klinkhammer
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