ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Dopingvorwürfe: Pechsteins Blut – ein Expertenstreit

MEDIZINREPORT

Dopingvorwürfe: Pechsteins Blut – ein Expertenstreit

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): A-538 / B-470 / C-462

Zylka-Menhorn, Vera; Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Die Diagnose „leichte Sphärozytose“ entlastet die Eisschnellläuferin vom Vorwurf des Dopings. Doch nicht alle Wissenschaftler teilen diese Ansicht.

Claudia Pechstein bei der Präsentation der Daten, die vom Dopingvorwurf entlasten sollen. Foto: ddp
Claudia Pechstein bei der Präsentation der Daten, die vom Dopingvorwurf entlasten sollen. Foto: ddp
Nachdem führende Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom Vorwurf des Dopings mit Erythropoetin (EPO) entlastet haben, diskutieren Wissenschaftler die jetzt vorgelegten Befunde. DGHO-Vorsitzender Prof. Dr. med. Gerhard Ehninger (Universitätsklinikum Dresden) hatte bei einer Pressekonferenz in Berlin erklärt, dass die bei Pechstein gefundene Retikulozytose nicht auf die Einnahme von verbotenen Substanzen zurückzuführen ist, sondern auf eine seltene erbliche Blutanomalie, die hereditäre Sphärozytose.

Neue Diagnosemethoden
Möglich geworden sei die Einschätzung durch den Einsatz von zwei neuen Messverfahren, die Dr. med. Andreas Weimann vom Zentralinstitut für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie am Berliner Universitätsklinikum Charité vorstellte.

Nach Weimanns Angaben sind Pechstein im Dezember 2009 sechs Blutproben an aufeinanderfolgenden Tagen entnommen worden, um eine Sphärozytose nachzuweisen. Bei der ersten Methode bestimmte man den erhöhten Anteil kleiner Kugelzellen im Verhältnis zur Menge hämoglobinarmer Erythrozyten. Hierbei ergab sich ein Quotient von sechs bis sieben, wobei Werte über vier stark auf eine Sphärozytose hinweisen. Ebenfalls bestimmt wurde das Verhältnis zwischen Retikulozyten und unreifen Retikulozyten.

Die Ergebnisse belegten, so Weimann, dass die fünfmalige Olympiasiegerin eine leichte Form der hereditären Sphärozytose habe. Defekte Proteine vermindern die Stabilität der Erythrozytenmembranen, sie verlieren ihre Form und gehen rascher zugrunde als gewöhnlich (Hämolyse). Der Körper bildet nun vermehrt Retikulozyten, die Vorläufer der Erythrozyten. Wichtige Befunde für die Sphärozytose sind:

● positive Familienanamnese (fakultativ)
● Milzvergrößerung (fakultativ)
● Anämie (fakultativ, circa ein Drittel der Patienten ist nicht anämisch)
● gesteigerte Hämolyse: Retikulozytose, indirektes Bilirubin erhöht, erhöhte Laktatdehydrogenase, Ahaptoglobinämie (mindestens zwei Zeichen davon obligatorisch)
● Nachweis von vermehrten Kugelzellen im Ausstrich (können bei leichten Formen fehlen)
● erhöhte osmotische Fragilität der Erythrozyten (obligatorisch)
● Anisozytose (fakultativ).

„Unterstützt werden die neuen Ergebnisse durch Blutuntersuchungen des Vaters, bei dem mit den neuen Verfahren ebenfalls eine Kugelzellanämie diagnostiziert wurde“, sagte Weimann. Prof. Dr. med. Wolfgang Jelkmann (Universität zu Lübeck) ergänzte, dass auch die zwischen den Jahren 2000 und 2009 gewonnenen Blutproben der Eisschnellläuferin untypisch für ein EPO-Doping seien und eher auf eine Kugelzellanämie hinwiesen.

„Insgesamt zeigte sich über diesen Zeitraum ein allmählicher Anstieg der Retikulozytenzahl, was für eine langsame Verschlechterung der Erkrankung spricht“, konstatierte Jelkmann. Den Vorwurf des Dopings widerlegt aus seiner Sicht die stetige Abnahme der Hämoglobinwerte. „Die Blutwerte zeigten aber auch, dass bei Frau Pechstein die ansonsten sehr stabile korpuskuläre Hämoglobinkonzentration, der MCHC, oft erhöht war, was nur bei ganz wenigen Bluterkrankungen der Fall ist, etwa der Kugelzellanämie.“

Prof. Dr. med. Lothar Thomas (Frankfurt/M.) sagte dem Deutschen Ärzteblatt, es gebe keinen Zweifel daran, dass Pechstein eine leichte, hereditäre Sphärozytose habe. Aber kann diese tatsächlich den hohen Retikulozytenanteil erklären?

Eine Erklärung könnte die Messtechnik sein, meinte Thomas. Die Internationale Eislaufunion (ISU) verwendet das Advia-Hämatologiesystem von Siemens. Bei diesem Verfahren werden Erythrozyten und Retikulozyten von der Diskus- in die Kugelform überführt. Zur Messung der Retikulozyten werden diese und die Erythrozyten mit dem Detergens Natriumdodecylsulfat (SDS) aufgekugelt und die RNA der Retikulozyten mit einem Farbstoff markiert. Erythrozyten und Retikulozyten werden dann in einem gemeinsamen Kanal gemessen und der Anteil der angefärbten Retikulozyten an der Gesamtzellzahl ermittelt. Auch ein kleiner Teil von Erythrozyten enthält noch RNA. Durch den Aufkugelungsprozess dringt Farbstoff leichter auch in Erythrozyten, und wenn diese noch RNA enthalten, werden sie als Retikulozyten erfasst, wie Thomas erläuterte. Das sei eine Ursache dafür, dass die Retikulozytenzahl am Advia-Gerät höher ist als bei anderen Blutanalyzern, zum Beispiel dem Sysmex-Gerät, das die Welt-Antidopingagentur (WADA) empfiehlt. „Nur das Advia-System verwendet SDS“, betonte Thomas. Die Schwankungen der Retikulozytenzahl auf hohem Niveau bei Claudia Pechstein könnten also auf einem bei hereditärer Sphärozytose nicht ausreichend zuverlässigen Verfahren zur Bestimmung der Retikulozyten beruhen.

Divergierende Messverfahren
Prof. Dr. rer. nat. Fritz Sörgel, Dopingexperte und Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, sieht das anders. „Die bei Pechstein diagnostizierte leichte Form der Sphärozytose – lediglich eine Anomalie ohne Symptome – erklärt in keiner Weise die teilweise stark erhöhten und erheblich schwankenden Retikulozytenwerte“, sagte Sörgel dem Deutschen Ärzteblatt. Und die bei der Eisschnellläuferin festgestellten Konzentrationen des korpuskulären Hämoglobins lägen nur um wenige Prozent über denen, die sein Team bei 300 jungen, gesunden Probanden gefunden habe.

„Hier wird ein grenzwertiger Befund hochstilisiert zur Ursache für einen teilweise deutlich erhöhten und schwankenden Verlauf der Retikulozytenwerte – ich kann da keine kausale Beziehung erkennen“, so Sörgel. „Es ist hier nicht das oft vermutete EPO als mögliches Mittel einer unerlaubten Leistungssteigerung zu diskutieren, sondern andere verbotene Substanzen, zum Beispiel der Insulin-like-Growth-Faktor 1, oder unbekannte Substanzen oder geschickte Substanzkombinationen. Aber das können jetzt nur noch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen klären, ein Labornachweis ist nicht mehr möglich.“ Vor allem bei indirekten Nachweisverfahren sei künftig die Zusammenarbeit von Pharmakologen und Hämatologen gefragt.

Ein solches indirektes Verfahren hatte die WADA Anfang 2009 mit dem „biologischen Pass“ eingeführt. Danach können Sanktionen gegen Leistungssportler verhängt werden, wenn es Auffälligkeiten in ihrem Blutprofil gibt, auch ohne direkten positiven Dopingbefund. Sportverbände verwenden Blutprofile nun ebenfalls. „Es sind vergleichsweise neue Verfahren, die hier von der WADA und den Sportverbänden etabliert werden“, erklärte Prof. Dr. sportwiss. Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule in Köln. So habe die WADA erst im Januar dieses Jahres Richtlinien zur Methodik herausgegeben, nach denen die von der WADA zertifizierten Labors arbeiteten, aber eben nicht alle Sportverbände.

Für Schänzer sind die Erkenntnisse der DGHO-Gutachter „wichtig und auch wissenschaftsmethodisch interessant“. Sieht er nun durch den Streit um Pechsteins Blut die Basis dafür wanken, dass charakteristische Veränderungen im Blutprofil als indirektes Indiz für Doping gelten können? „Nein“, meinte Schänzer. „Aber wir müssen bereit sein dazuzulernen.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Claudia Pechstein bei der Präsentation der Daten, die vom Dopingvorwurf entlasten sollen. Foto: ddp
Claudia Pechstein bei der Präsentation der Daten, die vom Dopingvorwurf entlasten sollen. Foto: ddp
Pechsteins Blut – ein Expertenstreit
Claudia Pechstein bei der Präsentation der Daten, die vom Dopingvorwurf entlasten sollen. Foto: ddp

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