ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Qualitätsprüfungen: Die Medizin und der Tross
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Die beiden Artikel von Dr. Birgit Hibbeler habe ich mit Freude gelesen und stimme dem Tenor beider Beiträge zu. Ja: In der Pflege „ . . . könnte es sein, dass schon bald niemand mehr da ist, der die vielbeschworene Qualität erbringen kann“. Und mangels vernünftiger Abläufe ist „für viele Ärzte die Grenze des Erträglichen erreicht“. Bis in die 90er Jahre konnten wir noch frei und nach den Regeln unseres Berufs arbeiten. Jetzt werden die Kollegen (ich bin noch zu guter Zeit pensioniert worden) durch vielerlei Einwirkungen daran gehindert. Da sitzen, um die eigentliche Medizin und Pflege herum, Arbeitsgruppen, Institutsbesatzungen und Gesundheitspolitiker und produzieren Regelwerke und Direktiven für die Ärzte vor Ort, DRG, sektorenübergreifende Qualitätssicherung, Pay for Performance, Codierrichtlinien mit 180 Seiten Text und Schulungsgeboten, Behandlungsfehlerregister und vieles Nichtessenzielle mehr. Ich nenne sie den Tross der Medizin. Sie behindern mit ihrem Tun die ärztliche und pflegerische Arbeit.

In einem Artikel vom Mai vergangenen Jahres (DÄ 20/2009, A 980–4) habe ich dargelegt, dass viele medizinische Daten nicht reliabel und darauf aufbauende Qualitäts-„Messungen“, Bewertungen und Vergleiche demzufolge auch unzureichend verlässlich sind. Dass bei den Bewertungen der Heime „mit den Qualitätsprüfungen etwas nicht stimmt“, ist – so gesehen – nicht verwunderlich. Meinen Ausführungen in diesem Artikel ist bisher nicht widersprochen worden, auch nicht von den zuständigen Stellen in Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, denen sie zur Kenntnis gegeben wurden. Das Qualitätsestablishment hat dazu geschwiegen. Mindestens ein Teil der den Ärzten aufgehalsten Datensammeleien, Dokumentationen und „Messungen“ sollte aufgegeben werden, nicht nur zur Entlastung der Ärzte, sondern auch weil sie wissenschaftlich nicht haltbar sind. Der Widerstand gegen jeden Versuch eines derartigen Rückbaus wird erheblich sein, weil der Tross sich dagegen mit allen Kräften wehren wird. Aber Öffentlichkeit wirkt ja manchmal Wunder . . .
Prof. Dr. Klaus D. Scheppokat, 30989 Gehrden
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