ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010SMI-Patienten: Ohne Konzept
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ein längst überfälliger Artikel, der in nüchternen Worten ein sich nahezu unbemerkt abspielendes Drama beschreibt. Im heutigen Medizinsystem bekommen diejenigen Patienten, die über die höchste soziale Kompetenz verfügen, die meisten und besten Ressourcen. Je psychisch kränker ein Patient ist, umso geringer ist seine Aussicht, adäquat behandelt zu werden. Den Markt der Richtlinienpsychotherapie konnten und können sich SMI-Patienten nicht erschließen. Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dieses empirische Gesetz als „Inverse Care Law“ beschrieben. Allgemein bedeutet es, dass je kränker ein Patient ist, ihm umso weniger Ressourcen im Gesundheitswesen zur Verfügung stehen.

Die Gesundheitspolitik und die ärztliche Selbstverwaltung stehen der Tatsache, dass psychische Erkrankungen laut WHO weltweit den höchsten Anteil an mit Behinderung gelebten Lebensjahren im Vergleich zu allen anderen Erkrankungen haben, dass sie in Deutschland den häufigsten Grund für Frühberentungen darstellen, dass sie die höchste Steigerung an AU-Tagen bei jungen Erwerbstätigen ausmachen und dass wir mehr als doppelt so viele Suizide wie Verkehrstote haben, völlig hilflos und ohne Konzept gegenüber, obwohl diese Tatsachen bereits seit vielen Jahren feststehen.

Sich als Psychiater und Psychotherapeut mit Menschen, die an einer serious mental illness leiden, zu befassen und sie zu behandeln, bedeutet eine hohe Anforderung an intensiver, hochflexibler, höchstpersönlich zu erbringender Arzt-Patient-Gesprächszeit, eine langjährige Erfahrung im Erkennen von Symptommustern, Frustrationstoleranz und Krisenfestigkeit. All das findet in der Welt der Regelleistungsvolumina nicht mehr statt. Die Gesprächsleistungen der Psychiater aus den Regelleistungsvolumina herauszunehmen und als freie Leistung zu definieren, war ein Schritt in die -richtige Richtung, der jetzt wohl schon bald wieder zurückgenommen wird. Hier sind die anderen „somatischen“ Fachgruppen wieder stärker in der Ressourceneinforderung als die kleine Fachgruppe der Psychiater und Nervenärzte. Womit wir wieder beim Inverse Care Law wären . . .
Dr. med. Christa Roth-Sackenheim, 56626 Andernach
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige