ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Roman: „Ich weiß, du kommst wieder“

KULTUR

Roman: „Ich weiß, du kommst wieder“

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): A-559 / B-487 / C-479

Goddemeier, Christof

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Wenn der Anpassungsdruck an diese Welt einen Zwang zur Amnesie mit sich bringt, hat Herta Müller diesem stets widerstanden. Ihr Werk ist ganz dem Banat verbunden, einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien. Das Schreiben habe sie vom Schweigen und Verschweigen gelernt, sagt sie in einem Essay. Hat sie in früheren Büchern den selbstherrlichen Alltag der Banater Schwaben und das amputierte Leben in der Ceauºescu-Diktatur benannt, erzählt sie nun die Geschichte eines jungen Mannes.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden alle in Rumänien lebenden Deutschen zwischen 17 und 45 Jahren für den „Wiederaufbau“ der im Krieg zerstörten Sowjetunion in Arbeitslager deportiert. In Gesprächen mit Überlebenden der Lager, vor allem mit dem 2006 verstorbenen Dichter Oskar Pastior, hat Herta Müller den Stoff gesammelt, der dem Roman zugrunde liegt. Das „Wegfahren“ kommt dem 17-jährigen Leo Auberg zunächst gerade recht. Er will raus aus der kleinen Stadt, „wo alle Steine Augen hatten“. Und erlebt Hunger und Kälte, Demütigung und Schikane. Dafür findet Müller eindrückliche und zu Herzen gehende Bilder. Da wird die Herzschaufel, mit der Auberg Kohle auf- und ablädt, zur Schaukel in seiner Hand, „wie die Atemschaukel in der Brust“. Das Gaumensegel wird zur Waage des allgegenwärtigen „Hungerengels“, der den Atem schaukeln lässt. Am Leben hält ihn der Satz seiner Großmutter beim Abschied: „Ich weiß, du kommst wieder.“ Im Lager wiederholt der Takt der Schaufel ihm diesen Satz, der so schwer zu erfüllen ist. Nach fünf Jahren erfolgt die „unzumutbare“ Entlassung. Daheim herrscht bedrückende Sprachlosigkeit, niemand will wissen, wie es ihm ergangen ist. Noch 60 Jahre später ist das Essen eine „große Erregung“. Nachts im Traum kehrt das Lager zurück. Mit seinem Hunger beißt es „heute noch von jedem anderen Gefühl die Mitte ab“.

Ein erschütterndes und bedeutendes Buch. Christof Goddemeier

Herta Müller: Atemschaukel. Roman. Hanser, München 2009, 303 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
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