ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Querschnittslähmung: Gehtrainer für zu Hause

TECHNIK

Querschnittslähmung: Gehtrainer für zu Hause

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): A-563 / B-490 / C-482

Imhoff-Hasse, Susanne

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In halb liegender Position trainieren die Patienten mit dem Trainings - roboter Moregait. Foto: Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
In halb liegender Position trainieren die Patienten mit dem Trainings - roboter Moregait. Foto: Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Mit einem Gehtrainer wollen Forscher aus Heidelberg und Ulm Patienten mit einer inkompletten Querschnittlähmung ein intensives Training zu Hause ermöglichen.

Derzeit fehlt chronisch Querschnittgelähmten mit noch teilweise erhaltenen Funktionen die Möglichkeit, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ihre Gehfähigkeit weiter zu trainieren. Eine Forschergruppe um Dr.-Ing. Rüdiger Rupp, Heidelberg, sowie Prof. Dr.-Ing. Eberhard Hofer und Dipl.-Ing. Markus Knestel von der Universität Ulm hat den Prototypen des Trainingsroboters Moregait entwickelt, mit dem Gehbewegungen hundertfach wiederholt werden können. Bei der Schulung im Gehbarren seien dagegen nur wenige Dutzend Schritte möglich, erläutert Rupp. Das kompakte Gerät könne von einer Person geschoben werden und sei in einem Pkw transportierbar. Sein Funktionsprinzip ist es, intensivierte sensorische Reize zu generieren, um die zielgerichtete Reorganisation von Nervenstrukturen im Gehirn und Rückenmark zu fördern.

In dem Gerät nehmen die Patienten aus Sicherheitsgründen eine halb liegende Position ein, die Ober- und Unterschenkel werden mit Halbschalen sowie Stretchbändern fixiert. Kernelemente zur Erzeugung der Beinbewegungen sind pneumatische Antriebe („künstliche Muskeln“) mit geringer Steifigkeit. Ein wichtiger Reiz zum Training der „spinalen Intelligenz“ stellt die schrittphasenbezogene Belastung der Fußsohle dar. In dem „stimulativen Schuh“ wird der Fuß, angepasst an die individuelle Anatomie, in einer Schuhzunge fixiert und Druckreize ähnlich dem Abrollvorgang beim natürlichen Gehen aufgebracht.

Mit Hilfe einer intuitiven grafischen Benutzerschnittstelle mit Touchscreen bedienen die Patienten das Gerät selbstständig, über einen Notausschalter kann das Training sofort unterbrochen werden. Da die -aktive Teilnahme der Gelähmten für Verbesserungen unabdingbar ist, werden die Kräfte an den Gelenken während des Trainings auf dem Monitor dargestellt; Smileys signalisieren hier Abweichungen vom normalen Gehmuster. Während der Studie erhalten die Behinderten Rückmeldung über ein Telemonitoringsystem. Per Fernüberwachung erhält der Therapeut nach jedem Training die wichtigsten Parameter; Einstellungsänderungen werden ermöglicht.

Erste Ergebnisse einer aktuell an der orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg vorgenommenen Studie zur Überprüfung der Wirksamkeit dieser automatisierten Lokomotionstherapie erscheinen vielversprechend. An dem Einzelbeispiel einer 30-jährigen Frau machte Rupp, der die Forschungsgruppe „Neuroorthopädie“ des Querschnittzentrums an der Heidelberger Uniklinik leitet, dies deutlich. Die Patientin war nach dem achtwöchigen Training im Test auf der 10-Meter-Strecke um 40 Prozent schneller oder hatte nach sechs Minuten eine um 60 Prozent längere Gangstrecke als vor dem Training zurückgelegt. In die Studie werden Personen mit traumatischer, chronischer teilweiser Querschnittlähmung, aber ohne stark ausgeprägte Spastik, aufgenommen. Das Bun­des­for­schungs­minis­terium unterstützt das Vorhaben seit 2005.
Susanne Imhoff-Hasse
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