ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Unangebrachte Interpretationen der Daten
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Autoren haben sich mit diesem Thema und der Auswertung von Metaanalysen und Kohortenstudien aus Deutschland eine wichtige Aufgabe gesetzt. Die am 28. 3. 2009 erschienene – wichtigste und größte (900 000 Personen) – Metaanalyse haben sie nicht (mehr) in ihre Auswertung einbezogen (1); sie erwähnen sie nur. Wenngleich viele Sachverhalte, insbesondere zur Mortalität, annähernd richtig wiedergegeben wurden, fällt insbesondere eine Selektion der Themen und eine zum Teil unangebrachte Interpretation der Daten auf.

Wiederholt erwähnen die Autoren: „Bei Übergewicht ist die Gesamtsterblichkeit nicht erhöht“. Weder die WHO noch Fachgesellschaften sehen in dieser Gewichtsklasse hinsichtlich der Sterblichkeit ein gravierendes Problem. Die Aussage „Heute ist ein BMI um 27 kg/m2 im mittleren Lebensalter mit der geringsten Mortalität verbunden“ wurde zwar in der vorliegenden Studie getroffen, sie steht jedoch nicht im Einklang mit der derzeitigen wissenschaftlichen Evidenz, wonach seit Jahrzehnten gilt (1): „Die Mortalität war am niedrigsten bei 22,5–25 kg/m2“.

In die systematische Analyse wurden nur Studien eingeschlossen, in denen der BMI als Maß für die Adipositas diente. Neuere Studien mit Erfassung des Taillenumfangs beziehungsweise der „waist-to-hip ratio“ (WHR) neben dem BMI zeigen eine deutliche Zunahme der Mortalität mit höherem Taillenumfang bereits bei normalem BMI (2, 3). Die oben erwähnte Aussage der Autoren bedarf daher einer wichtigen Modifikation: Bei Übergewicht ist die Gesamtsterblichkeit – beurteilt nach dem BMI – nicht erhöht.

Warum die Autoren zur Beurteilung von Komorbiditäten der Adipositas nur Metaanalysen herangezogen haben, ist unverständlich, gibt es doch zu vielen adipositas-assoziierten Krankheiten zahlreiche Untersuchungen mit hohem Evidenzgrad. Durch die Aussage „weitere Krankheiten können nicht identifiziert werden“, wird der derzeitige Wissensstand grob missachtet. Eine umfassende Darstellung der adipositas-assoziierten Krankheiten hätte verdeutlicht, wie häufig und schwerwiegend Folgekrankheiten der Adipositas auftreten. Geeignete Parameter zur globalen Beurteilung der Morbidität sind die Arbeitsunfähigkeit, die vorzeitige Berentung sowie die direkten und indirekten Kosten. Viele Komorbiditäten der Adipositas beeinflussen die Mortalität nicht, sie sind jedoch als Krankheit sehr bedeutsam und beeinträchtigen die Lebensqualität wesentlich.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0214c

Prof. Dr. med. Alfred Wirth
Sonnenhang 1 a, 49214 Bad Rothenfelde
E-Mail: wirthbr@t-online.de

Interessenkonflikt
Prof. Wirth ist lokaler Leiter der Sibutramin Cardiovascular Morbidity/Mortality Outcome Study, untersützt von Abbott GmbH.
1.
Whitlock G, Lewington S, Sherliker P, et al.: Body-mass index and cause-specific mortality in 900 000 adults: collaborative analysis of 57 prospective studies. Lancet 2009; 373: 1083–96. MEDLINE
2.
Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in EUROPE. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
3.
Zhang CK, Rexrode M, van Dam RB, Li TY, F.B. Hu FB: Abdominal obesity and the risk of all-cause, cardiovascular, and cancer mortality. Sixteen years of follow-up in US women. Circulation 2008; 117: 1658–67. MEDLINE
4.
Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT
1. Whitlock G, Lewington S, Sherliker P, et al.: Body-mass index and cause-specific mortality in 900 000 adults: collaborative analysis of 57 prospective studies. Lancet 2009; 373: 1083–96. MEDLINE
2. Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in EUROPE. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
3. Zhang CK, Rexrode M, van Dam RB, Li TY, F.B. Hu FB: Abdominal obesity and the risk of all-cause, cardiovascular, and cancer mortality. Sixteen years of follow-up in US women. Circulation 2008; 117: 1658–67. MEDLINE
4. Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.