ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Hauptaussage nicht gerechtfertigt
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LNSLNS Die deskriptive Analyse von Lenz und Koautoren mit der Aussage, dass Übergewicht – im Gegensatz zur Adipositas – nicht generell mit einer erhöhten Mortalität und Morbidität assoziiert sind, möchten wir kommentieren:

Die Definition des Normalgewichtes als BMI zwischen 18,5 und 25 kg/m² ist problematisch, weil bereits seit langem bekannt ist, dass ein sehr niedriger BMI mit einem erhöhten Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko assoziiert ist. Besser wäre es, als untere Grenze des Normbereichs einen BMI von 20 kg/m² zu verwenden, auch wenn dies in den aktuellen Empfehlungen der Fachgesellschaften oder der WHO nicht implementiert ist.

Die Aussage zur Mortalität wird offenbar im Wesentlichen aus der Untersuchung der EPIC-Kohorte mit ausgewerteten Daten zu 359 387 Personen (1) abgeleitet. Hierzu ist anzumerken, dass in der EPIC-Kohorte sehr wohl eine Erhöhung der Gesamtmortalität für einen BMI von 28–30 kg/m² von 11 % (Frauen) und 8 % (Männer) gezeigt wurde – im Vergleich mit einem BMI zwischen 23,5 und 25 kg/m². 11 % und 8 % hören sich wenig an, bedeuten aber in einer Kohorte mit einem durchschnittlichen Eintrittsalter von 51,5 Jahren einen erheblichen Verlust von Lebensjahren. Des Weiteren wird der BMI durch Rauchen und konsumierende Erkrankungen stark beeinflusst. Raucher haben in fast allen Untersuchungen einen geringeren BMI als Nichtraucher. Die Formulierung „Ob nur das Rauchen oder auch das damit verbundene geringere Körpergewicht zum höheren Brochialkarzinomrisiko führt“ suggeriert, dass Adipositas Raucher vor einem Bronchialkarzinom schützt.

Beim Bronchialkarzinom ist bei der unbestritten hervorragenden Kausalität des Rauchens ein Effekt durch den BMI schwer festzustellen. Auch konsumierende Krankheiten führen regelmäßig zu einem niedrigen BMI – und deshalb können insbesondere in Altersklassen mit geringer Mortalität sehr wenige Patienten mit konsumierenden Erkrankungen massiv die Auswertungen verzerren.

Wir halten daher die generelle Aussage der Autoren zu Übergewicht und Mortalität anhand der vorliegenden Daten für nicht gerechtfertigt und sogar für gefährlich.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0215a

PD Dr. med. Matthias Orth
Institut für Laboratoriumsmedizin
Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH, Marienhospital Stuttgart
Böheimstraße 37, 70199 Stuttgart
E-Mail: orth@vinzenz.de

PD Dr. oec. troph. Jutta Dierkes
Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften
Von-Danckelmann Platz 2, 06120 Halle (Saale)
E-Mail: jutta.dierkes@landw.uni-halle.de

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
2.
Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The Morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT
1. Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
2. Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The Morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT

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