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LNSLNS Vogeser sieht ein Problem in Bezug auf Beobachtungszeiträume. Die Beobachtungszeiträume der meisten in unserer Analyse eingeschlossenen Arbeiten liegen zwischen 5 und 10 Jahren. Vogeser schreibt „ein Einfluss von Übergewicht … kann anhand derartiger Daten sicher nicht verlässlich beurteilt werden“. Einflüsse können mit Kohortenanalysen generell nur eingeschränkt beurteilt werden. Beobachtungsstudien lassen nur Aussagen zu Assoziationen zu. Es geht in unserer Arbeit um die Frage, ob Krankheiten/Sterblichkeit mit dem BMI assoziiert sind und nicht ob sie dadurch verursacht werden. Die Frage, ob Beobachtungszeiträume angemessen sind, ist komplex. Neben dem Beobachtungszeitraum spielt die Zahl der beobachteten Personen und der Expositionsparameter eine maßgebliche Rolle. Bei großen Kohorten können Beobachtungszeiten auch kürzer ausfallen. Wäre es zum Beispiel möglich, die deutsche Gesamtbevölkerung zu beobachten, würden vermutlich wenige Monate ausreichen, um Assoziationen zu identifizieren. Dies ist für den Fall des Expositionsparameters BMI möglich, weil BMI-Werte selbst über längere Zeiträume relativ stabil sind. So kann davon ausgegangen werden, dass Menschen, die beispielsweise heute 50 Jahre alt sind, in den Jahren zuvor ähnliche BMI-Werte hatten. Hingegen sind sehr lange Beobachtungszeiträume problematisch, da Störfaktoren wie Komorbiditäten, Veränderungen im sozialen Umfeld et cetera nicht mehr kontrollierbar sind.

Winter und Back bemängeln, dass aufgrund der Auswahl unserer Suchbegriffe wichtige Arbeiten entgangen seien und benennen eine Arbeit von Hu et al. (1) sowie zwei Fall­kontroll­studien (2, 3). Dies ist nicht der Fall; wir haben uns bei der Fülle der Publikationen auf die Auswertung von Metaanalysen und deutschen populationsbezogenen Kohortenstudien beschränkt. Die zum Thema Schlaganfall eingeschlossene Metaanalyse (4) unterstützt nicht die Ergebnisse der von Winter und Back gewählten Einzelstudien. Unsere Aussage „eine Assoziation zum Schlaganfallrisiko besteht nicht“ basiert auf Analysen der in der Metaanalyse (4) enthaltenen Kohorten aus Australien/Neuseeland (caucasian). Wir meinen, dass sich diese Ergebnisse auf die europäische Bevölkerung übertragen lassen.

Wirth bemängelt fehlende wissenschaftliche Evidenz zur Aussage „Heute ist ein BMI um 27 kg/m2 im mittleren Lebensalter mit der geringsten Mortalität verbunden.“ Diese Ergebnisse basieren auf den US-Amerikanischen NHANES-Daten. Die Aussage „Es wurde nur der BMI als Maß für Adipositas analysiert“, ist nicht korrekt. Auch WC und WHR (waist circomference und waist to hip ratio) wurden, sofern entsprechende Metaanalysen oder deutsche populationsbezogene Kohortenstudien identifiziert wurden, analysiert (Ergebnis- und Diskussionsteil, sowie Tabelle 5 und Tabellen 1, 3 und 4 im Web-Appendix).

Wirth zitiert: „weitere Krankheiten konnten nicht identifiziert werden“. Dieser Satz ist nicht korrekt wiedergeben. Es heißt richtig: „Metaanalysen zu Assoziationen … wurden nicht identifiziert“. Wirth schreibt zudem „Eine umfassende Darstellung der Adipositas-assoziierten Krankheiten hätte verdeutlicht, wie häufig und schwerwiegend Folgekrankheiten der Adipositas auftreten“. Hier liegt wohl ein Missverständnis vor. Wir haben das Risiko der Adipositas – im Gegensatz zum Übergewicht deutlich gemacht. Allerdings konnten für verschiedene Erkrankungen beziehungsweise Zielparameter keine Metaanalysen oder deutsche populationsbezogene Kohortenstudien identifiziert werden. Einen vermutlichen Untersuchungs- und auch Publikationsbias für Erkrankungen, die durch Übergewicht oder Adipositas begünstigt scheinen, haben wir in unserer Arbeit hinreichend diskutiert.

Orth und Dierkes irren mit der Annahme, in der von uns eingeschlossenen EPIC-Kohorte liege „sehr wohl eine Erhöhung der Gesamtmortalität für einen BMI von 28–30 kg/m2“ vor. Die genannten relativen Risiken sind nicht signifikant (Tabelle 3 unserer Arbeit). Die EPIC-Daten (5) zeigen, dass die Gesamtmortalität < BMI 21 kg/m² und > 30 kg/m² gegenüber 23,5–25 kg/m² erhöht ist. Orth und Dierkes schreiben, unsere Aussage „ob nur das Rauchen oder auch das damit verbundene geringere Körpergewicht zum höheren Lungenkarzinomrisiko führt“ suggeriere, Adipositas schütze Raucher. Dies soll nicht suggeriert werden. Die eingeschlossene Metaanalyse (6) aus 13 Einzelstudien zeigt, dass ein um 5 kg/m2 größerer BMI mit einem um 20 % (Frauen) bzw. 30 % (Männer) verminderten Lungenkrebsrisiko assoziiert ist (Raucher und Nichtraucher zusammengenommen). Wir stimmen zu, dass das BMI-assoziierte Lungenkarzinomrisiko vor dem Hintergrund des starken Risikofaktors Rauchen schwer zu identifizieren ist.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir auf eine notwendige Korrektur im Literaturverzeichnis unserer Arbeit hinweisen: Die Literaturstelle 5 (Lee CM, et al.) ist falsch angegeben. Die korrekte Referenz lautet: Pischon T, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. NEJM 2008; 359: 2105–20.
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0215b

Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser
Dr. phil. Matthias Lenz
Universität Hamburg
Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften (MIN)
Institut für Pharmazie, Gesundheitswissenschaften
Martin-Luther-King-Platz 6
20146 Hamburg

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Hu G, Tuomilehto J, Silventoinen K, Sarti C, Mannisto S, Jousilahti P. Body mass index, waist circumference, and waist-hip ratio on the risk of total and type-specific stroke. Arch Intern Med 2007; 167: 1420–7. MEDLINE
2.
Winter Y, Rohrmann S, Linseisen J, Lanczik O, Ringleb PA, Hebebrand J, et al. Contribution of obesity and abdominal fat mass to risk of stroke and transient ischemic attacks. Stroke 2008; 39: 3145–51. MEDLINE
3.
Yusuf S, Hawken S, Ounpuu S, Bautista L, Franzosi MG, Commerford P, et al. Obesity and the risk of myocardial infarction in 27,000 participants from 52 countries: a case-control study. Lancet 2005; 366: 1640–9. MEDLINE
4.
Ni Mhurchu C, Rodgers A, Pan WH, Gu DF, Woodward M. Body mass index and cardiovascular disease in the Asia-Pacific Region: an overview of 33 cohorts involving 310 000 participants. Int J Epidemiol 2004; 33: 751–8. MEDLINE
5.
Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, Bergmann M, Schulze MB, Overvad K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
6.
Renehan AG, Tyson M, Egger M, Heller RF, Zwahlen M: Body-mass index and incidence of cancer: a systematic review and meta-analysis of prospective observational studies. Lancet 2008; 371: 569–78. MEDLINE
7.
Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT
1. Hu G, Tuomilehto J, Silventoinen K, Sarti C, Mannisto S, Jousilahti P. Body mass index, waist circumference, and waist-hip ratio on the risk of total and type-specific stroke. Arch Intern Med 2007; 167: 1420–7. MEDLINE
2. Winter Y, Rohrmann S, Linseisen J, Lanczik O, Ringleb PA, Hebebrand J, et al. Contribution of obesity and abdominal fat mass to risk of stroke and transient ischemic attacks. Stroke 2008; 39: 3145–51. MEDLINE
3. Yusuf S, Hawken S, Ounpuu S, Bautista L, Franzosi MG, Commerford P, et al. Obesity and the risk of myocardial infarction in 27,000 participants from 52 countries: a case-control study. Lancet 2005; 366: 1640–9. MEDLINE
4. Ni Mhurchu C, Rodgers A, Pan WH, Gu DF, Woodward M. Body mass index and cardiovascular disease in the Asia-Pacific Region: an overview of 33 cohorts involving 310 000 participants. Int J Epidemiol 2004; 33: 751–8. MEDLINE
5. Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, Bergmann M, Schulze MB, Overvad K, et al.: General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. NEJM 2008; 359: 2105–20. MEDLINE
6. Renehan AG, Tyson M, Egger M, Heller RF, Zwahlen M: Body-mass index and incidence of cancer: a systematic review and meta-analysis of prospective observational studies. Lancet 2008; 371: 569–78. MEDLINE
7. Lenz M, Richter T, Mühlhauser I: The morbidity and mortality associated with overweight and obesity in adulthood [Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 641–8. VOLLTEXT

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