ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2010Konflikte im Berufsalltag: Mich kränkt so schnell keiner!

BERUF

Konflikte im Berufsalltag: Mich kränkt so schnell keiner!

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): [90]

Jürgens, Ute

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LNSLNS Nach verbalen Verletzungen durch Kollegen oder Beleidigungen von Patienten schnell wieder das innere Gleichgewicht zu finden, ist eine Kunst.

Sei es unter Kollegen oder im Arzt-Patienten-Verhältnis – immer wieder kommt es auch im Arbeitsalltag des Arztes zu verbalen Scharmützeln. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Ist es möglich, sich gegen so zugefügte Verletzungen zu schützen, oder nimmt man dann gar nichts mehr wahr? Einige Tipps, wie ein Arzt auf Kränkungen im Berufsalltag reagieren kann:

Wahrnehmung von Verletzungen. Zunächst verschafft man sich Distanz und betrachtet das Ganze von außen, als ob man einen spannenden Film ansähe. Die Distanz wird gedanklich und räumlich aufgebaut, ein paar kurze Momente reichen. Vielleicht ist sowieso gerade etwas wegzubringen oder zu holen, der Raum wird gewechselt. Als Nächstes stellt man den Kontakt zu sich selbst her, nimmt seine Gefühle wahr und welche der Bedürfnisse gerade unerfüllt sind. Um Spannung abzubauen, helfen Bewegung und eine gute Atmung.

Am Arbeitsplatz darf man auch ehrlich Gefühle zeigen. Absolute Souveränität ist ein Ideal, man nähert sich diesem, wenn man bewusst mit sich umgeht.

Weder Opfer noch Täter. Die Opferrolle ist eine Sackgasse, die zu Untätigkeit verdammt. Wenn alle Beteiligten sich als Opfer und das Gegenüber als Täter erleben, ist der Konflikt festgefahren. Das, was andere sagen, hat oft mehr mit ihnen als mit einem selbst zu tun.

Verantwortung übernehmen. Statt das Wohlbefinden auf den Reaktionen anderer aufzubauen, sich damit abhängig zu machen und das Selbstwertgefühl zu schwächen, übernimmt man selbst Verantwortung. Wo ist der eigene Anteil an dem Kränkungskonflikt? Man kann das ruhig offen zugeben. Nimmt man sich selbst zu wichtig, zieht man sich schnell einen Schuh an, der nicht passt. Den kann man genauso wieder abstreifen und sich etwas Besseres suchen. Es ist wichtig, sich mit dem zu versorgen, was man gerade braucht, Zuspruch durch Dritte, Nachfragen beim Auslöser der Kränkung, wie das Gesagte eigentlich gemeint war.

Rache ist Selbstverletzung. Rache üben bedeutet brandstiften im Nachbarhaus, man verbrennt sich bereits beim Anzünden, und das Feuer greift unkontrollierbar auf das eigene Haus über. Besser ist es, der Versuchung, das Gegenüber zu verletzen oder sich anderweitig destruktiv zu verhalten, zu widerstehen. Sonst stört man die bisher gute Beziehung und schadet sich selbst.

Entdramatisieren. Wissend, dass man selbst im Grunde in Ordnung ist, wird es egal, wie einen ein anderer Mensch behandelt und warum er das macht. Selten steckt eine böse Absicht hinter dem Verhalten, eher Ungeschicklichkeit, Unbedachtsamkeit oder die Einschätzung, dass Ärzte so stark sind, dass man ihnen alles sagen kann.

Der wunde Punkt. Was ist nun das eigentliche Problem an der Kränkung? Wo ist der wunde Punkt? Ihn zu schützen oder zu heilen, kann auch heißen, sich ganz konkret Hilfe zu suchen, mit den eigenen persönlichen „Balsammenschen“, in einem Coachinggespräch oder einer Therapie, je nach Größe des wunden Punkts. Perspektivenwechsel: Wandert man um den wunden Punkt herum und betrachtet ihn aus allen Richtungen, gibt es auch schräge oder lustige, skurrile oder ganz klar positive Ansichten und Blickwinkel. Eine andere Sicht- oder Deutungsweise lindert enorm.

Stärkendes. Möglichst oft genießen! Es fängt bei den kleinen Dingen an, wie ausreichend Zeit zum Aufwachen nach dem morgendlichen Aufstehen, Kleidung, in der man sich rundum wohlfühlt, Essen, das gesunde Nährstoffe zuführt. Es gibt viele Dinge den ganzen Tag über, bei denen man aussuchen darf. Zumindest eine Teilstrecke mit dem Rad durchs Grüne zu fahren statt in Auto, Bus und Bahn, bringt Farbe und Bewegung in den Alltag. Kontakte mit anderen, die Art, wie man seine Arbeit verrichtet, die Überlegung, wie ungeliebte Tätigkeiten delegiert oder verbessert werden können – jeder hat die Wahl. Sich abzugrenzen und ein Schutzschild aufzubauen, so dass man als Arzt die Nöte und Probleme anderer zwar sieht, aber nicht in sich aufnimmt, ist durchaus lernbar.

Bei Kritik und Konflikten hilft es, das Gespräch zu suchen, Wünsche zu äußern und zu klären, was für einen wichtig ist und was man sich von anderen erhofft. Ob andere Menschen willens und fähig sind, darauf Rücksicht zu nehmen, steht auf einem anderen Blatt. Achtung und Respekt für sich, die Kollegen und die Patienten sind auf jeden Fall aufrechtzuerhalten.
Ute Jürgens
E-Mail: KomMed@freenet.de
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