ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Umstrittene Metaanalysen
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LNSLNS Es soll hier nicht versucht werden, Studien mit den „alten“ Antioxidanzien krampfhaft zu rehabilitieren. Indes, zwei der von Wingler und Schmidt in ihrem ansonsten sehr lesenswerten Beitrag zitierten Metaanalysen (1) wurden äußerst heftig kritisiert. Das Hauptergebnis von Bjelakovic et al. (2007) lautete: Die Einnahme der fünf inkriminierten Mikronährstoffe (Vitamin E, Vitamin C, Vitamin A, Betakarotin und Selen) hatte in der Gesamtanalyse aller achtundsechzig Studien keinen signifikanten Einfluss auf die Mortalität (relatives Risiko [RR]: 1,02). Nur wenn sie die achtundsechzig Studien nach eigenen Kriterien in 47 mit niedrigem und 21 mit hohem Bias einteilten, fanden die Autoren für die Studien mit niedrigem Bias eine diskret erhöhte (RR: 1,05), und für jene von „niedriger“ Qualität eine verminderte Sterblichkeit (RR: 0,91).

Bjelakovic et al. haben weitere fundmentale Prinzipien der Metaanalytik verletzt, etwa indem sie vier physiko-chemisch vollkommen unterschiedliche Moleküle sowie ein Spurenelement als „Antioxidanzien“ zwangskollektivierten und Studien mit Beobachtungszeiträumen zwischen einem Tag und zwölf Jahren inkludierten. Bei zwei Studien verwendeten sie falsche Mortalitätszahlen und mussten erst auf Nachfrage des Verfassers dieses Kommentars beim JAMA ein umfangreiches Erratum publizieren (2). Die vermeintlich erhöhte Gesamtmortalität in der Subgruppe der „methodisch guten“ Studien schmolz um ein weiteres Prozent. Getrieben waren die Ergebnisse zudem von den negativen Ergebnissen bekannter Studien zum Betakarotin und Vitamin A bei rauchenden Männern mit hohem Alkoholkonsum. Auch die zitierte „Miller-Studie“ zu Vitamin E wurde detailliert untersucht und nahezu entwertet (3).

Es wäre noch zu fragen, warum darauf verzichtet wurde, die wichtigen Verbindungen zwischen γ-Tocopherol und dem NO-Stoffwechsel zu beleuchten, böte die Verdrängung des γ-Tocopherol (durch α-Tocopherol) auch eine Erklärung für das Versagen der Jahrzehnte langen α-Tocopherol-Monomanie (4).
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0224b

Dr. med. M. P. Look
Clemens-August Straße 39, 53115 Bonn
E-Mail: drlook@drlook.de

Interessenkonflikt
Der Autor bietet als privatärztliche Leistung eine Beratung zur Supplementierung von Mikronährstoffen, inklusive Antioxidanzien, an, und hat gegen Honorar Hersteller (Orthomol GmbH und Vitamin Shop Direct Inc.) von Nahrungsergänzungsmitteln und bilanzierten Diäten in wissenschaftlichen Fragen beraten.
1.
Wingler K, Schmidt H: Good stress, bad stress—the delicate balance in the vasculature [Guter Stress, schlechter Stress: Die feine Balance in Blutgefäßen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(42): 677–84. VOLLTEXT
2.
Bjelakovic, et al.: Erratum zu: Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA 2008; 299(7): 756–6. MEDLINE
3.
Bell SJ, Grochoski GT: How safe is vitamin E supplementation? Crit Rev Food Sci Nutr 2008; 48, 760–74. MEDLINE
4.
Ohrvall M, Sundlof G, Vessby B: Gamma, but not alpha, tocopherol levels in serum are reduced in coronary heart disease patients. J Intern Med 1996; 239: 111–7. MEDLINE
1. Wingler K, Schmidt H: Good stress, bad stress—the delicate balance in the vasculature [Guter Stress, schlechter Stress: Die feine Balance in Blutgefäßen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(42): 677–84. VOLLTEXT
2. Bjelakovic, et al.: Erratum zu: Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA 2008; 299(7): 756–6. MEDLINE
3. Bell SJ, Grochoski GT: How safe is vitamin E supplementation? Crit Rev Food Sci Nutr 2008; 48, 760–74. MEDLINE
4. Ohrvall M, Sundlof G, Vessby B: Gamma, but not alpha, tocopherol levels in serum are reduced in coronary heart disease patients. J Intern Med 1996; 239: 111–7. MEDLINE

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