SUPPLEMENT: Reisemagazin

Südfrankreich: Blaues Wunder

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [7]

Diemar, Claudia

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LNSLNS Für den Laien heißt alles Lavendel, was Auge und Nase überwältigt: Frühsommer in der Drôme provençale

Der Lavendel ist die einzige Pflanze, deren Duft zugleich beruhigt und euphorisiert“, sagt Monsieur Laget, „deshalb ist man in Frankreich darauf gekommen, die Flure psychiatrischer Anstalten damit zu parfümieren.“ Jean-Elie Laget muss es wissen. Er führt einen „Herboristerie“, einen Handel mit allerlei Heilpflanzen und deren Produkten in Buis-les-Baronnies. Die kleine Stadt liegt in der Drôme provençale, dem südlichsten Teil des Départements Drôme, der in früheren Zeiten zur Provence gehörte.

Duftende Felder so weit das Auge reicht: Jean-Elie Laget handelt mit Heilpflanzen und schwört auf die euphorisierende und zugleich beruhigende Kraft des Lavendels. Fotos: Claudia Diemar
Duftende Felder so weit das Auge reicht: Jean-Elie Laget handelt mit Heilpflanzen und schwört auf die euphorisierende und zugleich beruhigende Kraft des Lavendels. Fotos: Claudia Diemar
Monsieur Lagets Hund heißt „Lavande“, weil er in den Lavendelfeldern von Bauer Jean-Michel Toulouse zur Welt kam. In St. Auban-sur-l’Ouvèze hat er seinen Hof, schon in den Voralpen. Echter Lavendel, erkennbar an der einzigen Blütenähre und kleineren Pflanzenbüscheln, gedeiht nämlich nur über 500 Höhenmetern. „Je höher er wächst, desto besser die Qualität“, sagt Bauer Toulouse. 50 bis 60 Euro erhält er für einen Liter „Huile essentielle“. Lavandula angustifolia, wie die wissenschaftliche Bezeichnung des echten Lavendels lautet, ist im Mittelmeerraum seit der Antike bekannt. Schon die Römer parfümierten ihre Badewasser damit. Von „lavare“, also „waschen“, hat er wohl auch seinen Namen.

Alles, was unten in der Ebene östlich der Rhône sprießt, ist dagegen Lavandin, eine Kreuzung aus Lavendel und Großem Speik. Er wächst in dichteren kugelförmigen Büscheln und hat mehrere Blütenähren, die aus einem Hauptstängel sprießen. Das hat freilich keine Bedeutung für den Reisenden. Für den Laien heißt alles Lavendel, was Auge und Nase überwältigt. Wer Ende Juni das Glück hat, im Süden Frankreichs unterwegs zu sein, erlebt sein blaues Wunder: duftende Felder, soweit das Auge reicht, manchmal unterbrochen von Weinreben oder goldgelbem Weizen in malerischem Kontrast. Wer die Fenster des Autos beim Fahren öffnet, wird fast narkotisiert vom Parfum.

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In langen Rippen ziehen sich die Pflanzreihen dahin. Im Schatten schimmern sie blaugrau, in der Sonne aber leuchtend violett, besonders abends, im letzten Licht. Hell heben sich die Blüten vom hellen Kalksteinboden ab. Insekten summen in Scharen über den Feldern. Imker haben die Bienenstöcke direkt neben den Feldern aufgestellt, denn Lavendelhonig mit seinem intensiven Aroma ist gefragt. Schwalbenschwänze, Zitronenfalter und winzige lila Schmetterlinge taumeln wie trunken vom Duft durch die Reihen. Mehr Idylle geht nicht. Man möchte sich hinsetzen und eine Staffelei aufstellen. Mindestens aber Dutzende von den niedlichen Säckchen kaufen, die zur Parfümierung der Schränke verkauft werden. Und Lavendelseife. Und kleine Flaschen mit der aus den Blüten gepressten Essenz.

Kriss Van Acker, dessen Familie trotz des niederländischen Namens seit zig Generationen französisch ist, muss über solch romantische Anwandlungen lächeln. Er sitzt vor dem Computer an seinem Schreibtisch in der „Distillerie d’Huiles Essentielles Raoul Duffez“ in Montségur-sur-Lauzon. Die Bedeutung des Lavendels für die Kosmetik- und Parfümherstellung sei von geringer Bedeutung, erklärt er. Das wirkliche Geschäft werde mit der Industrie gemacht: „Die größten Abnehmer heißen Colgate, Palmolive und Procter & Gamble. Denn die Karriere des Lavendels als landwirtschaftliches Produkt beginnt exakt mit der Erfindung der Waschmaschine.“ Die Hersteller von Waschmitteln schätzen vor allem den Lavandin als Grundstoff für Detergenzien. Jedenfalls ist die blaue Blume mit dem kräftigen Odeur längst ein Wirtschaftsfaktor. Insgesamt rund 2 000 Produzenten mit 25 000 angeschlossenen Arbeitsplätzen, unter anderem in 120 Destillierbetrieben, findet man im Süden Frankreichs.

Die „Distillerie Bleu Provence“ in Nyons, das auch für seine hervorragenden Oliven bekannt ist, empfängt gern interessierte Gäste. Christine und Philippe Soguel erklären mit Engagement, was es mit den Duftpflanzen auf sich hat. „Lavendel riecht süß und zart, hat einen nur geringen Kampferanteil und wirkt beruhigend. Lavandin enthält sehr viel mehr Kampfer, duftet darum strenger und stärker, entspannt die Muskeln, wirkt jedoch tonisierend auf die Psyche“; erklärt Monsieur Soguel, während er mit den Besuchern vor den uralten Destillierapparaten steht. Beheizt werden sie übrigens nur beim ersten Durchgang der Saison mit Holz, danach wird das ausgelaugte Pflanzenstroh selbst als Brennmaterial verwendet. „Perfektes Recycling“, strahlt Soguel. Wer ins fotogen am Fluss L’Eygues gelegene Nyons findet, kann wenige Schritte weiter noch eine Essigmanufaktur sowie eine alte Ölmühle und Seifensiederei besichtigen.

Kulinarisch lässt sich nur der echte Lavendel verwenden, hat schon Monsieur Laget erklärt. Seine Blüten werden als Tee getrunken oder zum Aromatisieren auf das Grillgut gestreut. Vor allem aber gehen die blauen Blüten gern und erfolgreich eine Liaison mit Süßspeisen ein. Zum Beispiel in der „Auberge La Clavelière“ in Saint Auban-sur-l’Ouvèze. Chef Yannick Meffre serviert zum Dessert eine köstliche Crème brûlée mit Lavendelaroma, außerdem Lavendeleis und ein Parfait mit dem Parfum der blauen Blume. Das Warten auf die einzelnen Gänge des Menüs wird einem auf der Terrasse der Auberge zudem nicht lang, denn der Panoramablick in die schon gebirgige Landschaft ist hinreißend schön. „Salbei und Lavendel heilen tausend Krankheiten“, sagt ein Sprichwort in der Drôme. Jedenfalls wurden die Chikunguya-Fieberkranken im Überseedépartement La Réunion erfolgreich mit Lavendelauszügen behandelt. Die Essenz wirkte nicht nur gegen erneute Mückenangriffe, sondern linderte auch die Schmerzen bei der Infektion.

Wie sagte doch der aus dem nahen Manosque stammende Romancier Jean Giono, der den Beinamen „Vergil der Provence“ führte: „Der Lavendel balsamiert Himmel und Erde, er treibt sein Spiel mit dem Licht ebenso wie mit dem Schatten.“ Claudia Diemar


Informationen
Unterkunft: „La Maison du Moulin“, F-26230 Grignan, Telefon: 0033 475 465694, sechs Zimmer und ein Haus in malerischem Anwesen am Bach; Möglichkeit zu Lavendel-Kochkursen, Internet: www.maisondumoulin.com.

„Auberge de la Clavelière“, F-26170 Saint Auban-sur-l’Ouvèze, charmante Gästezimmer sowie eine Ferienwohnung für fünf Personen, auch hier gibt es die Möglichkeit zu Kochkursen, Internet: www.laclaveliere.com.

Schöne Ferienhäuser in der Region gibt bei Gîtes de France Drôme in Valence, Telefon: 0033 490 854500, Internet: www.gites-de-france-drome.com.

Informationen zur Lavendelverarbeitung im Internet unter: www.distillerie-bleu-provence.com.

Auskünfte: Maison de la France, Postfach 10 01 28, 60001 Frankfurt/Main, Telefon: 09001 570025 (0,49 Euro/Min.), Internet: www.franceguide.com, www.drometourisme.com, www.routes-lavande.com.

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