SUPPLEMENT: Reisemagazin

Armenien: Ende der dunklen Zeit

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [14]

Sturmhoebel, Elke

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LNSLNS Wilde Landschaften, christliche Kulturschätze, drohender wirtschaftlicher Niedergang: Das Land im Kaukasus kämpft um eine Zukunft.

Dicht am biblischen Berg: 40 Kilometer südöstlich von Jerewan ragt das Kloster Chor Virap in die Kulisse des Ararat. Fotos: Elke Sturmhoebel
Dicht am biblischen Berg: 40 Kilometer südöstlich von Jerewan ragt das Kloster Chor Virap in die Kulisse des Ararat. Fotos: Elke Sturmhoebel
Der erste Morgen zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der Blick aus dem Hotelfenster in Jerewan fällt auf den schneebedeckten Ararat vor stahlblauem Himmel. Nicht eine Wolke verdeckt den 5 165 Meter hohen Kegel. Das Hochhaus davor mit den Antennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach weckt Assoziationen. Die Kalauer um den lokalen Rundfunksender waren in den 80er Jahren Kult. Frage an Radio Eriwan: „Gibt es in Armenien mehr Humor als anderswo?“ Antwort: „Im Prinzip ja. Aber wir haben ihn auch bitter nötig.“ Der alte Witz hat an Aktualität nichts verloren. Seit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit 1991 kämpft Armenien mit der Konjunktur. Ehemals florierende Fabriken wurden abgewickelt, die Industrie liegt am Boden. Mit dem Konflikt um die Exklave Berg-Karabach brachen zudem die Nachbarn Aserbaidschan und Türkei die Handelsbeziehungen ab. Über die globale Finanzkrise, die auch das Land im südlichen Kaukasus nicht verschont hat, kann das Volk daher nur lachen. Krise in Armenien ist schließlich nichts Neues.

Bei einem Spaziergang durch die Hauptstadt ist von Untergangsstimmung nichts zu merken. Auf dem Platz der Republik kurven Luxuslimousinen und großspurige Geländewagen um die Verkehrsinsel, auf der bis zur Wende noch ein Lenin wachte. Gestylte Frauen stolzieren auf Stilettoabsätzen über die breiten Gehwege wie auf einem Laufsteg. Unzählige Kräne zeugen von reger Bautätigkeit. Viele Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Holzbalkonen mussten neuen Wohnkomplexen weichen.

Die Jahre 1990 bis 1994 seien die schlimmsten gewesen, als die gesamte Energieversorgung zusammengebrochen war und die Armenier abends vor rußenden Öllampen und flackernden Kerzen saßen, erzählt unser Begleiter Ara Haytayan. In seinem kleinen Atelier hoch über der Stadt zeigt er die Stillleben, die er in der dunklen Zeit gemalt hat. Kräftige Farben hat er benutzt, ausdrucksvoll wirken die Bilder, auch ein bisschen düster. Der 43-jährige Künstler kann von der Malerei nicht leben und arbeitet daher im Sommer als Reiseleiter. Mit der aus Stein gehauenen Kunst seines Volkes kennt er sich aus. Etwa 1 500 Kirchen und Klöster aus frühchristlicher Zeit und dem Mittelalter sind erhalten. Manche von ihnen haben es in die Oberliga des UNESCO-Welterbes geschafft. Darunter die Kathedrale von Etschmiadsin – dem armenischen „Vatikan“, deren Grundmauern auf das Jahr 303 zurückgehen.

Die Fahrt in den Süden führt durch fruchtbares Land. In der von Bergen umgebenen Ararat-Ebene wachsen auf tausend Metern Höhe Aprikosen, Mais, Tabak, und hier gedeihen auch die Weintrauben für den hervorragenden armenischen Kognak. Der Fluss Arax, der die Grenze zur Türkei markiert, sorgt für die nötige Bewässerung der Felder.

In der Hauptstadt Jerewan ist von der Krise nichts zu spüren, anders auf dem Land in Sarnakunk: Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 kämpft Armenien mit der Konjunktur.
In der Hauptstadt Jerewan ist von der Krise nichts zu spüren, anders auf dem Land in Sarnakunk: Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 kämpft Armenien mit der Konjunktur.
40 Kilometer südöstlich von Jerewan ragt das Kloster Chor Virap in die Kulisse des Ararat. Noch dichter kann man nicht heran an den biblischen Berg, an dem die Arche Noah laut erstem Buch Mose „am 17. Tag des siebenten Monats“ angelegt hat. Der heilige Berg liegt zum Leidwesen der Armenier im historischen Westarmenien und somit auf türkischem Boden. Gegen Ende des Osmanischen Reichs hatte die damalige türkische Regierung die Armenier in die Mesopotamische Wüste getrieben. Etwa 1,5 Millionen Armenier verloren bei dem Genozid 1915/16 ihr Leben. Mit der Gründung der armenischen Republik 1918 umfasst das Staatsgebiet nur noch das Kernland des armenischen Hochlandes. Chor Virap ist ein Wallfahrtsort. Oberhalb des Klosters haben Gläubige im Angesicht des Ararat unzählige Stofffetzen und Taschentücher als „Wunschzettel“ an Büsche geknüpft. Die meisten sind schon in der Sonne verblichen.

Die Straße nach Goris führt in die wilde baumlose Bergwelt Armeniens, die gen Osten immer dünner besiedelt ist. Dennoch ist die Strecke stark befahren mit gelben klapprigen Bussen und Lastern. Hier geht es nach Berg-Karabach und auch zur iranischen Grenze. Seit der militärischen Intervention 1993 in das frühere autonome Gebiet müssen Ein- und Ausfuhren über den Iran abgewickelt werden. Der Stopp in Areni lohnt sich. In dem Weindorf werden vor allem Trauben für Rotwein angebaut. Schon zu Sowjetzeiten wurde hier Wein gekeltert, doch die Qualität sei jetzt besser, sagt Simonian Stefan Seryoga. Bei einer Weinprobe können wir uns davon überzeugen. Der Winzer hat sich 1994 selbstständig gemacht und produziert inzwischen 150 000 Flaschen im Jahr. Die Hälfte davon geht nach Russland. Die Inhaber der Verkaufsbuden direkt an der Straße haben andere Geschäfte im Sinn. Sie haben Wein in 2-Liter-Cola-Flaschen abgefüllt und verkaufen ihn zu 2 000 Dram, umgerechnet vier Euro. Ein gutes Geschäft für iranische Kraftfahrer, die den verbotenen Rebensaft ins Land schmuggeln und unters Volk bringen.

Hinter dem 2 344 Meter hohen Vorotan-Pass werden die kargen Berggipfel immer höher. Strommasten schwingen sich über das Grasland. Ein Steinkreis bei Sisian zieht bereits die ersten Esoterik-Jünger an. Mit dem englischen Stonehenge werden die Menhire von Zorats Karer verglichen. Die in einem Talkessel gelegene 12 000 Einwohner zählende Stadt Goris ist das Tor zu Südarmenien und Stützpunkt für eine Trekkingtour durch die Berge der Sjunikh-Region. Dr. Chahin Zeytountchian führt das Mirhav-Hotel – ein Gästehaus mit 15 Zimmern und einem gemütlichen Restaurant. Fast 40 Jahre lebte der im Iran geborene Armenier in Deutschland und praktizierte als Neurologe. Im Jahr 2000 hat er in Berlin die Koffer gepackt, um endgültig in seine neue Heimat zurückzukehren. „Ich begab mich auf die Suche nach den Wurzeln, um zu realisieren, aus welchem Volk ich abstamme“, erklärt er. 2005 eröffnete Chahin Zeytountchian in Goris das Hotel Mirhav.

Im Dorf Ltsen beginnt die Wanderung. Einige Bewohner treten vor die Haustür, um einen Blick auf die vorbeiziehende Gruppe zu werfen. Männer, die sich in die Eingeweiden eines Autos vergraben hatten, richten sich auf und schauen staunend hinterher. Stundenlang führt nun der Weg durch blühende Wiesen und Weiden, vorbei an Quellen und Wasserläufen. Links schweift der Blick über eine mächtige Bergkette mit Steineichenwäldern, grauen Felsgruppen, Grasflächen und Schneeresten. Schmetterlinge torkeln durch die Luft, am Himmel schweben Raubvögel. Das befestigte Kloster Tathev ist Ziel der fünfstündigen Bergtour. Als wir das im 9. Jahrhundert errichtete Kloster hoch über der Vorotan-Schlucht erreichen, sitzt Priester Mikael unter einem blühenden Birnbaum. Der Gottesmann hat seine Pflicht getan, hat soeben das Salz gesegnet, das dem Opfertier auf die Zunge gerieben wurde. Widerstrebend lässt sich ein schwarzes zottiges Schaf, das zuvor dreimal um die Kirche getragen wurde, von zwei kräftigen Männern abführen. Das Tieropfer „Matagh“ ist ein ursprünglich heidnischer Brauch, dessen man sich zu besonderen Gelegenheiten und Festen, als Dank oder Bitte an den Allmächtigen bedient. Gleichzeitig hat das Ritual eine soziale Funktion. Zum Verzehr des Opfertiers werden arme Familien geladen.

Tausend Jahre lang war Tathev das aktivste Kloster Armeniens, bis ein schweres Erdbeben im Jahr 1931 das Kloster zerstörte. Teile wurden wieder aufgebaut. Wie die meisten Kirchen Armeniens sind die Innenräume schlicht und die Fassaden reich verziert. Verwitterte Kreuzsteine lehnen draußen an den Mauern. Wie schön die Akustik in der Peter-und-Paul-Kirche ist, will uns Priester Mikael beweisen. Spontan trommelt er einige Chorkinder auf dem Gelände zusammen. Sonnenstrahlen fallen wie Lanzen aus der Dachöffnung auf den Lehmboden. Kerzen flackern, es riecht nach Weihrauch, und der Gesang heller Stimmen füllt den hohen Raum.
Elke Sturmhoebel


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Informationen:
Einreise: Das Visum für Armenien wird am Flughafen ausgestellt und kostet etwa 40 Euro. Benötigt wird ein Reisepass, der bei der Ausreise noch sechs Monate gültig sein muss.

Buchtipp und Literatur: „Armenien“ von Jasmine Dum-Tragut, Trescher Verlag, 2008, 430 Seiten, 19,95 Euro. Der Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel erzählt die authentische Geschichte einer armenischen Dorfgemeinde, die 1915 Widerstand leistete gegen ihre Vernichtung.

Pauschal: Hauser Exkursionen hat Armenien neu im Programm. Informationen und Termine im Internet unter www.hauser-exkursionen.de.

Auskünfte im Internet unter: www.armenien.de und www.auswaertiges-amt.de.

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