ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2010Tausend Jahre Hanoi: Mit Konfuzius in die Zukunft

Supplement: Reisemagazin

Tausend Jahre Hanoi: Mit Konfuzius in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [20]

Schiller, Bernd

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Vietnams Hauptstadt drückt aufs Tempo – und bleibt doch ganz gelassen.

Frau Anh lebt in einem Viertel der kleinen Leute, nicht weit entfernt von der Altstadt, die alle Touristen besuchen. Im Morgengrauen, wenn in der Nachbarschaft die Händler und die Suppenköche ihre Stände aufbauen, geht Frau Anh zum Tanzen, wie sie es nennt. Es ist ihr Frühsport, eine Mischung aus Tai- Chi, dem legendären Schattenboxen, und schwungvollen Bewegungen nach Walzerklängen, die aus einem Kassettenrekorder am Ufer des Hoan- Kiem-Sees dröhnen. Frau Anh bezieht nur eine schmale Rente. Sie könnte ihren Enkelkindern nicht so oft Süßigkeiten kaufen und ihrem Sohn ein paar Dong zum neuen Hemd spendieren, wenn nicht ihre Tochter jeden Monat einen Zuschuss überweisen würde. Die Tochter lebt in Deutschland, hält sich mit einem Nagelstudio und als Kellnerin in einem Asien-Restaurant so eben über Wasser, aber aus der Sicht ihrer Mutter und ihrer Geschwister in Hanoi lebt sie im Überfluss. Frau Anh weiß so viel Glück zu schätzen. Jeden Morgen, noch vor dem Tanz am See, spendiert sie Buddha und den Göttern des Daoismus, die auf ihrem Hausaltar harmonisch nebeneinander wohnen, ein paar Räucherkerzen.

Fotos (2): laif
Fotos (2): laif
Old Erwin ist ein kleiner, drahtiger Mann, fast 60 Jahre schon. Eigentlich heißt er Vinh. Aber schon in der DDR, wo er fast 20 Jahre gelebt hat, als Arbeiter und schließlich als graduierter Ingenieur, hatten sie ihn nur Erwin gerufen. Längst hat er sich als Reiseleiter in seiner Heimat einen Namen gemacht. „Guten Morgen in Vietnam“, sagte er zur Begrüßung, als wir nach dem langen Flug in die Sonne blinzelten, „Sie sehen müde aus, aber Ihre Augen leuchten. Sie sind neugierig, und deshalb müssen Sie sich jetzt auch nicht ausruhen. Verlieren wir also keine Zeit, es gibt viel zu tun . . .“

Eine Woche lang hat uns Herr Vinh Hanoi gezeigt, seine Stadt, die in diesem Jahr ihren tausendsten Geburtstag feiert. Fröhlich, lebhaft, optimistisch ist er mit uns durch die Gassen der Altstadt gezogen, ins Französische Viertel und zu den Andachtsstätten für Ho Chi Minh, den Blick immer nach vorn gerichtet.

So wie Frau Anh, die muntere Tänzerin, so wie Herr Vinh, der Guide mit dem schnellen Schritt, so tickt auch Hanoi: Die Sieben-Millionen-Metropole drückt aufs Tempo, sie boomt, sie verwandelt sich nahezu täglich. Vorgestern war es das Heer der Radfahrer, das sich klingelnd die Straßen eroberte, gestern knatterten Mopeds auch durch die engsten Gassen. Inzwischen verstopfen immer mehr Kleinwagen aus Japan und China die Straßen. Sie haben fast überall die Cyclos verdrängt, die klassischen Radfahrer-Taxen, und mit ihnen einen Teil der alten Zeit. Vergangenheit und grelle Gegenwart leben in Hanoi dicht nebeneinander, auch die Zukunft hat längst begonnen, gleich um die Ecke.

Alles geht, und alles geht gleichzeitig: in den Gassen am Hoan-Kiem-See ebenso wie in den zahlreichen Garküchen. Fotos: Bernd Schiller
Alles geht, und alles geht gleichzeitig: in den Gassen am Hoan-Kiem-See ebenso wie in den zahlreichen Garküchen. Fotos: Bernd Schiller
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Am Anfang aber war der Drache. So beginnen in Fernost viele Legenden, auch die Geschichte von Hanoi. Im Jahre 1010, so geht die Sage, sah ein König auf der Durchreise einen Drachen aus dem Roten Fluss steigen. Zusätzlich erschien ihm ein weißes Pferd an der Biegung des Stroms. Wunder genug, um an dieser Stelle eine Stadt zu gründen. Noch immer gilt der Rote Fluss als die Lebensader einer Hauptstadt, die ihren Charme aus ihren Gegensätzen bezieht.

Wir haben uns dann doch, nach der Fahrt vom Flughafen in die City, nicht gleich ins Gewühl gestürzt. Zusammen mit Old Erwin schauen wir zur Einstimmung vom Balkon des „Café Nhan“, im Herzen der Altstadt, auf die Bühne des prallen Lebens. Dort unten rollen, schieben, drängen sich Fahrräder, Mopeds und Autos über die Kreuzung. Sie transportieren auf ihren Gepäckträgern alles, was der Mensch in Hanoi braucht: mannshohe Vasen im China-Dekor, Kühlschränke, schwarze Schweine und Blumengebinde, die den Radler quasi unsichtbar machen, so groß und bunt sind sie. Vier Straßen münden in dieses Chaos, das aber doch zu funktionieren scheint, nach Regeln, die wir auch nach Tagen nicht durchschauen. Alles geht, und alles geht gleichzeitig: das Waschen von Motorrädern auf dem Fußweg, der eigentlich keiner ist, so üppig ist er mit Stühlen, Tischen, mit Mopeds und schweren Kawasakis vollgestellt. Das Zähneziehen und Haareschneiden am Straßenrand, Zentimeter nur vom brodelnden Verkehr getrennt, gehören zum Betrieb wie der Blick in die Zukunft, den der Wahrsager an der Ecke anbietet. Es wird gekocht, gehandelt, gestritten, unentwegt gehupt und dicht daneben gut geschlafen, auf einem angelehnten Motorrad zum Beispiel, die Füße auf dem Lenker abgelegt.

Das Herz von Hanoi schlägt in 36 Gassen, die den historischen Kern der Stadt bilden und einst den verschiedenen Gewerken gehörten. Vor mehr als 600 Jahren ließen sich hier Handwerker nieder, Schreiner in der einen Straße, Gerber in der anderen, da die Seidenhändler, dort die Papiermacher. Vieles hat sich verwischt, seit immer mehr Boutiquen und Bars in die Häuser der alten Zünfte eingezogen sind. Aber noch immer ritzen ein gutes Dutzend Steinmetze, einer neben dem anderen in der Hang Bac, die Namen der Toten in die Grabsteine. Wie früher ist die Gasse der Schneider vom Sirren der Nähmaschinen erfüllt, und in der Hang Tre beherrscht nach wie vor Kunstwerk aus Bambus das Angebot. Andere Gassen sind allerdings von Händlern ohne Tradition besetzt: In der Hang Khoai findet man vorwiegend Mopedsitze, in der Pho Phung Hung dagegen dominieren die Satellitenschüsseln.

Edle Relikte aus der französischen Kolonialzeit: die Oper und ein Citroen
Edle Relikte aus der französischen Kolonialzeit: die Oper und ein Citroen
Der Hoan-Kiem-See schließt das Gewirr der Altstadtgassen nach Süden ab. Er ist ein malerisches Gewässer, sagenumwoben wie so viele Orte in der tausendjährigen Stadt. Die rote Brücke der Aufgehenden Sonne führt auf eine kleine Insel, die dem Jadeberg-Tempel ein romantisches Ambiente bietet. La To, der Schutzgeist der Ärzte, „wohnt“ dort, sein spiritueller Nachbar ist Van Xuong, Patron aller Poeten. Brücke und Tempel gehören zu den beliebtesten Motiven für die vielen Brautpaare, die sich hier gern vor den traditionellen Symbolen fotografieren lassen.

Hanoi ist eine alte Stadt mit einer für europäische Verhältnisse ungewöhnlich jungen Bevölkerung. Drei Viertel der Hauptstädter sind noch keine 30 Jahre alt. Sie lieben Hiphop und drängen abends in die Karaoke-Bars und Diskotheken wie ihre Altersgenossen überall auf der Welt. Aber sie verbinden ihren modernen Lebensstil mit den Riten ihrer Vorfahren. Sie halten Ideale hoch, wie sie Konfuzius schon 1 500 Jahre vor der Gründung Hanois gelehrt hat. Seiner Meinung nach gilt der Mensch erst dann als edel, wenn er sich in Eintracht mit dem Weltganzen befindet: Einen Weg hierzu sah Konfuzius vor allem in der Bildung, die erworben und nachgewiesen werden muss.

Der Literaturtempel Van Mieu, wohl die wichtigste kulturelle Sehenswürdigkeit der Stadt, ist dem Meister geweiht. Seine Statue in der Halle des Großen Erfolgs wird von Bronzekranichen getragen, die auf Schildkröten stehen, Symbolen der Weisheit und der Harmonie zwischen Himmel und Erde. Oft wird hier fernöstliche Musik mit historischen Instrumenten gespielt. Der Tempel der Gelehrsamkeit ist ein guter Platz, um abseits des Lärms der Stadt den Gedanken des Konfuzius nachzusinnen.

„Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern, tu es jeden Tag.“ Dieses Zitat des Meisters passt zu Hanoi und besonders zum Jahr des Tigers, das gerade angebrochen ist. Eine dynamische Saison soll es werden, Zurückhaltung, so sagen die weisen Männer am Hoan-Kiem-See, die gegen ein paar Dong die Zukunft deuten, wird es wenig geben. Der Tiger steht für wildes Wachstum, das sich womöglich in Explosionen Luft machen wird. Das kann im Oktober gut möglich sein, wenn der Geburtstag der Stadt mit viel Feuerwerk gefeiert wird. Old Erwin und auch Frau Anh, die ins zweite Jahrtausend mittanzen will, hoffen nur, dass die hässlichen Neubauviertel und die vielspurigen Schnellstraßen, die sich derzeit in die Stadt fressen, Hanois Charme nicht zerstören. Die Hauptstadt setzt zwar auf die Zukunft, verspricht aber, ihre Seele dabei nicht zu verlieren. Deshalb muss von Ho Chi Minh noch die Rede sein. Als Vater der Nation wird er noch immer hoch verehrt, im protzigen Mausoleum, im ebenso wuchtigen Museum direkt daneben, besonders liebevoll aber in einem bescheidenen Holzhaus, in dem er gearbeitet und geschlafen hat, obwohl ihm ein Palast dafür zur Verfügung stand.

Drei, vier Tage pralles Leben, Menschenmassen, Verkehrsgewühl. Hanoi zwischen Gestern und Morgen, dazwischen die Oasen der Ruhe. Zum Beispiel im Innenhof des Grandhotels „Metropole“, neben der Oper wohl das schönste Relikt aus der französischen Kolonialzeit. Wir haben uns dort von Old Erwin mit einem „Graham Greene“ verabschiedet, wie ihn der Stammgast seinerzeit gern bestellt hat: Havanna Light, Lime Juice und Zuckersirup. Bernd Schiller


Informationen
Beste Reisezeit: Mitte September bis Mitte Dezember.

Veranstalter: Studien- und Fernreise-Veranstalter wie Studiosus, Gebeco oder Meiers Weltreisen haben Vietnam im Programm. Spezialist für das Land ist Vietnam-Heise in Hamburg, Telefon: 040 363679, www.vietnam-heise.de.

Literatur: Martin Petrich: Vietnam. DuMont Richtig Reisen, 24,95 Euro.

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