Supplement: Reisemagazin

Mexiko: Religion, Fleiß und Heino

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [23]

Uhlmann, Ulrich

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LNSLNS Ihre Dörfer heißen Friedensruh, Grünthal oder Hoffnungsfeld: Am Fuß der Sierra Madre leben seit den 1920er Jahren Mennoniten nach ihren eigenen Regeln.

Jenseits der Gegenwart: Die Mennoniten haben sich dem einfachen Leben verschrieben. Foto: laif
Jenseits der Gegenwart: Die Mennoniten haben sich dem einfachen Leben verschrieben. Foto: laif
Ziel der Fahrt durch die Bergwelt der Sierra Madre ist Ciudad Cuauhtémoc, das Siedlungsgebiet der deutschstämmigen Mennoniten. Der „Chepe“ – der Zug der Wunder zwischen Himmel und Erde, dessen Logo einen laufenden Tarahumara-Indianer darstellt – ist das Mittel zum Zweck, denn Straßen sind in den großteils unerschlossenen Gebirgsregionen rar. Tief unter uns – wir stehen am spektakulären „Chepe“-Aussichtspunkt El Divisadero – entdecken wir einige winzige Hütten. Tarahumara-Indianer leben dort. Frühmorgens machen sich die bunt gekleideten Frauen mit rotem Überrock auf den beschwerlichen Weg, um über Trampelpfade und zuletzt sogar über Leitern die Himmelshöhe zu erklimmen – auf dem Rücken in Bündeln Kind, Heilkräuter, Korbwaren und Gewebtes. Stundenlang sitzen die Indigenas dann in sich gekehrt an den Touristentreffs, um an die wenigen Reisenden für einige Pesos ihre Souvenirs zu verkaufen. Ihre Männer verdingen sich derweil als Waldarbeiter, Erntehelfer oder als Hilfskräfte im Baugewerbe, um das karge Leben ein wenig aufzubessern.

Etwa 50 000 Tarahumara-Indigenas leben hier auf traditionelle Art als Halbnomaden in ihren Stammesverbänden. Sie wohnen in kleinen Holzhütten, in Fels- oder Höhlenwohnungen – nur unter Mühen zu Fuß erreichbar; im Sommer in den kühleren Höhenlagen, im Winter in den warmen Tälern.

2 420 Meter schraubt sich die Bahn bis zum höchsten Streckenpunkt bei Los Ojitos empor. Auf der 650-Kilometer-Tour von Los Mochis bis Chihuahua, Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaates, beeindruckt die Vielfalt der Landschaft: zuerst tropisch-heiße Küstenebene, dann angenehm kühles Gebirgsklima und zuletzt, um Chihuahua, weite Kakteensteppen. Atemberaubend ist der Blick aus dem Zug. Da geht es über 39 schmale Brücken und durch 86 enge Tunnels, durch Kehrschleifen und vorbei an schwindelerregenden Klüften und bizarren Felsformationen, die fast die Wolken erreichen, mitten durch das Barranca del Cobre – mit insgesamt 1 500 Kilometern Länge bedeutendstes Schluchtensystem Nordamerikas und viermal größer als der Gran Canyon in den USA.

Barranca del Cobre: Fast 2 000 Meter reichen die zerklüfteten Felswände in die tropischen Täler des Canyons hinab.Fotos: Ulrich Uhlmann
Barranca del Cobre: Fast 2 000 Meter reichen die zerklüfteten Felswände in die tropischen Täler des Canyons hinab.
Fotos: Ulrich Uhlmann
Nach Stunden ist Cuauhtémoc erreicht. Im Umkreis der Stadt leben nach althergebrachter Weise etwa 35 000 Mennoniten, Angehörige einer reformierten Freikirche. Blauäugige, blonde Mädchen und Jungen begrüßen uns. Männer in blauen Latzhosen und Frauen mit hochgeschlossenen Kleidern und bestickter Haube oder bänderbekränztem Strohhut gehen auf schmucken Bauernhöfen der täglichen Arbeit nach. Ihre Vorfahren stammten aus Deutschland; ihre Mütter und Väter, die auf Namen wie Friesen, Wiebe, Peters oder Froese hören, kamen in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus Kanada, nachdem die kanadische Regierung ihnen nicht mehr ihre bisherigen Freiheiten zusicherte, unter anderem die Befreiung vom Militärdienst, die Selbstverwaltung ihrer Dörfer und das Recht auf eigene Schulen. Von der Ankunft der etwa 7 000 Auswanderer in dem einstigen Wildwestnest San Antonio de los Arenales, der heutigen 100 000-Einwohner-Stadt Cuauhtémoc, berichtet eine Chronik: „Die Stimmung war trübe. San Antonio hatte kein prächtiges Aussehen. Es bestand aus etlichen zerfallenen Ziegelhäusern, einem Bahnhof. Dazu noch einige kleine Handelshäuser und eine niedrige Erdhütte, in der das Postamt sein sollte . . . Die ersten Wagen wurden beladen und los ging es dahin, wo das Dorf angelegt werden sollte . . . .“ Hausrat, Vieh und Saatgut waren mit von der Partie. Hatten doch die Mennonitenfamilien einige Tausend Hektar karges, wüstenähnliches Land erworben, um es urbar zu machen.

Chepe – Zug der Wunder zwischen Himmel und Erde:El Divisadero heißt die Bahnstation an der Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik.
Chepe – Zug der Wunder zwischen Himmel und Erde:
El Divisadero heißt die Bahnstation an der Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik.
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In einer der heutigen Siedlungen – es gibt weit mehr als Hundert – lernen wir den 40-jährigen Jacob Dyck kennen. In der dem Plattdeutschen ähnlichen Mundart aus Ost- und Westpreußen, die sich seit dem 17. Jahrhundert kaum weiterentwickelt hat, berichtet er aus dem Leben der Mennoniten: Durch Fleiß und handwerkliches Geschick sind sie in Mexiko allseits bekannt und geachtet. Die Erträge bei Gemüse und Getreide, bei der Rinder- und Schafhaltung können sich landesweit sehen lassen. Mit 3 000 Hektar Apfelplantagen, auf denen als Saisonkräfte auch Hunderte Tarahumara-Indianer für wenig Lohn arbeiten, nehmen sie einen Spitzenplatz in der Region ein. Und auch der Käse aus den modernen Verarbeitungsanlagen – queso menonita – ist selbst in den USA und Kanada begehrt. Doch das gemeinschaftliche Ackerland wird knapp. Immerhin ist Kinderreichtum mit acht bis zwölf Kindern in der Familie ein sehr gottgefälliges Werk. Deshalb suchen immer mehr Jugendliche aus den Campus ihr Glück in der Fremde. Sie gehen zurück nach Kanada, der alten Heimat ihrer Großväter, oder ziehen weiter nach Bolivien oder Paraguay, wo sich vor Jahrzehnten auch viele ihrer Glaubensgenossen angesiedelt haben.

Den Mennoniten um Cuauhtémoc, deren Dörfer Namen wie Friedensruh, Grünthal, Hoffnungsfeld oder Rosenbach tragen, ist Gemeinsinn neben der Religionsfreiheit noch heute oberstes Gebot. So gibt es die Selbstverwaltung der Dörfer, eigene Schulen – mitunter nach Lehrgewohnheiten, die weit hinter der Gegenwart zurückbleiben –, Sorge für die Alten und Kranken. Sogar ein deutschsprachiger Radiosender mit täglich fünf Stunden Programm aus Heino-Volksliedern, Gemeindeneuigkeiten und Landwirtschaftstipps sowie eine deutschsprachige Zeitung in geringer Auflage – viele Mennoniten können kaum lesen oder schreiben – gehören zu den Errungenschaften der neuen Zeit. Allerdings gerät einer der religiösen Grundsätze allmählich ins Wanken: der Verzicht auf Alkohol. Da treffen sich abends auf sandiger Schotterpiste weitab des nächsten Dorfes junge Leute mit properen Pick-ups und lassen bei flotter Musik Bierflaschen kreisen. Ulrich Uhlmann


Informationen
Reiseliteratur: Reisehandbuch „Mexiko“, Iwanowskis Reise-buchverlag, 25,95 Euro; Reise Know-How „Mexiko“, Verlag Reise Know-How, 25,00 Euro; APA Guide „Mexiko“, Polyglott, 19,95 Euro; Polyglott on tour „Mexiko“, 7,95 Euro; Landkarte „Mexiko“, Verlag Reise Know-How, 8,90 Euro.

Auskünfte: Mexikanisches Fremdenverkehrsbüro, Taunusanlage 21, 60329 Frankfurt, Telefon: 069 253509, Fax: 069 253755, Internet: www.visitmexiko.com, E-Mail: germany@visitmexiko.com.

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