ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2010In den Wäldern der Appalachen: Jeder Blick ist wie großes Kino

Supplement: Reisemagazin

In den Wäldern der Appalachen: Jeder Blick ist wie großes Kino

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [25]

Sobik, Helge

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die erste „Scenic Road“ der USA: In schmalen Schlangenlinien windet sich der Mohawk Trail bis heute durch die sattgrünen Berge von Massachussets.

Foto: Mauritius Images
Foto: Mauritius Images
Hinter der Kurve steht er breitbeinig vor einem übergroßen Wigwam an der zwei­spurigen Straße: in voller Montur, mit cremefarbener Fransen­jacke, mit hellbrauner Hose, mit großen Mokassins. Und vor allem mit gewaltigem Federschmuck, der von der Stirn bis hinunter zur Ferse reicht. Er spricht kein Wort, hält in der rechten Hand einen Speer, und nur die Truckfahrer rauschen ungerührt und ungebremst an dem Indianerhäuptling bei Shellburne Falls am Mohawk Trail in den Appalachenwäldern vorbei. Bei allen kleineren Fahrzeugen flackern kurz und ein wenig irritiert die Bremslichter, ehe die Autos auf Wochenendausflug dann doch rechts auf den Parkplatz unmittelbar hinter dem Häuptling einbiegen, um sich den Mann mit der dunkelroten Gesichtshaut aus der Nähe anzuschauen.

Zwischen den Unterschenkeln des Oberindianers spielen an diesem Vormittag Kinder, und irgendein Papa fotografiert seine Kleinen für das Familienalbum. Die beiden Jungs tragen selbst Federschmuck und schauen respektvoll zu dem knapp fünf Meter großen Pappmaché-Mörtel-und-Lack-Riesen am Straßenrand auf: erster Boxenstopp im Indianerland des US-Ostküstenstaates Massachusetts.

Vom Western bis zum Road Movie: Auf dem Mowhawk Trail läuft für jeden ein persönlicher Film.
Vom Western bis zum Road Movie: Auf dem Mowhawk Trail läuft für jeden ein persönlicher Film.
Im angrenzenden Souvenirshop gibt es Bildbände über die Mohawks, dazu Reiseführer über die Appalachen, Wanderkarten für die Berkshires, Bücher zur Pilzbestimmung, handgeschnitzte Friedenspfeifen und Plastik-Tomahawks: alles, was man irgendwie gebrauchen kann, wenn man mitten im Indianerland unterwegs ist. Als 63 Meilen langes Band, das sind gut einhundert Kilometer, windet sich der nur zwei schmale Fahrspuren breite Trail durch das einstige Stammesgebiet der Mohawk-Indianer zwischen den Ortschaften Greenfield und Williamstown gut drei Fahrtstunden von den Küstenstädten Boston und New York entfernt. Seit 1914 ist der Trail asphaltiert und als die erste „Scenic Road“ der USA ausgewiesen: eine Straße zum typisch amerikanischen „Autowandern“, zum Erfahren im ständigen Wechsel mit Stopps auf Rastplätzen und überschaubaren Wanderungen in den Wäldern rechts und links der Strecke.

Jeder Blick durch die Windschutzscheibe auf die Landschaft ist wie großes Kino – als ob draußen ein Film nach dem anderen abgespielt wird, vom Road Movie bis zum Western, vom Sielmann-Tierfilm bis zum Abenteuerthriller, von „Nell“ bis „Der letzte Mohikaner“. Als ob der Wagen durch ein einziges riesiges Autokino tourt und dabei von einer 360-Grad-Leinwand umgeben ist, die sich mitbewegt: mit Geruch, mit Aussteigen und Anfassen. Und mit viel Glück sogar mit leibhaftigem Schwarzbär, der am Deerfield River mit der Pranke nach Forellen hangelt und sich eilig Richtung Dickicht trollt, sobald er sich zu sehr beobachtet fühlt.

Zurück geht der Trail auf einen Jahrhunderte alten Pfad der Mohawk-Indianer, über den auch die ersten, vor allem englischstämmigen Siedler in der Region weiter nach Westen vordrangen. So touristisch die Strecke als Naherholungsziel der Bosto-nians und New Yorker inzwischen ist, so sehr ist sie noch immer ein Handelsweg zu den Kleinstädten entlang des Weges und damit auch Truckroute. Trotzdem konnten Anwohner jeden Ausbau der Piste verhindern und den Charme der Strecke wahren. In schmalen Schlangenlinien windet sich der Weg deshalb bis heute wie einst durch die sattgrünen Berge, vorbei an kleinen Wasserfällen, an reißenden Flüssen mit Kanuverleih-Stationen, entlang stiller Ströme und durch typisch amerikanische Kleinstädte, die ihre besten Zeiten mindestens ein halbes, manche ein dreiviertel Jahrhundert hinter sich gelassen haben und wirken, als hätte jemand die Uhr kurz nach Erfindung des Farbfilms angehalten.

Fotos: Helge Sobik
Fotos: Helge Sobik
Anzeige
In mancher Kurve kauert heute ein kleines Block­hütten­hotel unter Ahornbäumen, in der übernächsten duckt sich ein Rastplatz mit aus grobem Holz gezimmerten Picknicktischen in den Wald. Und immer wieder hocken irgendwo auf umgestürzten Baumstämmen unten am Flussstrand junge Leute neben ihrem mitgebrachten Holzkohlegrill und einem Kasten Bier. Einer spielt Gitarre, die anderen singen – irgendwas zwischen „Lonesome Cowboy“ und „This land is your land, this land is my land“.

Friedlich ist es im Indianerland von einst, wo sich vor Jahrhunderten Untergruppen der Mohawk und der Pocumtuck gegenseitig die Jagdgründe streitig machten, ehe sie das Kriegsbeil untereinander begraben mussten, um wenigstens gemeinsam halbwegs gegen die neuen Siedler aus Übersee bestehen zu können. Ihre Häuptlinge ahnten nicht, dass sie eines Tages in Bronze gegossen als Denkmal an ihr Volk erinnern sollten oder als überdimensionierte Pappmaché-Kameraden einen Fotopunkt für die Ausflügler abgeben würden. Bunte Riesenindianer am Straßenrand jedenfalls sind beste Werbung für Souvenirshops und Restaurants entlang der Piste. Denn jede Geschäftsidee, die irgendwie mit Indianern zu tun hat, funktioniert gut in dieser Gegend: Kein Wunder zum Beispiel, dass gerade vom großen ausgesägten Bretter-Indianerkopf des „Chief Motels“ („Häuptling Motel“) während der Saison von Mai bis weit in den Oktober hinein meistens der „No-Vacancy“-Hinweis in Neonbuchstaben leuchtet: kein Zimmer verfügbar.

Am Rand der Straße gleich gegenüber kauern an diesem Morgen zwei Streifenhörnchen und spielen Verstecken wie kleine Kinder, indem sie wie versteinert auf der Stelle hocken bleiben und sich die Pfoten vor das Gesicht schlagen – frei nach dem Motto „Ich seh’ dich nicht, dann siehst du mich auch nicht . . .“ Es ist, als ob der Blick die Szenerie eines Disney-Zeichentrickfilms abtastet: eine friedliche Freizeitwelt mit Tieren, die menschliche Züge tragen.

Auf FM 102,5 schmettert derweil jemand Songs aus dem Autoradio, dessen Stimme wie eine Mischung aus Bruce Springsteen und Bryan Adams klingt. Er singt irgendetwas von Blaubeerpfannkuchen und Ahornsirup, von Planwagen, Siedlern und Indianern. „West on the trail through the mountains, west of the ocean to wonderland“ („westlich auf dem Pfad durch die Berge, westlich des Ozeans Richtung Wunderland“). Das klingt hübsch. Er greift dabei kräftig in die Saiten seiner Gitarre – und aus dem Hintergrund grummeln Trommeln, als ob Mohawk-Häuptling Chingachgook aus den Wäldern antwortet. Helge Sobik


Informationen
Unterkunft: Mehrere Veranstalter haben Hotels oder Appartements in den Appalachen von Massachusetts im Programm: zum Beispiel eine Woche im Hotel „The Orchards“ in Williamstown ab 620 Euro, im „Red Lion Inn“ in Stockbridge ab 380 Euro – jeweils pro Person im Doppelzimmer bei DER-Tour (www.dertour.de).

Auskünfte: Massachusetts Office of Travel & Tourism c/o Buss Consulting, Postfach 12 13, 82302 Starnberg, Telefon: 08151 739787, Internet: www.massvacation.com.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema