ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Krankenhäuser: Die Personalnot rückt in den Fokus

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Krankenhäuser: Die Personalnot rückt in den Fokus

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): A-579 / B-507 / C-499

Flintrop, Jens

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LNSLNS Beim DRG-Forum diskutieren die Krankenhausmanager längst nicht mehr über Schwierigkeiten mit dem neuen Entgeltsystem.

Vier von fünf Krankenhäusern klagen über Vakanzen im ärztlichen Dienst. Ein Grund dafür ist, dass die ärztliche Arbeit im Vergleich zu früher auf mehr Köpfe verteilt werden muss – einerseits wegen des verschärften Arbeitszeitgesetzes, aber auch, weil der überwiegende Teil der jüngeren Ärztegeneration nicht mehr bereit ist, 80- oder 100-Stunden-Wochen zu akzeptieren. Die Ärztinnen und Ärzte wollen nicht auf ein Leben außerhalb der Klinik verzichten – und darin spielen Kinder oft eine wichtige Rolle. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler ist Teil dieser Ärztegeneration. Da passt es ins Bild, dass er seine Rede zum Auftakt des 9. DRG-Forums am 25. März in Berlin kurzfristig abgesagt hatte, um am Krankenbett seiner Tochter zu weilen. „Philipp Rösler lebt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, kommentierte seine Vertreterin, die parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.

Das neue Entgeltsystem auf Basis diagnoseorientierter Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups = DRG) bereitet den Krankenhäusern acht Jahre nach seiner Einführung kaum noch Probleme. Es ist inzwischen so ausgereift, dass andere Länder es erwerben wollen. „Ein Exportschlager auf dem Weg zur Perfektion“, lautete der Titel des Vortrags von Dr. Frank Heimig, Geschäftsführer des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus. Seinem Bericht zufolge haben sich neben der Schweiz auch Irland, Zypern und China für die Einführung eines DRG-Systems auf Grundlage des deutschen Modells entschieden.

Zentrales Thema des diesjährigen DRG-Forums war denn auch weniger das Entgeltsystem, als vielmehr das „Megathema Personalsicherung“, wie es die Veranstalter im Programm genannt hatten. „Inzwischen rangiert die Sorge um die Verfügbarkeit und Sicherung qualifizierten Personals bei vielen Kliniken noch vor der Sorge um ausreichend Finanzierungsmittel“, sagte Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Um dem Ärztemangel zu begegnen, fordert die DKG, die Studienkapazitäten im Fach Humanmedizin zu erhöhen sowie die Auswahlverfahren zu reformieren. Daneben sei die bundesweite Anerkennung neuer, zum Teil längst etablierter Berufsbilder im Krankenhaus, wie das des operationstechnischen Assistenten, überfällig, betonte DKG-Präsident Dr. Rudolf Kösters: „Aber natürlich stehen auch die Krankenhäuser in der Pflicht, die Ärzte von bürokratischen Tätigkeiten zu entlasten und ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen.“

Nicht in Ordnung findet es der DKG-Präsident, dass der Marburger Bund (MB) den Nachfrageüberhang auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt dazu nutzen will, um höhere Gehälter für die Ärzte auszuhandeln: „Die überzogenen Forderungen des MB in den Tarifverhandlungen mit den kommunalen Klinikarbeitgebern passen einfach nicht in die Landschaft“, argumentierte Kösters. Lohnsteigerungen für die Ärzte in der jetzigen Situation müssten zwangsläufig zulasten anderer Berufsgruppen im Krankenhaus gehen. Kösters: „Ich erinnere daran, dass die Krankenhäuser in den vergangenen Jahren bereits mehr als 55 000 Pflegestellen abgebaut haben – auch um die per Streik erpressten Lohnzuwächse für die Ärzte zu finanzieren.“

Hoffnung setzen die Krankenhäuser in diesem Zusammenhang in die gesetzlich fixierte Ablösung der Grundlohnrate durch einen Kostenorientierungswert. Bislang dürfen die Krankenhausbudgets beziehungsweise die Landesbasisfallwerte nicht schneller steigen als die Grundlohnsumme – unabhängig von etwaigen Tarifsteigerungen. Von 2011 an soll sich die Entwicklung der Betriebskosten nach einem Orientierungswert richten, der Sach- und Personalkostensteigerungen der Krankenhäuser berücksichtigt. Diesen Wert wird das Statistische Bundesamt erstmals zum 30. Juni 2010 veröffentlichen. „Entscheidend ist, dass dieser Orientierungswert dann auch gilt und nicht zur politischen Manipulationsmasse wird“, sagte Kösters. Ferdinand Rau, Leiter des BMG-Referats „Wirtschaftliche Fragen der Krankenhäuser“, wollte diesbezüglich allerdings nicht zu viel versprechen: „Was die Umsetzung des Orientierungswerts angeht, werden wir es sicher niemanden recht machen können: weder der Krankenhaus- noch der Kassenseite.“ Johann-Magnus von Stackelberg vom GKV-Spitzenverband hatte zuvor angeregt, die Veränderungsrate der Landesbasisfallwerte einzig an die Entwicklung des Casemix-Index im DRG-System zu koppeln: „Alles andere ist für die Krankenkassen nicht finanzierbar.“
Jens Flintrop
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