ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Bologna-Prozess: Mit Vorsicht zu genießen

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Bologna-Prozess: Mit Vorsicht zu genießen

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Auch die Politik scheint von dem Wunsch abzurücken, das Medizinstudium in einen Bachelor- und einen Masterabschluss aufzuspalten.

Ein Ragù alla bolognese kann ein Genuss sein. Doch es zu kochen, braucht Zeit – ebenso wie eine gute Hochschulreform. Viele Studierende fühlen sich jedoch vom Bologna-Prozess überrollt. „Wir sind das Hackfleisch in der Bolognese“, schrieben sie im vergangenen Herbst auf Plakate. Medizinstudierende waren nicht unter diesen Bannerträgern. „Bisher war die Medizin bei Bologna außen vor. Aber wir sind nicht auf der Insel der Seligen“, warnte Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter vom Medizinischen Fakultätentag anlässlich der Eröffnung des Symposiums der Deutschen Hochschulmedizin am 15. März.

„Studium bolognese“: Nicht „verwickelt“ werden in den Bologna-Prozess sollte nach Ansicht vieler ärztlicher Organisationen das Medizinstudium. Foto: iStockfoto
„Studium bolognese“: Nicht „verwickelt“ werden in den Bologna-Prozess sollte nach Ansicht vieler ärztlicher Organisationen das Medizinstudium. Foto: iStockfoto
Dass das Thema „Medizin und Bologna“ (noch) nicht vom Tisch ist, verdeutlichte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Keineswegs wolle sie den Bologna-Prozess schönreden und ihn der Medizin „überstülpen“, beteuerte Prof. Dr. Margret Wintermantel zwar an diesem Tag in Berlin. Gleichzeitig ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie die Medizin eigentlich gern in das Bachelor-Master-System integriert sehe. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, sagte sie mit Blick auf die Ausbildung an den medizinischen Fakultäten. Es sei wichtig, dass die Studierenden ihr Studium zufriedener abschließen könnten. „Wir sollten die Modularisierung nutzen, um das Studium besser zu gestalten“, erklärte Wintermantel. Als positive Vorbilder für ein gestuftes Medizinstudium führte sie die Schweiz, die Niederlande, Belgien, Dänemark und Portugal an.

Qualitätssicherung geht vor
Dr. Ludwig Spaenle, Präsident der Kultusministerkonferenz, betonte dagegen, dass in der Politik nicht die Meinung zum Bologna-Prozess existiere. Es gebe Fächer, bei denen der Staat ein besonderes Regelungsinteresse habe und das Staatsexamen als eine hoheitliche Prüfung unverzichtbar sei. Auch Annette Widmann-Mauz, parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, versprach, dass es keinesfalls eine „Bachelorisierung“ des Zugangs zum Arztberuf geben werde. Dagegen stünden europäische Vereinbarungen sowie „alle vernünftigen Erwägungen“.

Eindeutig gegen eine Bachelor-Master-Struktur in der Medizin sprachen sich die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der Medizinische Fakultätentag (MFT) sowie der Deutsche Hochschulverband (DHV) aus. Aus Sicht des MFT sind bereits wesentliche Forderungen des Bologna- Prozesses erfüllt, beispielsweise die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse in der Medizin werde längst durch eine EU-Richtlinie geregelt. „Das heißt nicht, dass wir beratungsresistent sind“, betonte der Präsident des MFT, Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann. „Der einheitliche Studiengang Medizin ist optimierbar. In der ärztlichen Approbationsordnung vom Jahr 2003 stecken viele positive Ansätze für Veränderungen, die noch nicht endgültig beurteilt werden können.“ Dazu gehöre etwa die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis, die besonders in den Modellstudiengängen ausgeprägt sei.

Viele Ziele sind bereits erfüllt
Auch für Prof. Dr. med. Jan Schulze, BÄK, mangelt es an Gründen für einen Systemwechsel in der Medizin. „Angesichts der hohen Kosten müssten deutliche Verbesserungen zu erwarten sein“, sagte er. Dies sei jedoch nicht der Fall. Bereits jetzt sei die Abbrecherquote in der Medizin äußerst gering.

In der Tat ist diese Quote bei Medizinstudierenden im Vergleich zu Studierenden anderer Fächer bereits auf dem niedrigsten Niveau. Dies zeigen die regelmäßigen Untersuchungen der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Vor allem das klare Berufsfeld der Mediziner führe zu diesen niedrigen Raten, erklärte Kolja Briedis vom HIS, Hannover. Aber auch die mit dem Bolo-gna-Prozess forcierte Auslandsmobilität von Medizinstudierenden und -absolventen ist Briedis zufolge bereits höher als die von Studierenden und Absolventen anderer Fächer. Gleichzeitig klagten Medizinstudierende jedoch über höhere Kompetenzdefizite am Ende des Studiums und schlechtere Kontakte zu ihren Lehrenden.

Für Prof. Dr. Bernhard Kempen, Präsident des DHV, heißt das jedoch noch nicht, dass in der Medizin eine Systemänderung eingeleitet werden muss. „Wir sollten innehalten, bevor auch noch der letzte Studiengang umgestellt ist“, sagte er. Denn die Erfolge des Bologna-Prozesses seien fragwürdig und mit Vorsicht zu genießen.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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