ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Verzahnung ambulant-stationär: Die Drei auf der Chefarztstelle

POLITIK

Verzahnung ambulant-stationär: Die Drei auf der Chefarztstelle

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): A-589 / B-515 / C-507

Rieser, Sabine

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LNSLNS Drei niedergelassene Orthopäden teilen sich eine Chefarztstelle und operieren abwechselnd. Ihre eigenwillige Kooperation wird skeptisch beäugt.

Wenn es ein Ziel für das Gesundheitswesen gibt, auf das sich alle einigen können, dann das: Die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gehören überwunden. Wenn etwas umgehend Bedenken und Abwehr hervorruft, dann das: Irgendwo überwinden Ärzte auf ungewohnte Art die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

„Wir machen es, sonst ist die schöne Chance weg“: Jens Raabe, Thomas Hunfeld und Torsten Witstruck (von links) arbeiten in der eigenen Praxis und in der Klinik. Foto: privat
„Wir machen es, sonst ist die schöne Chance weg“: Jens Raabe, Thomas Hunfeld und Torsten Witstruck (von links) arbeiten in der eigenen Praxis und in der Klinik. Foto: privat
So wie Dr. med. Thomas Hunfeld (45), Dr. med. Jens Raabe (49) und Dr. med. Torsten Witstruck (39). Die drei Orthopäden sind niedergelassen und teilen sich zugleich seit Juli 2009 eine Chefarztstelle. Als „Ärzteteam an der Spitze der Klinik für Orthopädie und Endoprothetik“ des Hanse-Klinikums Stralsund stellte sie die Damp-Holding damals vor. Mit drei Niedergelassenen auf einer Chefarztstelle wolle man „ein innovatives Führungsmodell“ umsetzen, hieß es. Das treffe zwar mancherorts auf Erstaunen, sei aber „durchaus nicht außergewöhnlich“.

Das sehen die drei Orthopäden anders. Mit ihrem Entschluss, sich eine Chefarztstelle zu teilen, haben sie zumindest in Deutschland Neuland betreten. Entsprechend kritisch, so empfinden sie es, werden sie beäugt. Was aber hat sie an der Stelle gereizt?

Über Langeweile konnte schon vor dem Sommer 2009 keiner der drei klagen. Raabe und Witstruck führen in Stralsund eine Gemeinschaftspraxis und operieren dort mit ihrem Team. Hunfeld praktiziert als Teil einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis am Sana-Krankenhaus auf Rügen. Warum also noch die Chefarztstelle?

Im Ausland geht es doch auch
Verkürzt lautet die Antwort: weil alle drei sich beruflich weiterentwickeln wollten – und die Versorgungsstrukturen. Hunfeld macht nebenher Musik; kann sein, dass ihm manchmal eine Melodie nicht aus dem Kopf geht. Was ihm seit Jahren durch den Kopf geht, ist die Tatsache, dass Kollegen im Ausland Patienten bequem aus einer Hand versorgen können. Außerdem findet er: „Ärzte in Gegenden wie Rügen müssen angesichts der Nachwuchsprobleme flexibler in Praxis und Klinik arbeiten.“ Und: „Wir Ärzte sollten uns nicht immer von Geschäftsleuten im Gesundheitswesen die Strukturentscheidungen abnehmen lassen.“

„Unser Visionär“, spöttelt sein zurückhaltenderer Kollege Raabe, der auch gut einen erfolgreichen Landwirt abgeben könnte. Der lockere Ton sollte keinen täuschen: Vor der Bewerbung haben die drei hartnäckig an ihrem gemeinsamen Konzept gearbeitet.

Der jüngste Kollege, Witstruck, erinnert sich noch, dass seine Frau angesichts der Chefarztpläne entgeistert sagte: „Das machst du nicht.“ Doch Witstruck reizte ebenso wie Hunfeld und Raabe an der neuen Kliniktätigkeit, „dass ich als erfahrener Operateur mein Spektrum erweitern kann“. So verbreitet ambulante Operationen heute sind – manche Patienten versorgt man lieber in der Klinik. Außerdem, erzählt Witstruck, hätte er zusammen mit Raabe zuweilen überlegt: Was, wenn Krankenkassen eines Tages einen Exklusivvertrag mit dem Hanse-Klinikum abschließen, die Patienten dorthin schicken und ihre eigenen Praxisinvestitionen umsonst gewesen sind? Am Ende fanden alle, wie es Raabe formuliert: „Wir sollten es machen, sonst ist die Chance weg.“

Nun machen sie es. Die drei haben eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet, an die Damp die Chefarzteinkünfte zahlt. Diese teilen sie nach ihrem Arbeitsumfang auf. Hunfeld hat seine Praxiszulassung auf die Hälfte reduziert. An drei Tagen in der Woche operiert er im Hanse-Klinikum, an je einem Tag Raabe und Witstruck. „Ich ziehe aber jetzt nicht aggressiv Patienten von Sana weg“, betont Hunfeld. „Hier auf dem Land würde es mir auf die Füße fallen, wenn ich die unter Druck setzte.“

Und was hat das Hanse-Klinikum von dem Chefarzt-Trio? „Dass ich für ein Chefarztgehalt sechs Hände bekomme und die orthopädische Expertise im Haus erweitert wird“, sagt Geschäftsführer Joachim Gemmel. „Auch angesichts des demografischen Wandels und des sich abzeichnenden Ärztemangels in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern ist es notwendig, neue Wege zu beschreiten. Unser Ziel ist, ein überregionales Kompetenzzentrum Orthopädie aufzubauen.“

Die Fallzahlen, so Gemmel, sind im Vergleich zu früheren Jahren deutlich gestiegen, seit Hunfeld, Raabe und Witstruck in der Klinik operieren. In welchem Ausmaß – das bleibt Betriebsgeheimnis. Hunfeld sagt nur so viel: Den Umfang, den sie für das Jahr 2010 vereinbart hatten, haben sie schon 2009 erreicht.

Aber den großen Reibach kann man bei diesem Modell nicht machen. „Wir hatten uns das etwas anders vorgestellt, aber unter dem Strich verdienen wir so viel wie vorher auch“, sagt Hunfeld. „Die schnelle Mark ist nicht drin.“

Und wie gut funktioniert es tatsächlich, wenn sich drei Kollegen in ihrer Funktion als Chefarzt die Klinke in die Hand geben? Aus seiner Sicht: Gut, weil er ja an drei Tagen vor Ort sei und die beiden Kollegen ihre operierten Patienten abends oder am Wochenende besuchten, sagt Hunfeld. „Manchmal ist es schon kompliziert“, gibt Witstruck zu. „Die Erwartung ist eben häufig, dass es einen Chefarzt gibt, auf den man hört. Wir besprechen uns aber regelmäßig als Team, und wenn Größeres ansteht, sind wir alle drei da.“

Der Druck durch diese neue Konstellation, das vermitteln alle drei, ist ziemlich groß. Denn ein Fehler wäre nun nicht mehr nur ein Fehler, sondern wohl für viele Kollegen der Beweis dafür, dass eine dreigeteilte Chefarztstelle mit niedergelassenen Kollegen einfach nicht funktioniere kann. Doch warum so wenig Ermunterung und Unterstützung?

„Wir werten den Chefarzt ab“, weiß Hunfeld. „Denn jetzt kann ja quasi jeder Niedergelassene kommen und eine Abteilung übernehmen.“ Raabe lässt durchblicken, dass ihn manche Kritik schon ärgert: „Da wird überhaupt nicht nach der Fachlichkeit gefragt.“

Witstruck glaubt, dass manche Ablehnung auch mit einem Klischee zu tun hat: „Wenn man sich als Orthopäde niederlässt, wird man in der Klinik abgeschrieben als einer, der jetzt Einlagen verschreibt. Viele glauben nicht, dass man sich als Operateur auch in der Niederlassung noch weiterentwickeln kann.“

Wie es nun weitergeht? Abwarten und die Kollegen vielleicht davon überzeugen, dass es Grenzgänger im Gesundheitswesen geben muss. Ein Problem vieler Chefs hätten sie immerhin nicht, sagt Witstruck: „Dass wir einsam auf unserem Posten sind und keinen zum Reden haben.“
Sabine Rieser


Auf dem Prüfstand
Ob es berufsrechtliche Einwände gegen die Stralsunder Kooperation gibt, wollen weder die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern noch die dortige Kassenärztliche Vereinigung derzeit sagen. Beide Organisationen prüfen die Verträge für das Modell seit geraumer Zeit.

Prof. Dr. med. Karl-Dieter Heller, Mitglied im Vorstand des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie im Verband leitender Orthopäden und Unfallchirurgen Deutschlands, kennt das Modell in Stralsund nicht näher. Er weiß aber, dass viele Kooperationen vor allem Einweiser binden sollen. Welche Fallstricke Heller sieht, warum man als Niedergelassener in der Klinik nicht reich wird und was man mit Blick auf die Weiterbildung bedenken sollte, im Internet unter: www.aerzteblatt.de/1310. Rie
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