ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Codierrichtlinien: Gezerre zwischen den Kassen
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Die Verwalter des Gesundheitswesens, seiner Gelder und sonstigen Ressourcen streben unausgesetzt nach Systematisierung und Auswertungsmöglichkeiten der Daten des Betreuungsprozesses. Ursprünglich für Belange von Public Health entstand die „Internationale Klassifizierung der Krankheiten und Todesursachen“ der WHO, die uns jetzt als 10. Fassung, natürlich ein wenig germanisiert (ICD-10 GM), vorliegt. Jetzt wird sie von den Verwaltern ausschließlich gegen uns verwendet:

1. als Arbeitsvermehrer: Nach veröffentlichten Berechnungen werden jährlich etwa sechs Milliarden „Diagnosen“ im ambulanten Bereich verschlüsselt. Zehn Sekunden pro „Diagnose“ wären eine Milliarde Minuten, 16 Millionen Stunden, 100 000 Arbeitsmonate, wohlgemerkt ärztliche. Oder jährlich zehn Minuten Gesprächszeit mit jedem Versicherten mehr oder eben weniger. Kosten pro Arztstunde laut EBM-Kalkulation etwa 60 Euro, ergibt eine Milliarde Euro. Alles unter der Voraussetzung, dass zehn Sekunden ausreichen! Sie reichen sicher nicht. Dafür sorgen schon die Richtlinien. Das 180-seitige Werk Codierrichtlinien verschlimmert den Aufwand bis zu (in der Einführung verbal ausgeschlossenen) Eingriffen in die ärztliche Diagnostik.

2. als Kontrollinstrument: Die Diagnoseverschlüsselung dient als Grundlage für die Plausibilitätsprüfung von Verordnungen und erbrachter Leistungen. Versus: Bestimmte Dia-gnoseschlüssel sind Voraussetzung für die Leistungsgewährung.

3. nun auch als Honorarregulans: Während Befürworter behaupten, es stünde mehr Geld in Aussicht, wage ich zu entgegnen, mit nicht geringerer Wahrscheinlichkeit vielleicht weniger. Mit den jetzt strengeren Regeln zur Verschlüsselung könnte die angegebene Morbidität auch geringer sein, einfach mangels geforderter Beweise für die Diagnose in Form von Scores, bildgebender Diagnostik oder fachärztlichem Abnicken. Die höheren Kosten gehen selbstredend zulasten des Honorars und des Arbeitspensums, siehe oben. Außerdem beteuern die Politiker glaubhaft, dass es nicht mehr Geld geben könne. Wieder werden die Ärzte mit Lichtschimmern am Horizont in ein weiteres Hamsterrad getrieben. Es geht nur um ein Gezerre zwischen den Kassen, ohne Rücksicht auf Ärzte oder gar Kranke.

Nutzen einer Systematisierung und Codierung könnte die Forschung haben, dazu braucht es nicht 5 000 000 000 (in Worten fünf Milliarden) Daten.

Für den RSA brauchte es nur die vertiefte Verschlüsselung in den festgelegten Diagnosen, nicht aber der Gesamtheit . . .

Ausweichmöglichkeit wäre eine automatische Verschlüsselung aus der strukturierten Dokumentation in der elektronischen Patientenakte. Dieses System wurde der KBV, dem ZI und den Kassen seit fünf Jahren vorgeschlagen – bisher vergebens.
Dr. med. Diethard Sturm, 09125 Chemnitz
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