ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2010Arztgeschichte: Missachtet mir die Alten nicht!

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Missachtet mir die Alten nicht!

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): [96]

Phleps, Roland

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Als ich hörte, dass das Thermometer nur 37 Grad zeigte, sagte ich, dass es wohl nicht so eilig sei.“

Es war im Sommer 1959, also vor einem halben Jahrhundert. Ich hatte meinen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie an den Freiburger Kliniken „gemacht“ und benötigte für eine Kassenzulassung in der angestrebten eigenen Praxis den Nachweis von drei Monaten Vertretungstätigkeit in einer Kassenarztpraxis.

Ich fand in Gottenheim am Kaiserstuhl, wo in der Sommerhitze ein Jahrhundertwein reifte, einen Kollegen, einen „praktischen Arzt“, den ich einen Monat lang vertreten sollte, damit er nach Jahren einmal richtig Urlaub machen konnte. Die ungewohnte Arbeit machte mir Freude, und ich fand mich von den Patienten und meiner Sprechstundenhilfe angenommen.

An einem Vormittag kam ein Anruf aus dem Nachbardorf Bötzingen: Eine Großmutter bat um den dringenden Besuch bei ihrem vierjährigen Enkel, der starken Husten habe, fiebere, und dem es schlecht gehe. Die Eltern seien verreist, sie mache sich große Sorgen. Ich bat sie, das Fieber zu messen und in fünf Minuten nochmals anzurufen. Als ich hörte, dass das Thermometer nur 37 Grad zeigte, sagte ich, dass es wohl nicht so eilig sei. Ich hätte das Wartezimmer noch fast voll, und ich würde gleich nach dem Mittagessen kommen.

Nach einer knappen Stunde meldete mir die Sprechstundenhilfe, die Großmutter sei zu Fuß vier Kilometer durch die Hitze marschiert, um mich zu holen. Sie sei voller Angst. Da stimmte doch etwas nicht! Ich setzte mich mit der alten Winzerin in den VW, und sie sagte, dass sie den Enkel lieber allein gelassen habe, als länger zu warten, und am Telefon hätte ich ihr ja nicht geglaubt.

Wir fanden das Kind im abgedunkelten Zimmer, mit hochrotem Gesicht, fiebernd, hustend – die Bronchopneumonie war von der Tür aus zu diagnostizieren, und während ich mich mit dem Notfallkoffer vertraut machte, bat ich, nochmal das Fieber zu messen. Mit zitternder Stimme sagte die Großmutter: „37 Grad.“ „Bitte zeigen Sie mir das Thermometer!“ Es stimmte – aber ich bemerkte am Griffende des gläsernen Thermometers die Spur von Fäkalien und erkannte schlagartig, dass die alte Frau mit dem falschen Ende rektal gemessen hatte.

Damals war Penicillin noch eine zuverlässige Wunderwaffe, und Wadenwickel halfen mit, das Fieber von über 40 Grad (richtig gemessen) zu senken. Bei meinem Besuch am Abend war das Kind überm Berg. Die Großmutter entschuldigte sich für ihre „Dummheit“, und ich sagte ihr zum Trost, dass es eine noch größere Dummheit gewesen sei, nicht mit der Lebenserfahrung einer alten Frau zu rechnen. Ich habe es mir gemerkt. So hat das Jahr 1959 nicht nur einen großen Jahrgang produziert, sondern auch manches Stückchen eigener Erfahrung. Roland Phleps
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