ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1997Krankenhausökonomie: Wegweiser für ein Leistungszentrum

THEMEN DER ZEIT: Das besondere Buch

Krankenhausökonomie: Wegweiser für ein Leistungszentrum

Hoppe, Jörg-Dietrich

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LNSLNS Die rund 2 300 Krankenhäuser in Deutschland stehen wegen tatsächlicher und gesetzgeberischer Veränderungen am Ende dieses Jahrhunderts vor einer Reihe fundamentaler Herausforderungen. Diese betreffen sowohl die Aufgabenbestimmung als auch ihr Selbstverständnis. Auch das Verhältnis des stationären und ambulanten Bereichs befindet sich in einer kritischen Phase der Neubestimmung. Der Staat definiert nach Inkrafttreten der dritten Stufe zur Strukturreform im Gesundheitswesen seine Rolle neu und formuliert erweiterte Anforderungen an die Selbstverantwortung der Krankenhäuser bzw. die Institutionen der Selbstverwaltung. Der Erwartungsdruck, Wirtschaftlichkeitsreserven auszuschöpfen, wächst bei gleichzeitig anhaltendem Innovationsdruck der Medizin. Die Berufschancen und -perspektiven des Arztes sind einem spürbarem Wandel unterworfen, und das innere Gefüge der Krankenhäuser ist einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt.
In einer solchen Periode besteht ein großer Bedarf an neuen Perspektiven für die Krankenhäuser, an berufspolitischen Optionen und gesundheitspolitischer Reflexion. Besonders begrüßenswert sind solche Initiativen, die aus dem Kreis derjenigen erfolgen, die lange im Krankenhaus gewirkt bzw. dort noch Verantwortung tragen. Das soeben erschienene Buch "Vom Krankenhaus zum Medizinischen Leistungszentrum"1) ist hierfür ein praktischer Beleg. Der hier versammelte Sachverstand garantiert, daß eine kurzschlüssige, zum Beispiel nur an Kosten orientierte Betrachtungsweise vermieden und durch eine positive Projektion überwunden wird.
Der Bedarf an konzeptioneller Orientierung für die künftige Krankenhauswirtschaft besteht auch deshalb, weil sich die gegenwärtigen Reformansätze der Politik gerade im Krankenhaussektor als insuffizient erwiesen haben. Es fehlen klare ordnungspolitische Wegmarken, die Einzelschritte der Neuordnung der Krankenhauswirtschaft erscheinen unkoordiniert und lassen Verantwortungslücken (zum Beispiel dauerhafte, ordnungspolitisch klare Finanzierung der Instandhaltung). Eine Krankenhauspolitik, die den Kriterien einer seriösen Staatskunst genügt, ist zur Zeit nicht zu erkennen. Die Gefährdung des bisher unumstritten hohen Leistungsniveaus der deutschen Krankenhäuser ist nicht unrealistisch.


Mehr Verständnis für Ökonomie
Die Darlegungen des Fachbuches tragen auch dazu bei, alte Denkmuster aufzulösen und neue Blickrichtungen zu entwickeln: Der Arzt im Krankenhaus muß sich auf eine zusätzliche ökonomische (Mit-)Verantwortung einstellen, das betten- und kapazitätsorientierte Denken klassischer Provenienz ist obsolet, die Forderung nach verstärkter interner und externer Kooperation und Koordination im Prozeß der Leistungserstellung zwingend. Ärzte, die in der ambulanten Praxis, und solche, die in der Klinik tätig sind, haben ein gemeinsames Handlungsverständnis zu entwickeln. Das überkommene interne Organisations- und Hierarchiegefüge ist den modernen Herausforderungen einer hochspezialisierten Medizin anzupassen.
Die Qualität konzeptioneller Entwürfe ist an der Klarheit der Grundpositionen und Prämissen zu erkennen. Für unverzichtbar ist einzuschätzen die Wahlfreiheit der Patienten und die freie Berufsausübung aller Ärzte, die Erkenntnis, daß strukturelle Probleme des Gesundheitswesens nicht im unmittelbaren Kontakt Patient-Arzt zu lösen sind, daß auch in Zukunft die sozialen Sicherungssysteme mit einem Überhang des medizinisch Möglichen fertig werden müssen, daß moderne, arbeitsteilige Medizin nur im Miteinander innerhalb der Profession und zwischen den Disziplinen gelingen kann und daß es zu einer neuen fairen Arbeitsteilung und abstimmung zwischen ambulantem und stationärem Sektor kommen muß. Die Autoren lassen im übrigen auch keinen Zweifel daran, daß das Krankenhaus des nächsten Jahrhunderts ein Zentrum der Hochleistungsmedizin bleiben wird und sich nicht auf Pflege, Betreuung und Sterbebegleitung - so wichtig diese Funktionen in Zukunft auch sein werden - reduzieren läßt.
Die kritische Bestandsaufnahme ebenso wie die unkonventionellen Vorschläge verdeutlichen aber auch, daß die Probleme des Gesundheitswesens nicht mit konventionellem Besitzstandsdenken und kurzsichtigem Lobbyismus zu lösen sein werden. Dringend erforderlich sind verläßliche rechtliche Rahmenbedingungen, unter denen eine qualitätsorientierte Weiterentwicklung des Krankenhaussektors erst möglich ist. Eine hochstehende stationäre Patientenversorgung ist ein zentraler Anker für den sozialen Frieden in modernen Gesellschaften.


Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe,
Präsident der Ärztekammer Nordrhein,
Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer


1) Elmar Mayer/Beowulf Walter/Klaus Bellingen (Hrsg.): Vom Krankenhaus zum Medizinischen Leistungszentrum (MLZ). Ambulante und stationäre Patientenversorgung der Zukunft, Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, Köln; Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 1997, 334 Seiten, geb., 128 DM

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