THEMEN DER ZEIT: Berichte

Peutinger-Institut für angewandte Wissenschaften – Passivrauchen: Halb so schlimm?

Dtsch Arztebl 1997; 94(28-29): A-1927 / B-1623 / C-1519

Glöser, Sabine

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Das Thema "Freiheit und Verantwortung - diskutiert am Beispiel des Passivrauchens" stand im Mittelpunkt des diesjährigen Expertengesprächs, das das Peutinger-Institut Mitte Juni in München veranstaltete. Der Stockholmer Toxikologe Professor Dr. Robert Nilsson analysierte die toxikologische Wirkung des Tabakrauchs. Äußerst kritisch bewertete Professor Dr. Karl Überla von der Universität München Ergebnisse epidemiologischer Studien zum Passivrauchen.


Ob es einen Kausalzusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs gibt, ist umstritten. Für Professor Dr. med. Karl Überla von der Universität München steht jedoch fest: "Für die gesunde erwachsene Bevölkerung kann ich kein nennenswert erhöhtes Risiko erkennen, an Lungenkrebs zu erkranken", sagte er bei einem wissenschaftlichen Gespräch des Peutinger-Instituts, dessen Träger der gemeinnützige Verein PeutingerCollegium ist. Die Evidenz sei strittig und der Kausalzusammenhang nicht ausreichend gestützt, bewertete er epidemiologische Studien, die einen signifikanten Einfluß des Passivrauchens auf die Entstehung von Lungenkrebs nachgewiesen hatten (vgl. DÄ, Heft 25).
Beispielhaft nannte Überla eine japanische Studie von Takeshi Hirayama aus dem Jahr 1981, die er als wichtigste Kohortenstudie auf diesem Gebiet bezeichnete: Beobachtet wurden rund 91 000 nichtrauchende Frauen zwischen 1966 und 1979. Das Ergebnis: Frauen, die mit starken Rauchern verheiratet waren, hatten ein erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Die Schlußfolgerung, Passivrauchen verursache Lungenkrebs, sei nicht haltbar, kritisierte Überla dennoch. Der Studie fehle eine überzeugende Datenbasis. Zudem seien Exposition und Zielgröße nicht valide bestimmt worden. Bei der Reanalyse der Studie "sind die signifikanten Effekte nicht mehr vorhanden gewesen".


Lungenkrebsrisiko "äußerst gering"
Aus toxikologischer Sicht beleuchtete Professor Dr. Robert Nilsson die gesundheitlichen Risiken, die von "environmental tobacco smoke" (ETS) ausgehen: "Das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, muß als äußerst gering oder sogar vernachlässigbar betrachtet werden." Das bloße Vorhandensein karzinogener Substanzen könne kaum ausreichen, ETS als auf den Menschen wirkendes Karzinogen einzustufen. Denn diese seien auch in Nahrungsmitteln wie Erdnußbutter, Hamburgern oder Pilzen enthalten, argumentierte Nilsson.
Beim Braten und Frittieren entstehende Küchendämpfe enthielten zudem genauso hohe Mengen karzinogener polyaromatischer Kohlenwasserstoffe, Nitrosamine sowie anderer krebsfördernder Substanzen. In Grillküchen sei die Konzentration des polyaromatischen Kohlenwasserstoffs Benzpyren sogar 20- bis 400mal höher als im ETS. Dosimetrische Risikoschätzungen hätten ferner ergeben, daß eine ETS-Aussetzung von acht Stunden täglich dem Rauchen von einem Dreihundertstel bis zwei Zehntel einer Zigarette pro Tag entspreche - als Vergleichswert sei die Nikotinkonzentration bestimmt worden. Auch andere toxische Auswirkungen, wie kardiovaskuläre Erkrankungen, offene Lungenschäden oder Fötus-Deformationen seien nicht zu befürchten, sagte Nilsson. Die Menge der potentiell toxischen Verbindungen, die durch das Einatmen von ETS aufgenommen würde, sei selbst unter extremen Bedingungen zu niedrig.
Professor Dr. jur. Armin Steinkamm, Generalsekretär des Peutinger-Collegiums, wandte sich schließlich gegen gesetzliche Regelungen wie das geplante Nichtraucherschutzgesetz: Konflikte zwischen Rauchern und Nichtrauchern könnten durch gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz geregelt werden. Dr. Sabine Glöser

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