ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Psychiatrie bei Fliege: „Schuldlos im Irrenhaus“

VARIA: Feuilleton

Psychiatrie bei Fliege: „Schuldlos im Irrenhaus“

Knapp, Heinz

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LNSLNS Als guter Mensch von Sezuan rüttelt er am schläfrigen Gewissen der TV-Nation, quirliger Pastor und schäfchenfrommer Moderator zugleich, dabei den Applaus fest im Blick: je gütiger, desto einschaltquotiger. Er weidet seine Zuschauerherde gern auf fetter Themen-Aue, doch sein Stecken und Stab dilettieren dabei in Bereiche hinein, denen es an Klippen und Absturzmöglichkeiten nicht mangelt. Die Rede ist, unschwer erkennbar, von ARD-Fernsehpfarrer Fliege. Wobei das Leichtbeflügelte, das sich mit seinem Namen naturgemäß verbindet, längst in gravierendem Widerspruch steht zur selbstgeschaffenen Schwergewichtsrolle als Allversteher, Tugendbold und patentierter Demonstrator wohlerzogener Verbeugungskultur, dessen Bücklinge wie schweres Herzensgold auf die Gäste fallen.


Rührig
Doch bekanntlich kann solches Rüsseltier auch zum Schadensfall werden, wenn es seine Grenzen verläßt – was der rührige Fliege in den letzten Sendungen deutlich tat. Statt auf das ewige Heil wirft er sich jetzt auf die zeitliche Heilkunst, wo er breite Schneisen vorgeblicher Befreiung trampelt, tief hinein in die Phalanx der Medizin, die, wie er meint, ihm und der Güte engstirnig entgegensteht.
Schon in der Sendung am 19. September 1995 vermochte Fliege seine Gemeinde mit dem geballten Spürsinn (und der entsprechenden Einseitigkeit) des Propheten über die Kraft des Mistelsaftes zu belehren – etwa anhand des Falles einer Magenkarzinom-Patientin, der die Ärzte noch "zwei, drei, vielleicht vier Monate" gegeben hatten (so die nicht weiter belegte Behauptung der Sendung), die aber nach Radikaloperation und 14 Monaten Zytostatika die Zweijahresfrist erreichte – und danach eine Mistelkur begann. Flieges Resümee, warum sie überlebt hat: "... dank der merkwürdigen Heilkraft der Mistel".


Psycho-Szene
Im Oktober hat sich Fliege dann der Psycho-Szene zugewandt. Wobei eine in höchstem Maße verwirrende Sendung über "Zwangsneurosen" herauskam. In einer weiteren Oktobersendung sprach Menschenfreund Fliege die generelle Angst vor Psychiatrie an, und zwar derart, daß er damit Schreckensvisionen auch gleich kräftig anschürte. Prickelnder Titel: "Schuldlos im Irrenhaus." Allein schon diese Überschrift stellte dabei einen beachtlichen Tiefschlag dar, impliziert sie doch, daß seelisch Kranke im "Irrenhaus" beheimatet, moralisch "schuldig" sind und daß es gilt, "Schuldlose", also Nichtkranke, vor dem Eingeriegeltwerden in psychiatrischen Kasematten zu bewahren.
Diese Sendung lief, skurril genug, zu einem Zeitpunkt, als die Psychiater sowieso gerade wieder einmal ihrer angestammten Rolle als Prügelknaben in den Schlagzeilen dienten. Ausgelöst wurde die Medienwelle durch den Ende September erfolgten Ausbruch des Triebtäters Thomas H. aus der Hamburger Klinik Ochsenzoll. Gleichzeitig aber nun auch eine Watsche von links, nämlich Originalton Fliege zum Auftakt seiner PanikSendung: "Wissen Sie eigentlich, daß Sie auch heute noch, heute noch, in ein Irrenhaus eingeliefert werden könnten? Ja, es muß nur zwei in Ihrer Umgebung geben, die sagen, sie hätten gehört, daß Sie wiederum gesagt hätten, Sie halten es nicht mehr aus und würden sich eventuell vor den Zug werfen. Das reicht, das reicht."


Volkes Stimme
Die dann präsentierten "Fälle" reichten allerdings keineswegs. Sie waren so einseitig im Sinn der Anklage ausgewählt und präpariert, daß mangels Sachinformation die wirklichen Krankheitsverläufe nur mit Mühe herauszulesen waren – deutlich genug allerdings, um die Fragwürdigkeit des damit "dokumentierten" Vorwurfs zu erkennen. Etwa, wenn eine 17jährige Schülerin zum Zeitpunkt der Sendung als fröhliches Mädchen präsentiert wurde, über ein Jahr nach ihrem – trotz aller Verharmlosung – aus den eigenen Worten immer noch durchschimmernden depressiv-stuporösen Zustand, der die akute Verbringung aus der Schule ins Krankenhaus und dort dann eine gerichtlich überwachte dreieinhalbwöchige Behandlung notwendig werden ließ. Nun also parlierte sie frisch und frei auf Flieges hilfreicher Tribüne und bewies damit (für den Laien) drastisch die Unhaltbarkeit des einst erhobenen Krankheitsbefundes. Fliege seinerseits minimalisierte tendenziös die (damalige) Reaktionslosigkeit des Mädchens mit Aussagen wie: "Da waren Sie ein bißchen stumm oder so" und fügt gleich beschwichtigend hinzu: "Was vorkommen kann im Leben." Ein junger Mensch sitzt also teilnahmslos im Unterricht, vermag auf Fragen der Umgebung, der Freundin, der Lehrerin nicht zu antworten, kann nur Tränen fließen lassen – und ist doch, so die fliegenschnelle Ex-post-Diagnose, kerngesund. Und dann wird dieser Mensch von den Psychiatern festgehalten, niemand von den tumben, machtgierigen "Weißkitteln" erkennt, was dank Fliege doch so klar ist, daß hier gar keine Krankheit, keine Gefährdung vorliegt.
"Gibt’s denn da keine vernünftigen Leute also (in der Psychiatrie), fragt man sich doch ganz normal." Flieges Stimme, Volkes Stimme. Das Mädchen lächelt, seufzt, ein den Unverstand der Ärzte bedauerndes: "Tja." Das Urteil! Das ist das Urteil. Psychiatrie gleich Dummheit, Borniertheit, Menschenverachtung. Wer wollte da nicht teilnehmen, wo es doch so teilnahmsvoll zugeht? Da muß man doch einfach einschalten. Heinz Knapp

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