ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1997Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Schwere Lungenveränderungen unter Amiodaron

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Schwere Lungenveränderungen unter Amiodaron

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LNSLNS In den vergangenen Monaten sind der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) mehrere Berichte über Lungenveränderungen im Zusammenhang mit einer Amiodaron-Therapie zugegangen. Amiodaron ist derzeit neben Sotalol das einzige Klasse-III-Antiarrhythmikum. Bei ventrikulären Herzrhythmusstörungen kann auf seine Anwendung nicht verzichtet werden (9), so daß dem Auftreten von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Nicht näher eingegangen wird in dieser Mitteilung, die sich lediglich mit pulmonalen Störungen beschäftigt, auf die möglichen Änderungen der Schilddrüsenfunktion, proarrhythmogene Effekte, neurologische Symptome sowie auf Ablagerungen in die Cornea und Hautreaktionen.


Lungenerkrankungen
Lungenerkrankungen werden nach neueren Studien bei 5,8 Prozent der behandelten Patienten beobachtet (5, 6), wenn die täglichen Erhaltungsdosen 300 mg überschreiten. In den erst kürzlich veröffentlichten, plazebokontrollierten EMIAT- und CAMIAT-Studien werden Lungenveränderungen bei 3,8 (2) bzw. 5,2 Prozent der behandelten Patienten beschrieben (10). Die Pathogenese der Befunde ist insofern noch unklar, als eine direkt toxische sowie eine indirekt immunologische Reaktion diskutiert werden (12). Das Auftreten der UAW scheint eher mit der kumulativ verabreichten Dosis als mit der Höhe des Plasmaspiegels zu korrelieren (7). Es sollten deshalb Tagesdosen von 200 bis 300 mg angestrebt werden, weil die Gabe von >300 mg die Häufigkeit für diese gefahrvollen und potentiell tödlich endenden UAW erhöht (6).
Beobachtet wurden c eine chronisch-interstitielle Pneumonitis, c eine Pneumonie mit Bronchiolitis obliterans, c ein akut auftretendes respiratorisches Atemnotsyndrom (häufig nach chirurgischen oder angiographischen Eingriffen im Thoraxraum) sowie
c solitäre Lungenherde (DD: Tumorverdacht).


Befunde und diagnostische Maßnahmen
Bei Amiodaron-induzierten Lungenerkrankungen treten auf: Reizhusten und Dyspnoe bei zumeist fehlendem Auskultationsbefund in 50 bis 75 Prozent der Fälle sowie pleuritische Schmerzen, Gewichtsverlust und Fieberreaktionen bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen. Bei den Patienten finden sich eine Leukozytose, eine erhöhte LDH und eine beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit (12).
Die Diagnose einer Amiodaron-induzierten Lungenerkrankung ist nur durch Ausschluß anderer Erkrankungen wie einer Herzinsuffizienz, infektiösen Pneumonie, Lungenembolie oder eines Lungentumors möglich. Als typische Zeichen sind zu beachten:
c akute Verschlechterung des Allgemeinzustandes,
c neu aufgetretene Befunde im Thorax-Röntgenbild,
c brüske Abnahme der Lungenkapazität um >15 Prozent,
c Nachweis von Phospholipiden in den Lungenzellen,
c deutliche CD8-Lymphozytose (Bronchialspülflüssigkeit) (1) sowie der
c Nachweis diffuser alveolärer Schäden bei der Bronchoskopie (3).
Im Röntgenbild sieht man häufig diffuse oder lokalisierte interstitielle Verschattungen (4). Das Computertomoramm kann in den Lungen, der Leber und Milz solide Herde zeigen, die aus der Iod-Aufnahme in die Makrophagen resultieren (11). Diese Ablagerungen tragen jedoch nicht zur Diagnose einer Amiodaroninduzierten Lungenerkrankung bei. Ein Marker für das Vorliegen einer Amiodaron-induzierten Pneumonitis ist in einer erhöhten Galliumaufnahme zu sehen, jedoch wird sich dieser kosten- und zeitaufwendige Test nicht als Routinemethode durchsetzen (14). Lungenfunktionstests sind nicht beweisend, weil sie bei mit Amiodaron behandelten Patienten ohnedies verändert sind. Eine Abnahme der CO-Diffusionskapazität (DLCO) um >20 Prozent kann als ergänzender Befund gewertet werden.


Behandlung
Bei Auftreten der angeführten Lungenbefunde ist das sofortige Absetzen von Amiodaron zu erwägen, dessen UAW jedoch wegen der langen Eliminations-Halbwertszeit (20 bis 100 d) nur langsam abklingen (8). Alternativ kommen danach, in Abhängigkeit von der Art der Herzrhythmusstörung, entweder Sotalol, eine Katheterablation oder ein Kardioverter-Defibrillator in Frage. Zusätzlich ist die Gabe von 40 bis 60 mg Prednisolon(äquivalent) erforderlich, das bei etwa drei Viertel der Patienten zur Rückbildung der Lungenbefunde führt.


Prognose
Die Prognose einer Amiodaron-induzierten Lungenerkrankung ist bei rechtzeitigem Erkennen des Zusammenhangs mit Amiodaron im allgemeinen günstig. Bei 75 Prozent der Patienten kam es nach Absetzen des Antiarrhythmikums und der Gabe eines Kortikosteroids zu deutlichen Besserungen (3). An einer durch Amiodaron ausgelösten Pneumonitis starben 10 Prozent der Patienten, während unter der Ausbildung eines Atemnot-Syndroms jeder zweite Patient verstarb (13).


Meldung von UAW
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft bittet die Kolleginnen und Kollegen, ihr auch weiterhin entsprechende Beobachtungen (auch Verdachtsfälle) auf dem bekannten Berichtsbogen, formlos oder telefonisch mitzuteilen.


Literaturverzeichnis bei der Geschäftsstelle


Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233-237, 50931 Köln, Tel 02 21/40 04-5 18, Fax 02 21/40 04-5 39

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