POLITIK: Kommentar

Forschung an Nichteinwilligungsfähigen: Diskussionsbedarf

Dtsch Arztebl 1997; 94(30): A-1983 / B-1678 / C-1491

Dörner, Klaus; Leidinger, Friedrich

Nachdem die Frage der Forschung an nichteinwilligungsfähigen Probanden bislang vornehmlich in den Vorständen der - interessierten - medizinischen Fachgesellschaften behandelt wurde, ist zu begrüßen, daß die "Zentrale Ethikkommission" bei der Bundes­ärzte­kammer mit ihrer Stellungnahme (DÄ, Heft 15/1997) eine Diskussion innerhalb der gesamten Ärzteschaft in Gang gesetzt hat.
Es ist zu begrüßen, daß die Kommission mit ihrer Stellungnahme nicht der "Menschenrechtskonvention zur Biomedizin" des Europarates beigetreten ist, daß die Kommission sich nicht einige ethisch bedenkliche Empfehlungen aus H. Helmchen und H. Lauter "Dürfen Ärzte mit Demenzkranken forschen?" (Stuttgart, 1995) zu eigen gemacht hat und daß die Kommission feststellt, daß niemand ohne seine Einwilligung für die Interessen anderer "instrumentalisiert" werden darf (I, 3). Damit hält sie an der Kernnorm des Nürnberger Ärzte-Kodex fest, der freilich als Bezugspunkt hätte erwähnt werden sollen.
Konsequenzen
Unvollständig bedacht erscheint hingegen, daß die Kommission diese Grundposition mit der Auffassung relativiert, man dürfe einer Person geringfügige Risiken zumuten, wenn damit anderen eine große Hilfe erwiesen werden kann. Die im Kontext der Stellungnahme gemeinte Grundlagenforschung ("fremdnützige" Forschung) ist wohl kaum mit Tatbeständen vergleichbar, für die das allgemeine - auch für nichteinwilligungsfähige Personen gültige - Gebot der Hilfeleistung gilt. Doch auf welches andere Gebot sollte dies sich sonst stützen? Auch dürfte die gesamte Fallgruppe I, 2 ("mittelbarer Nutzen") rechtlich bedenklich, zumindest aber in Satz 2 überzogen sein; denn da ich fast alle Erkrankungen noch bekommen kann, würde das bedeuten, daß mir geradezu beliebige kontrollierte Therapiestudien als mein "objektives Interesse" aufgenötigt würden. Hier ist die eigentlich zu fordernde Norm der Unmittelbarkeit meines Nutzens zugunsten eines nur potentiellen mittelbaren Nutzens nicht nur überdehnt, sondern verlassen. Ähnliches gilt auch für die Feststellung in der Präambel, ein Verbot der klinischen Forschung an nichteinwilligungsfähigen Menschen komme einem Verzicht auf therapeutischen Fortschritt gleich und sei moralisch nicht vertretbar. Bei aller Anerkennung der letztlichen Unauflösbarkeit des ethischen Dilemmas ist dies zu pauschal und undifferenziert: Da nach bisher gültigem Recht klinische Versuche an nichteinwilligungsfähigen Probanden strafbar sind, ergibt sich die Frage, ob die Kommission die Auffassung vertritt, daß in der Behandlung und Versorgung von relevanten Erkrankungen bei nichteinwilligungsfähigen Menschen in der Vergangenheit keine Fortschritte gemacht worden sind oder daß Fortschritte nur durch illegales Verhalten der Forscher möglich gemacht wurden.
Zum Schluß noch eine sprachliche, aber vielleicht folgenschwere Frage: Bisher wurde im deutschen Sprachraum stets "an" Menschen geforscht, um die Aufmerksamkeit dafür wachzuhalten, daß mit dieser Tätigkeit eine gewisse Verobjektivierung des Menschen unvermeidbar verbunden ist; daher ja auch die ethischen Schutz- und Kontrollbemühungen, die sonst überflüssig wären. In der Stellungnahme der Kommission wird jetzt auf einmal "mit" Menschen geforscht. Welche Bedeutung kann diese unscheinbare Veränderung haben? Eine rein rhetorische und damit ideologische Beschönigung und Harmonisierung der harten realen Schwierigkeiten und Dilemmata (so, wie mal alle in dem "einen Boot" der Volksgemeinschaft gesessen haben) kann damit nicht gemeint sein. Aber was sollte das "mit" statt dessen bedeuten? Vom Lateinischen her ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder das "mit" drückt den Ablativus instrumentalis aus; aber den will die Kommission - dankenswerterweise - gerade ausschließen. Ober aber das "mit" meint das "cum" der Begleitung. Das aber ist aufregend, ja revolutionär: Forschung wird damit zu einem "Miteinander". Probanden willigen nicht mehr per Unterschrift in das ein, was Forscher-Experten ihnen als zustimmungsfähig erklären. Zwei Gruppen freier und gleicher Bürger - Probanden und Forscher - treffen sich demnach an einem neutralen dritten Ort, weil sie gemeinsam ein soziales Gut (Forschung) selbstbestimmt produzieren wollen. Es stimmt nicht mehr die eine Seite der anderen Seite zu, sondern beide Seiten treffen sich auf derselben Ebene und unterschreiben einen Vertrag, mit dem sie einmal eine wechselseitige Abhängigkeit anerkennen.
Um abschließend nur eine der sich somit aus diesem "mit" ergebenden spannenden Konsequenzen zu benennen: Der für ein Forschungsprojekt zuständigen Ethikkommission muß zwingend mindestens eine Person als Mitglied angehören, welche die Interessen der nichteinwilligungsfähigen Probanden vertritt, so wie andere Mitglieder andere Interessen vertreten. Diese Regelung sollte die Kommission - nach Diskussion - schon jetzt in die endgültige Formulierung ihrer Stellungnahme aufnehmen.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner,
Dr. med. Friedrich Leidinger
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