ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1997Jahrestagung der British Medical Association: Ärzte fordern mehr Geld fürs Gesundheitswesen

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Jahrestagung der British Medical Association: Ärzte fordern mehr Geld fürs Gesundheitswesen

Thomas, Kurt

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LNSLNS Der staatliche Krankenhaussektor in Großbritannien steht vor einer der größten Bettenkrisen der Nachkriegszeit. "Im kommenden Winter wird außer Notfalloperationen so gut wie nichts mehr gehen", sagte der Vorsitzende der British Medical Association (BMA), Dr. Sandy Macara, zum Abschluß des britischen Ärzetages in Edinburgh. Die Delegierten votierten während der fünftägigen Versammlung unter anderem für die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken, gegen aktive Sterbehilfe und gegen Arztpraxen in Supermärkten und Kaufhäusern.


Auf der Tagesordnung des britischen Ärztetages, der in diesem Jahr im schottischen Edinburgh stattfand, stand unter anderem die prekäre Situation des staatlichen Gesundheitsdienstes. Die Delegierten stimmten mit großer Mehrheit für eine Resolution, in der der neue Labour-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson aufgefordert wird, mehr Geld für die Finanzierung des staatlichen Krankenhauswesens bereitzustellen. Andernfalls drohe im kommenden Winter "die schlimmste Bettenkrise seit Ende des Zweiten Weltkrieges", so der Vorsitzende der BMA, Dr. Sandy Macara.
Der britische Ärztebund, der rund 75 000 Ärztinnen und Ärzte repräsentiert, legte Zahlen vor, wonach in den rund 2 000 staatlichen Krankenhäusern schätzungsweise mindestens 100 000 Betten fehlen. Die BMA wies darauf hin, daß derzeit innerhalb des National Health Service mehr als eine halbe Million Patienten auf eine Operation warteten.
Die Ärzte forderten die neue Regierung auf, mehr Geld für die Finanzierung des NHS bereitzustellen. "Wenn das bedeutet, daß die Steuern erhöht werden müssen, dann müssen die Steuern eben erhöht werden", kommentierte Dr. Evan Harris, Assistenzärztin aus Oxford. Diese Ansicht fand durchaus die Zustimmung anderer Teilnehmer. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Dobson dagegen erkennt zwar das Problem der Bettenknappheit als "dringend" an. Andererseits hat die Labour-Regierung den Wählern versprochen, von Steuererhöhungen abzusehen.
Zahlreiche Delegierte berichteten über eine weitverbreitete berufliche Unzufriedenheit der Ärzte. Die britischen Ärzte seien es leid, von Politikern "wie Mutter Teresa" behandelt zu werden. Die Ärzte des staatlichen Gesundheitsdienstes arbeiteten unter enormem wirtschaftlichen Druck. Gleichzeitig sei das Ge­sund­heits­mi­nis­terium aber nicht bereit, die Kollegen angemessen finanziell zu entlohnen, sagte der BMAVorsitzende Macara. Unter großem Beifall der Delegierten forderte er den Ge­sund­heits­mi­nis­ter auf, die ärztlichen Einkommen in diesem Jahr "um zweistellige Prozentraten" aufzubessern.
Kein Strafgeld
für säumige Patienten
Die schlechten Verdienstmöglichkeiten werden nach Angaben vieler Delegierter zusätzlich verschärft, weil Patienten zunehmend ihre Arzttermine nicht einhalten. "In unserer Praxis ist es so schlimm, daß wir Termine zweimal vergeben", berichtete eine Allgemeinärztin. Dennoch votierten die BMA-Delegierten mit knapper Mehrheit dagegen, säumigen Patienten Strafgelder aufzuerlegen. Das käme einer Besteuerung der Kranken gleich und sei mit ärztlicher Ethik nicht vereinbar. Britische Zahnärzte arbeiten dagegen seit Jahren mit Geldstrafen, um Patienten zur Pünktlichkeit zu erziehen.
Schwierig ist auch die Lage der Universitätsmedizin in Großbritannien. Ihr fehlt es an Nachwuchs. "Ärzte in Universitätskliniken stehen vor dem Dilemma, Patienten behandeln, Studenten ausbilden und zudem ihre Forschung betreiben zu müssen", so ein Londoner Arzt. Die Delegierten forderten die Regierung auf, akademische Stellen wieder attraktiver zu machen. Einer Studie britischer Universitäten zufolge ist landesweit jede dritte Professorenstelle in der klinischen Medizin nicht besetzt, weil es an Bewerbern fehlt.
Einer der wichtigsten Beschlüsse von Edinburgh: Die Delegierten stimmten mit großer Mehrheit gegen die Einrichtung von Arztpraxen in Supermärkten und Kaufhäusern. Britische Politiker hatten in jüngster Vergangenheit mehrfach versucht, die gesetzliche Grundlage für eine solche Einrichtung zu schaffen. Die Ärzte fürchten, daß eine Verquickung von Kommerz und Medizin die ärztliche Unabhängigkeit gefährdet.
Überraschend stimmte der Ärztetag für die Legalisierung von Cannabis zu "Therapiezwecken". Die öffentliche Kontroverse um den Gebrauch der Droge ist durch diesen Beschluß der Ärzteschaft erneut entflammt. Das letzte Wort hat jetzt der Gesetzgeber. Der dürfte einer Legalisierung derzeit kaum zustimmen, so gesundheitspolitische Beobachter.
Zum Abschluß ihrer Jahresversammlung sprachen sich die Delegierten dafür aus, den 2 500 Jahre alten hippokratischen Eid neu zu formulieren. Zahlreiche Delegierte hatten die geltende Fassung als "völlig überholt" kritisiert. Besonders junge Ärzte hätten große Probleme, sich mit dem Eid zu identifizieren. Der Ärztebund sucht derzeit nach einem Dichter, der einen "zeitgemäßen Eid" schreiben soll.
Der Ärztetag stimmte außerdem mit überwältigender Mehrheit gegen die Legalisierung aktiver ärztlicher Sterbehilfe. "Unsere Aufgabe als Ärzte ist es, Leben zu retten und Leiden zu lindern. Nichts anderes", so der Vorsitzende Macara. "Unsere Patienten erwarten von uns, daß wir auf der Seite des Lebens stehen, nicht auf der Seite des Todes." Kurt Thomas

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